Kliniken im Würgegriff - Sparkurs in Hall und Crailsheim

"Da läuft etwas falsch", sagt selbst Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr in Ilshofen. Die Länder würden zu wenig zur Finanzierung von Klinikneubauten beitragen. Hall und Crailsheim trifft das hart.

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Eingriff am Herzen in der Haller Diakonie. In diesen Klinikbereich wurden zuletzt 2,5 Millionen Euro investiert. Geld, das nicht mal zur Hälfte vom Land ersetzt wird, laut der Intention des Gesetzgebers aber zu 100 Prozent fließen sollte.  Foto: 

Es geht um Milliardensummen und um das Kinderspiel mit dem Schwarzen Peter. Wer ist für die Finanzlücke verantwortlich, mit denen Kliniken in Hall und Crailsheim zu kämpfen haben? Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr schiebt die Karte am Freitag bei seinem Auftritt in Ilshofen den Ländern zu: "Die ziehen sich aus der Krankenhausfinanzierung zurück." Dabei müssten sie Investitionen vor Ort zu 100 Prozent bezahlen. Bahr sagt ganz klar, dass Neubauten nicht aus dem laufenden Betrieb bezahlt werden könnten. Denn die Gelder seien dort rein für die Patientenversorgung bemessen.

Neubau oder nicht: Es fehlt eine Million jährlich

Doch genau das passiert. Weder beim Neubau in Hall noch in Crailsheim reicht das Geld vom Land aus. Pfarrer Hans-Joachim Lenke, Vorstandsvorsitzender des Diakoniewerks und zugleich Klinik-Geschäftsführer, freut sich grundsätzlich über die Unterstützung aus Stuttgart. Rund zwei Drittel des Neubaus, der im ersten Abschnitt 126 Millionen Euro kosten wird, gibt es als Zuschuss. "Wir sind froh, dass wir in Württemberg sind und noch was bekommen", sagt er. Allerdings muss das Diak Eigenmittel für den Neubau einbringen - 42 Millionen Euro im ersten Abschnitt.

Das sei beim Klinikum in Crailsheim anders. Sowohl der Eigenbeitrag für den Neubau (26,4 Millionen Euro) als auch das Minus im laufenden Geschäft (zuletzt eine Million Euro) werden aus der Kreiskasse direkt beglichen.

Das Kuriose an dem System: Selbst wenn es keinen Neubau zu finanzieren gäbe, müsste das Diak-Klinikum jährlich eine Million Euro einsparen, um über Wasser zu bleiben. Denn die Einnahmen steigen langsamer als die Ausgaben.

Klinik-Geschäftsführer Dr. Peter Haun erklärt das so: Geld kommt über die Fallpauschalen rein. Und deren Berechnung erfolgt über einen Beispielpatienten. Früher war der 30 Tage in der Klinik - heute sind es nur noch sechs. In dieser Zeit kostet er 3114 Euro. Berechnet wird das jährlich durch Stichproben in vielen Häusern. Die exakte Abrechnung erfolgt nach einem komplizierten System. Pauschal lasse sich aber sagen: Schafft es ein Krankenhaus, effizienter als der Durchschnitt der anderen Häuser im Land zu sein, macht es Gewinn. Dem Diak gelinge das. Es schreibt im vergangenen Jahr ein Plus von rund zwei Millionen Euro.

Das Problem: Personalkosten machen rund 60 Prozent der Ausgaben aus. Die Löhne haben sich seit 2003 jedes Jahr um 3 Prozent erhöht, die Einnahmen für die Krankenhäuser aber nur um jährlich 1,7 Prozent. Bei den Sachausgaben konnte das Diak durch das aktuelle Sparprogramm "eine Millionen Euro reinholen", wie Haun erläutert. Bei den Personalkosten sucht das Diak nach Einspar-Möglichkeiten - wie zum Beispiel durch die umstrittene Auslagerung des Bringedienstes.

Dauerhaft bleibe der Finanzierungsengpass eine Herausforderung, der einen Neubau und die notwendige, kontinuierliche Investition in moderne Medizintechnik erschwere.

Von einst 3600 Kliniken sind noch 2000 übrig

Breche man die Zahlen auf das Diak herunter, gelte es eine Millionen Euro jedes Jahr bei den Ausgaben einzusparen - bei einem Umsatz im Diak-Klinikum von ziemlich genau 100 Millionen Euro. Das geschieht zum Beispiel durch die Verbesserung von Arbeitsabläufen. Klinik-Manager Peter Haun: "Wir brauchen jedes Jahr 20 neue Ideen für Einsparungen. Daraus resultiert das, was als Druck wahrgenommen wird. Seit zehn Jahren haben wir aber ein positives Ergebnis. Da steckt viel Intelligenz der Ärzte und der Pflegekräfte mit drin."

Pfarrer Lenke zeigt Verständnis für die Klagen über steigende Arbeitsbelastungen in der Pflege: Zeiten mit wenigen Patienten existierten kaum mehr. Wegen der kurzen Aufenthaltsdauer gebe es viel mehr schwere Fälle im akuten Stadium der Krankheit, die einen hohen Pflegeaufwand erforderten.

Wie geht es weiter? Wachsen oder weichen? Laut Krankenhausreport sind 20 Prozent der Häuser mit weniger als 200 Betten insolvenzgefährdet, bei den großen Kliniken sind es 13 Prozent. Das Diak sei mit 492 Betten dicht an der kritischen 500-Betten-Marke dran, erläutert Haun. In der alternden Gesellschaft seien aber bald immer mehr Krankenhausbehandlungen gefragt.

Das könnte das Kliniksterben verzögern. Im Jahr 1966 gab es in Deutschland 3600, heute sind es nur noch rund 2000 Kliniken. Die in Hall und Crailsheim blieben bestehen, das Krankenhaus in Gaildorf wurde vor einem Jahr geschlossen.

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