Kleine Kinder liebevoll im Blick

Betreuung: In den meisten Städten gibt es nicht für alle Kleinkinder einen Platz, an dem sie beaufsichtigt und gefördert werden. Im Landkreis Schwäbisch Hall schon.

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Auf winzigen Hockern, auf die sie sich – voller Stolz – ganz alleine setzen können, sitzen die Ein- bis Dreijährigen an einem sehr niedrigen Tisch und frühstücken gemeinsam. Es herrscht eine fröhliche Stimmung in der Waldorfkinderkrippe Wurzelstube in Crailsheim. 20 Kleinkinder werden hier in zwei Gruppen von 7.30 bis 14 Uhr betreut. „Die Krippe hat sich sehr gut entwickelt“, berichtet Leiterin Brigitte Drexel. „Im November 2013 haben wir mit wenigen Kindern angefangen. Inzwischen gibt es sogar eine Warteliste.“

Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen für Kleinkinder ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Stärker sogar als die Anzahl der Plätze. Die Zahlen sind insgesamt alarmierend: Für jedes zehnte Kleinkind unter drei Jahren, dessen berufstätige Eltern eine Betreuung suchen, gibt es keinen Platz in einem Kindergarten oder bei einer Tagesmutter. Das haben Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ergeben. Demnach fehlten bundesweit derzeit rund 228.000 Betreuungsplätze für die Altersgruppe ein bis drei Jahre. Die Betreuungslücke ist im Westen mit 11,4 Prozent übrigens fast doppelt so groß wie in den östlichen Bundesländern, wo 5,9 Prozent der Kleinkinder keinen Platz finden. Alarmierend ist das deswegen, weil es für ein- und zweijährige Kinder einen Rechtsanspruch auf einen öffentlich geförderten Betreuungsplatz gibt.

Die Ursache sehen die IW-Forscher zum einen darin, dass nicht genügend Betreuungsplätze für Kleinkinder eingerichtet worden sind. Gleichzeitig sei in den vergangenen Jahren der Bedarf deutlich gestiegen: Während die Politik vor zehn Jahren noch davon ausgegangen sei, dass sich 35 Prozent der Eltern einen Betreuungsplatz für ihr unter dreijähriges Kind wünschen, seien es nach neueren Zahlen des Bundesfamilienministeriums inzwischen mehr als 43 Prozent. Hinzu kommt: In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren, auch unter den Zuwanderern gibt es viele kleine Kinder. Der Bedarf wird folglich wohl weiter steigen. Die Bundesregierung versucht bereits gegenzusteuern. Bis 2020 sollen rund 100.000 zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen werden. Dafür werden rund 1,1 Milliarden Euro bereitgestellt.

Im Landkreis Schwäbisch Hall stellt sich die Situation weniger dramatisch dar. In der Stadt Hall stehen 385 Plätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung. „Diese setzen sich zusammen aus 140 Plätzen in städtischen Einrichtungen, 125 Plätzen bei freien und kirchlichen Trägern sowie 20 Plätzen bei Tagespflegepersonen und 100 Plätzen in altersgemischten Kindergartengruppen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist der Bedarf gedeckt“, berichtet Pressesprecherin Franziska Hof.

Es gibt bei der Stadt eine zentrale Vormerkstelle, die den Betreuungsbedarf der Eltern sowie den gewünschten Eintrittstermin des Kindes erfasst. „Die Vormerkstelle fragt die Belegung der Krippenplätze in den Einrichtungen ständig ab, so dass die städtischen Beschäftigten flexibel auf kurzfristigen Bedarf durch Zuzüge oder eine veränderte Familiensituation reagieren können“, so Hof. Bis zum Jahr 2019 seien bereits 252 Krippenplätze vorgemerkt. Überhaupt ist die Stadt in Sachen Kleinkinderbetreuung Vorreiter in Baden-Württemberg: Bereits im Jahr 1989 wurde eine Familiengruppe im Kindergarten Hagenbach für 18 Kinder von ein bis sechs Jahren eröffnet.

Auch in Crailsheim wird der Bedarf an Krippenplätzen gedeckt: 142 stehen aktuell zur Verfügung, 70 davon sind städtisch. „Wenn der Bedarf von den Eltern sechs Monate vor der tatsächlichen Betreuung angemeldet wird, können wir einen Platz bieten“, berichtet Pressesprecherin Michaela Butz. „Diese sechsmonatige Frist ist auch im Gesetz zu finden.“ Derzeit würden sogar Kinder aus den Umlandgemeinden in Crailsheim betreut, da diese den Bedarf nicht decken könnten.

Die erste Krippe in Crailsheim gab es im Jahr 2001 im Kinderhaus Zottele, einem freien Träger. Sieben Jahre später eröffnete die erste städtische Krippengruppe im Betty-Essinger-Weg. Seither richtet die Stadt bedarfsgerecht weitere Gruppen ein. „Durch die steigende Geburtenrate ist eine weitere Gruppe in Planung“, so Butz.

Der Ausbau der Kinderbetreuung ist im Kinderförderungsgesetz festgehalten und wird durch die Bundesregierung mit Investitionsprogrammen gefördert. Mit dem Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) aus dem Jahr 2005 sowie dem Kinderförderungsgesetz (KiföG) von 2008 und dem darin verankerten Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz wurden die gesetzlichen Grundlagen für den beschleunigten Ausbau eines bedarfsgerechten Betreuungsangebots geschaffen. Bund, Länder und Kommunen haben seitdem den Ausbau der Kindertagesbetreuung vorangetrieben.

Seit dem 1. August 2013 gilt der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Damit sollen nicht nur Kinder von berufstätigen, sondern auch Arbeit suchenden Eltern einen gesicherten Betreuungsplatz bekommen. Mit dieser Änderung fiel eine der letzten Hürden für Alleinerziehende, die oft erst einen Arbeitsplatz finden, wenn sie die Betreuung ihres Kindes gesichert haben. hof

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