Klarinettenvirtuose Giora Feidman wird im Haller Neubau-Saal umjubelt

Mit dem Programm "Jazz Experience" kam Giora Feidman nach Hall, doch die Jazz-Improvisationen überlässt der Klezmer-Klarinettist seiner Begleitband. Der 77-Jährige wird im vollen Neubau-Saal umjubelt.

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Der Klarinettist Giora Feidman schaut konzentriert auf den Cellisten Stephan Braun (nicht im Bild). Reentko Dirks begleitet auf der Gitarre. Foto: Hans Kumpf

Ein Ton definiert sich nicht bloß durch Höhe und Dauer. Bei Giora Feidmans Klarinettenspiel tun sich in einem einzigen Ton ganze Klangwelten auf. Der Ton wird scharf angestoßen oder angeschleift oder mit einem Impuls vom Gaumen zum Schwingen gebracht. Mit einem wohldosierten Vibrato erhält er Wärme, mit Flatterzunge wird er aufgeraut, mit anschwellender Dynamik gewinnt er Plastizität, um dann am Schluss - nach oben oder unten - abgewürgt zu werden. Der Ton wird in und durch die Klarinette gehaucht, er tanzt, singt, schreit, juchzt und schluchzt. Alles geschieht mitunter in atemberaubender Schnelligkeit und stets in höchster Kunstfertigkeit.

Ohne verstärkende Elektrohilfe füllt Feidman mit seinem Blasinstrument jeden Raum aus. Er verfügt nach wie vor sowohl über die Körperkraft, um sich lautstark auszudrücken, als auch über die Disziplin, um im vielfachen Pianissimo immense Intensität auszustrahlen.

Giora Feidman gilt längst als Synonym für Klezmer-Künstler. Klezmer entstand vor dreihundert Jahren in den jiddischen Gemeinden Osteuropas und nahm Elemente von slawischer und türkischer Folklore sowie Musik des Balkans in sich auf. Dass auch Jazzfeeling in die jüdische Seele einging, ist bei dieser weltoffenen Musik nur natürlich.

Freilich: Giora Feidman selbst ist kein Vollblutjazzer, was dem langjährigen Sinfonieorchesterinstrumentalisten nicht verübelt werden muss. Doch schon in seinem Konzertprogramm vor über einem Vierteljahrhundert integrierte er Jazztitel wie Chick Coreas "La Fiesta" oder die Eubie-Blake-Ballade "Memories of You" im Swing-Stil von Benny Goodman.

Die Aktion "Klezmer meets Jazz" ist also so neu nicht. Nun variiert und verziert Feidman das Themenmaterial auf seiner transparenten B-Klarinette aus Plexiglas mit Boehm-Griffsystem, ohne Eigenständiges zu schaffen. Wirklich kreative Improvisation bieten dagegen seine drei Begleitmusiker, welche auch als einfühlsame Klezmer-Komponisten in Erscheinung treten: Guido Jäger am Kontrabass, Reentko Dirks an der Gitarre und Stephan Braun am Violoncello, das auch mal wie die Geige von Stéphane Grappelli erklingen kann, prägnant gezupft wird oder durch Schlagen auf den Korpus als Perkussionsinstrument dient. Tiefe Klangtupfer setzt Feidman sporadisch mit seiner Bassklarinette. Als Jazz-Standards sind im Konzert beispielsweise Duke Ellingtons arabisierendes "Caravan", der "Waltz for Debby" von Bill Evans und Songs wie "Summertime" und "Autumn Leaves" zu hören.

Ein humorvoller und routinierter Entertainer ist Giora Feidman allemal. Er vergisst nie, seine Herzensangelegenheit zu vermitteln: Musik sei die gemeinsame Sprache der Menschheit - über alle Grenzen und Religionen hinweg. Der 1936 in Buenos Aires geborene Kosmopolit kombiniert friedensstiftend die Hymne der Palästinenser mit derjenigen von Israel, die sich ja aus der gleichen jiddischen Quelle wie Smetanas "Moldau" speist, und unserer Haydn-Weise.

Vor allem in Deutschland kann sich Giora Feidman über ein treues Publikum freuen, das auf Anleitung auch mal behutsam mitsingt. Der betagte Maestro selbst schont sich nicht. In der Konzertpause und nach Ende der Vorstellung eilt er mit dem dicken schwarzen Filzstift ins Foyer, um sein Biografie-Buch, CDs und Notendrucke zu signieren. Fünf Wochen dauert die Tournee, nur montags ist spielfrei. Der nächste Termin Feidmans in der Nähe: am 17. November im Stuttgarter Theaterhaus.

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