Kein Paragraphenreiter

Hermann Hoben ist stellvertretender Leiter im Fachbereich Bürger und Ordnung der Stadt Schwäbisch Hall. Nun geht der 64-Jährige in den Ruhestand.

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Ist mit sich selbst im Reinen: Hermann Hoben, der im Ruhestand mit seiner Frau im Wohnmobil verreisen will.  Foto: 

Vor dem Auszug kommt der Umzug. Hermann Hoben ist mit seinen Habseligkeiten aus dem großen Raum, welcher jahrelang sein Büro war, in einen kleinen Nebenraum gewechselt. Dort hängt ein Aquarell einer Landschaft, von ihm selbst gemalt, im Schrank liegt ein Fahrradhelm und eine angebrochene Tafel Schokolade. Auf dem Stuhl sitzt der Maler, Radfahrer und stellvertretende Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste und Ordnung und beantwortet freundlich und ein wenig bescheiden mit ganz ruhiger Stimme die Fragen.

Aus irgendeinem Grund scheint er in diesen, von Bürokratie umsäumten Raum, nicht recht hineinzupassen. Der eher schmächtige Mann, in blauem Hemd und Jeans, wundert sich über die rund 35 Dienstjahre, die er bereits an dieser Stelle tätig ist. Obgleich seine Zuständigkeiten oft gewechselt haben. War er doch in Ausländerangelegenheiten, für Bußgelder, Gewerbe, Waffenbesitz, Polizeirecht, Verkehr, Kundgebungen und Wahlen verantwortlich. „Ich wollte mir zu Anfang noch offen lassen, ob nicht noch etwas anderes kommt.“ Kultur hätte ihn interessiert. Aber er blieb. Und hatte eine gute Zeit. Vor allem, so scheint es, hatten die Menschen, die mit ihm zu tun hatten, eine gute Zeit.

„Wenn ich mit wütenden Leuten konfrontiert bin, dann höre ich erstmal zu und fühle mich in sie hinein“. Selber wütend wird er so gut wie nie. „Ärger ist ein schlechter Ratgeber.“ Nach einem schwierigen Gespräch kommt es durchaus vor, dass der Mensch rausgeht und sich bedankt. Das freut Hermann Hoben und ist wohl ein bisschen seine Mission an diesem Platz, der so grau daherkommt. Spaßverderber, Regelsetzer, Gesetzeshüter, all das muss er hin und wieder sein, aber er bleibt Mensch dabei. „Man darf sich nicht hinter den Vorschriften verstecken.“ Besonders schwierige Fälle geben die Kollegen an ihn weiter, weil er so schön ruhig sei, finden sie. Er muss natürlich die Gesetze einhalten, aber wenn ein Mann zu ihm kommt, der eine Wirtschaft eröffnen möchte und Alkoholiker ist, ihm aber verspricht, nicht mehr zu trinken, dann gibt er ihm eine Chance. Wenn er ihm vertraut. Seit er ein paar Mal im Jahr auf die andere Seite der Theke rutscht und in einem mobilen Wagen Flammkuchen verkauft, versteht er die Gastronomen viel besser.

Menschen grüßen freundlich

In der Stadt kennen ihn die Leute, viele grüßen und reden mit ihm. Neulich kamen ihm in einem Baumarkt drei Farbige entgegen, freudestrahlend und haben sich bei ihm für damals bedankt. Was damals war, weiß Hoben gar nicht mehr so genau. Vermutlich hat er ihnen mit dem Ausländerrecht geholfen.

Sein freundlicher Blick wird plötzlich traurig. „Ich habe nie etwas mit nach Hause genommen, aber die menschlichen Schicksale, die ich in der Ausländerbehörde mitbekommen habe, die konnte ich nicht abschütteln.“ So hat er für einen Kosovaren, der wegen eines Missverständnisses in Skopje festsaß, in Hall aber schon ein neues Leben begonnen hatte, alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit er zurückkommen konnte.

Die meisten Erinnerungen sind gute, aber Hoben erinnert sich auch an schwierige Momente. „Die verkorkste Gemeinderatswahl“, fällt ihm sofort ein. Das war 2004, da fiel die Datenverarbeitung für die Auswertung der Stimmzettel aus. Und zugleich war das die Zeit, in der sie im Amt viel Arbeit hatten mit rechtsradikalen Demonstrationen in Hall.

Volkszählung abgeblasen

Schlecht gelaufen sei auch die Volkszählung 1983. Sie hatten alles vorbereitet, da hatte die Bundesregierung die Aktion aus Datenschutzgründen abgeblasen. „Was für Mengen an Papier wir da wegschmeißen mussten.“

Im Nebenraum, seinem alten Büro, sitzt Annette Wagenländer. Zwei Wochen lang lernt er sie ein, geduldig und gewissenhaft. Dann gibt der Oberbürgermeister einen Abschied für den langjährigen stellvertretenden Leiter.

Dieser macht keinen Cut, habe gerne seine Arbeit gemacht und werde in Verbindung bleiben. Der Vater und Großvater freut sich auf die Zeit, die nun anbricht, und ist neugierig auf das, was nun kommt. Er plant, mit seiner Frau im Wohnmobil des Öfteren zu verreisen.

Hermann Hoben wurde vor 64 Jahren in  Untermünkheim geboren, wo er immer noch lebt. Er machte in Gailenkirchen eine Ausbildung zum Vorpraktikanten, arbeitete im Haller Landratsamt, studierte an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl und  absolvierte seinen Wehrersatzdienst als Rettungsfahrer beim Deutschen Roten Kreuz in Hall. Hoben arbeitete im Ordnungsamt in Öhringen bevor er 1981 zur Stadt Hall kam. Hermann Hoben ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkel. sasch

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