Kammer in Haller Michaelskirche: Denkmalamt sieht hohen Seltenheitswert

Die Kammer oberhalb der Sakristei schlummert seit rund 500 Jahren im Dornröschenschlaf. Die Zeit scheint in dem Raum stehen geblieben zu sein. Nun soll der Bestand geschützt, vorsichtig renoviert werden.

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Die Michaelsdarstellung mit Jahreszahl 1504 befindet sich im Gewölbezwickel der Ostwand der Schatzkammer. 1495 war Grundsteinlegung für den neuen Chor von St. Michael, wobei Sakristei und Kammer ausgebaut wurden.  Foto: 

"Das kann doch eigentlich nicht sein, dass das so gut erhalten ist. Das ist etwas ganz ganz Besonderes", gibt Martina Fischer ihre Gedanken wieder, die sie hatte, als sie erstmals in der Kammer war. Über eine Wendeltreppe gelangte die Restauratorin vor eine doppelte Stahltür mit vielen Verriegelungen, komplizierten Schlössern - die einen ganz besonderen Schatz schützt? Die Kammer ist heute leer, früher waren einer Chronik zufolge vor allem Paramente der Schatz - kunstvoll gestickte und mit Perlen verzierte Wappen, Mariendarstellungen und Kruzifixe.

"Das Besondere ist heute, dass es keine restauratorischen Eingriffe, keine Befestigungen, keine Übermalungen im Laufe der Zeit gab. Die Kammer ist im Zustand wie vor rund 500 Jahren", freut sich Martina Fischer, die seit über 30 Jahren in ihrem Beruf arbeitet, aber so etwas Kostbares noch nicht gesehen habe. Es erscheinen im Raum eine Flammenmalerei am Schlussstein, bemalte Rippen, stilisierte Lilien am Gewölbe und Engeldarstellungen an Wänden - eine davon zeigt den Erzengel Michael, dem die evangelische Stadtparrkirche geweiht ist.

"Das ist sehr ungewöhnlich und hat einen hohen Seltenheitswert", unterstreicht Bärbel Nägele von der unteren Denkmalschutzbehörde. Der Originalbestand in der 3,5 Meter hohen, 12 Meter langen und vier Meter breiten Kammer sei sehr gut erhalten und werde nun möglichst schonend gesichert, konserviert und nicht aufgehübscht.

Martina Fischer hat die Grunduntersuchung gemacht und auf 38 Seiten beschrieben. Die Kammer stamme aus der Zeit von 1504 und sei in nahezu unberührtem Zustand. Lediglich Rußpartikel schwärzen die Wände etwas, weil einst ein Kamin die Kirche erwärmte. Eine Fragestellung sei deshalb: Hat die Rußschicht schädigende Auswirkungen auf die darunterliegende Farbe mit der Decken und Wände bestrichen sind? Zudem wäre eine Klimamessung sinnvoll. Es gehe insgesamt vor allem darum, den gut erhaltenen Zustand zu bewahren, betont Fischer.

Als die Beleuchtung in der Sakristei erneuert, die alte Heizung abmontiert wurde, sei man auf die Kammer aufmerksam geworden, sagt Architekt Georg Schuch. Die Kammer sei im Prinzip nach der Anfangsphase mit den Paramenten nie mehr aktiv genutzt, sondern vor allem als Lagerraum benutzt worden. Ehrenamtliche hätten mitgeholfen, ein Gerüst für die Untersuchungen der Kammer wurde aufgestellt, informiert Pfarrer Christoph Baisch. Wird die Kammer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht? "Die Öffentlichkeit kann wissen, dass es die Schatzkammer gibt. Wir informieren auch über Vorträge. Aber wir wollen keinen öffentlichen Betrieb", antwortet Baisch. Die Kammer sei nämlich gerade deshalb so gut erhalten, weil nichts los war. Durch viele Besucher im Raum oberhalb der Sakristei gebe es zudem statische Probleme. Es sei für die Kammer eigentlich am besten, wenn sie im Dornröschenschlaf bleibt.

Landesamt für Denkmalpflege fördert Renovierung

Finanzierung Die Raumhülle (Wand und Decke) von Sakristei und darüberliegender Schatzkammer sollen renoviert werden. Die Gesamtkosten werden auf 140000 Euro geschätzt und verteilen sich je zur Hälfte auf Sakristei und Kammer, informiert Kirchenpfleger Martin Egner. Vom Landesamt für Denkmalpflege liegt ein Bewilligungsbescheid über 35000 Euro vor. 40 Prozent sollen von der Landeskirche, vom Kirchenbezirk kommen. Wie der Rest genau finanziert wird, ist derzeit noch unklar. Gespräche zwischen Kirchengemeinde und Förderverein mittelalterlicher Kirchen laufen.

Zeit Grundsteinlegung für den Chor-Neubau erfolgte 1495. Eine auf die Wand gemalte Michaelsdarstellung in der Schatzkammer trägt die Jahreszahl 1504. Damit sei der Zeitrahmen für die Erstellung der Sakristei und der Schatzkammer gegeben, macht Pfarrer Christoph Baisch deutlich. Wann mit der Renovierung der Kammer genau begonnen wird, steht noch nicht fest. Es werde 2017 oder 2018, weil zuvor größerer Handlungsbedarf bei den Fenstern in der Kirche St. Michael sei, so Baisch. Problem: Bei den Messingrahmen der Fenster lösten sich Lötstellen. Probefenster wird entnommen, die Vorgehensweise festgelegt. cus

SWP

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