Interview mit Thomas Preisendanz: Für Schüler aus allen Gesellschaftsschichten

Rektor Thomas Preisendanz hat eine Rede gehalten. Er sieht sich missverstanden, falsch dargestellt und erklärt im Interview, worum es ihm vor allem ging.

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    Rektor Thomas Preisendanz plädiert bei einer Buchpräsentation zur Geschichte des Gymnasiums bei St. Michael für den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems. Foto: 
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Was war Ihre Hauptintention, was wollten Sie in Ihrer Rede vor allem vermitteln?
Ich habe den Eindruck, dass trotz aller Versprechungen aus der Politik das allgemein bildende Gymnasium in seinem Bestand gefährdet ist. Ich plädiere für den Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems, dessen Stärke gerade die Durchlässigkeit ist, damit es begabte Kinder aus allen Gesellschaftsschichten schaffen können. Als Beispiel habe ich in meiner Rede den Weg eines Landtagsabgeordneten und ehemaligen Spitzenbeamten aus unserem Raum genannt, dem das dreigliedrige Schulsystem ermöglicht hat, von der Hauptschule über andere weiter führende Schularten zum Abitur, sogar bis zur Promotion zu kommen. Darauf wollte ich aufmerksam machen. Zentrale Aufgabe der Gymnasien ist die Studierfähigkeit der Schüler zu erzeugen, das können sie aber immer weniger.

Worin sehen Sie die Hauptgründe?
Die Grundschulempfehlung ist nicht mehr verbindlich. Es gibt einen Trend, immer mehr Schüler auf das Gymnasium zu schicken - in Teilen Baden-Württembergs sind es 60 Prozent eines Jahrgangs. Ich sehe Diskussionen, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Es werden Lehrplanbestrebungen deutlich, das Niveau zu senken, damit die Mehrheit der Schüler auch folgen kann. Das alles führt zu einem Niveauverlust und eben zum Sinken der Studierfähigkeit.

Welche Tatsachen sind in der Berichterstattung falsch?
Mir hat nicht gefallen, dass von meiner Rede in der ersten Berichterstattung nur der Prekariatsteil herausgenommen und daraus zitiert wurde, da die Rede ja die andere genannte Hauptintention hatte. Damit wurde die Schule falsch dargestellt. Das wurde in der zweiten Berichterstatttung zwar richtig gestellt, aber mit einem Kommentar versehen, der darin gipfelte, dass ich pauschal Arme angegriffen hätte. Ich weiß sehr wohl, dass Armut viele Ursachen hat, auch weil ich selbst ein Jahr an einer Slumschule in Schottland unterrichtet habe. Es hat mich geärgert und betroffen gemacht, dass man mir das zutraut. Damit erscheint das Gymnasium St. Michael in einem Licht, in dem es nicht gesehen werden kann. Tatsache ist, dass wir gerade Kinder aus sozial benachteiligten Kreisen wollen. Das ist immer gesagt worden. Das Gymnasium St. Michael ist keine Schule für gesellschaftliche Eliten, sondern eine für die ganze Bevölkerung. Unsere Schüler kommen aus allen Gesellschaftsschichten aus Schwäbisch Hall und aus dem ganzen Landkreis.

Was bedeutet für Sie der Begriff Prekariat?
Nach der allgemeinen Definition sind Menschen gemeint, die in sogenannten prekären Verhältnissen leben. Es ist ein soziologischer Begriff für eine ungleiche soziale Gruppierung, die durch Unsicherheiten der Erwerbstätigkeiten gekennzeichnet ist. Dadurch können Lebensverhältnisse prekär, bedroht, schwierig werden. Eine Folge kann der soziale Abstieg sein. In den vergangenen Jahren hat dieser Begriff eine Bedeutungsveränderung erfahren, wie beispielsweise die Diskussion um Aussagen von Heinz Buschkowsky zeigt, Bürgermeister von Neukölln. Der Begriff Prekariat bezieht sich demnach auf Menschen in prekären Verhältnissen, die sich mit ihrer Arbeitslosigkeit abgefunden haben. Die keine Anstrengungen mehr unternehmen, um sich herauszuziehen, um wieder in regelmäßige Arbeit zu kommen. Diese Bedeutung habe ich in meiner Rede aufgenommen. Ich weiß nicht, wie groß diese Schicht ist, aber ich sehe es als schwer bis aussichtlos an, an Kinder aus dieser Schicht heranzukommen, sie aufs Gymnasium zu ziehen, wenn die entsprechende Begabung vorhanden wäre.

Was hat Sie noch an der Berichterstatung geärgert?
Neben dem Kommentar wurde in der zweiten Berichterstattung ein Leserbrief zitierend verarbeitet, der mir unterstellt, dass ich keine Autisten an der Schule aufnehmen würde. Dies habe ich aber gerade nicht gemeint, als ich in meiner Rede davon gesprochen habe, dass Behinderte, die einen gymnasialen Schulabschluss nicht erreichen können, nicht aufs Gymnasium geschickt werden sollten. Ich habe gerade fürs nächste Schuljahr drei Kinder mit Autismus aufgenommen.

War der offene Brief der Lehrer mit Ihnen abgesprochen?
Ja, aber die Kollegen sind von sich aus auf mich zugekommen.

Gab es auch andere Meinungen im Lehrkörper, die Ihre Rede kritisch sehen?
Nein, meines Wissens nicht. Zudem zeigt ja das Zwischenergebnis Ihrer Ted-Umfrage im Onlinebereich, zu meiner These, dass Menschen aus sozial benachteiligten Schichten - dem sogenannten Prekariat - "in großen Teilen" der Wille zum Aufstieg fehle, die Zustimmung einer großen Mehrheit von außen.

Sehen Sie Ihre Rede auch kritisch?
Ich persönlich sehe keinen Anlass zur Selbstkritik.

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