Integrationsprojekt „Deutsch@Beruf“ soll Flüchtlingen Weg in Arbeitsmarkt ebnen

In Hall startet ein neues Projekt, das Flüchtlingen neben Spracherwerb auch die berufliche Integration bieten soll. Dafür werden jetzt Firmen gesucht.

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Wer in Deutschland Fuß fassen möchte, der müsse die Sprache können. Das mittlere Sprachniveau B1 nach Integrationskursen reiche aber meist nicht aus, so Thomas Gerstenberg, Geschäftsführer des Hauses der Bildung. Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim ergänzt: „B2 reicht auch nicht, manchmal C1 ebenfalls nicht“ – obwohl das schon auf hohem Niveau liegt. „Ein Arzt braucht mehr Sprachwissen als ein Maschinenführer, jemand im Pflegedienst mehr als eine Reinigungskraft.“ Zudem brauche es soziales und kulturelles Verständnis.

Derzeit lebten 1984 Flüchtlinge im Landkreis in der vorläufigen Unterbringung, sagt der Erste Landesbeamte Michael Knaus. Die erste Notphase hätten sie hinter sich gebracht. Jetzt gehe es an die langfristige Integration. „Eine Kompetenzermittlung läuft.“ Die Gruppen seien aber „sehr heterogen“. 34 Prozent machten Syrer aus, die größtenteils eine gute Schulbildung hätten. In der Gruppe der Afghanen (17 Prozent) gebe es häufig keine formelle Schulausbildung. Noch schlechter seien die Voraussetzungen für Iraker (15 Prozent).

Die Schwierigkeit sei, Flüchtlinge mit unterschiedlichen Voraussetzungen in einheitlichen Kursen fit für ihren Berufsalltag zu machen. „Das ist die Königsdisziplin der Integration, wenn die Menschen ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können“, so der Oberbürgermeister.

Neben mehreren Integrationskursen und Vermittlungsangeboten hat die Volkshochschule nun ein neues Konzept auf die Beine gestellt. Es nennt sich „Deutsch@Beruf“. Flüchtlingen soll in einem zweijährigen Programm neben dem Zugang zur Sprache auch die Integration in den Beruf ermöglicht werden. Betriebe übernehmen die Patenschaft, bieten im ersten Jahr Hospitationen und Praktika. Im zweiten Jahr steigt der Teilnehmer richtig in die Arbeit ein – an vier Tagen die Woche. Am fünften Tag wartet ein vertiefender Sprachkurs. Zunächst sollen zwölf Flüchtlinge davon profitieren.

Das Angebot sei aber kein Selbstläufer, meint der OB. Teilnehmer und Unternehmer oder deren Meister seien gefordert. Zudem müssten die Paten im ersten Jahr den Kursbeitrag von monatlich 40 Euro finanzieren. Im zweiten muss dem Flüchtling Tarif- oder Mindestlohn bezahlt werden. Der Teilnehmer wiederum muss die monatliche Kursgebühr dann selbst begleichen.

Qualifikation jedes Flüchtlings wird erfasst

Pelgrim, der als Schirmherr auftritt, ist vom Erfolg überzeugt. Ziel sei eine unbefristete Beschäftigung, die dem Flüchtling helfen soll. Aber auch die Betriebe sollen profitieren: durch qualifizierte Angestellte. So könne dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden – „auch wenn wir dieses Problem mit Flüchtlingen alleine nicht lösen können“.

Das Projekt selbst wird in Partnerschaft mit VHS, Bildungsregion Hall, Freundeskreis Asyl und dem Mehrgenerationenhaus realisiert. Unterstützung kommt von der Bundesagentur für Arbeit, Landkreis Hall, dem Jobcenter und der Stadt.

Für die Finanzierung sind 12.000 Euro vom Kreis zugesichert. 2000 Euro kommen von der VHS und 1000 Euro von der Bildungsregion. Schirmherr ist neben dem OB auch Landrat Gerhard Bauer. Beide wollen nun Firmen anwerben.

„Das Projekt soll direkt beginnen, jetzt ist der Startschuss“, sagt Sandra Wallrapp von der Bildungsregion. Die Homepage sei bereits aktiv. Kreis-Wirtschaftsförderer Helmut Wahl berichtet aus anderen Projekten, dass bereits Flüchtlinge erfolgreich vermittelt wurden, etwa ein Arzt ins Diak. Bevor es zur Vermittlung komme, werde aber die Qualifikation jedes einzelnen geprüft, sagt Wahls Mitarbeiter David Schneider. Er kümmert sich schwerpunktmäßig um die berufliche Integration von Zuwanderern, hält dazu auch regen Kontakt zur VHS.

Das Projekt ist zunächst für zwei Jahre angelegt, mit der Option zu verlängern und mehr Teilnehmer zuzulassen. Wenn Unternehmen gefunden sind, beginnt die Agentur für Arbeit, Kandidaten an die VHS zu melden.  Firmen, etwa aus der Handwerksbranche, können dann aus dem Pool Mitarbeiter rekrutieren.

Allerdings werden, so Marcel Miara, Fachbereichsleiter bei der VHS, nur Personen aufgenommen, die in ihrer Muttersprache alphabetisiert sind und keine bis geringe Deutschkenntnisse haben. Wer bereits gut deutsch spricht, falle aber nicht gänzlich aus dem Raster. „Deutsch @Beruf“ sei nur ein Baustein in der Integrationsarbeit. Es gebe weitere Projekte, in die Flüchtlinge vermittelt werden könnten.

www.vhs-sha.de/deutschatberuf

 

Teilnehmer müssen in Heimatsprache alphabetisiert sein

Kurse 214 Personen besuchen derzeit die Kurse „Deutsch als Fremdsprache“ an der Haller VHS. Es gibt sie von A1 (Anfänger) bis C1 (Fachkundige). Darüber hinaus werden ergänzende Kurse des Freundeskreises Asyl und des Mehrgenerationentreffs angeboten.

Projekt Es werden Firmen aus allen Branchen gesucht. Flüchtlinge müssen einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben und in ihrer Muttersprache alphabetisiert sein. Sie dürfen keine oder nur geringe Deutschkenntnisse haben. Im Projekt lernen sie bis August 2017 Deutsch (Level B1). Zudem ist ein begleitendes Training zur Förderung der interkulturellen Kompetenzen in den Betrieben geplant. Im zweiten Jahr arbeiten die Teilnehmer vier Tage die Woche in den Unternehmen. Am fünften Tag lernen sie bis Level B2.  thumi

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