In Württembergs Schweiz

Unter dem Titel „Kurhaus, Kurgarten, Frischlufthotel – Tourismus ab 1895 in Wüstenrot“ werden alte Postkarten und Souvenirs gezeigt.

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In romantischem Tal, mitten im Wald gelegen. Angenehmster Sommeraufenthalt Juni bis September. Buchen- und Tannenwald. Gelegenheit zum Baden“, so warb das Luftkurhaus „Lauterthal“ am 28. Juni 1898 im Stuttgarter Neuen Tagblatt. Auch der Pensionspreis von umgerechnet drei Euro war genannt. Neulautern, Wüstenrot, Neuhütten und Finsterrot schmückten sich einst als „Luftkurort“, priesen „gesunde Luft, lichte und ruhige Wälder, klare Quellen, forellenreiche Bäche, romantische Schluchten und herrliche Ausblicke“ an. Beantragt hat die Gemeinde das Prädikat Luftkurort nie.  Die „württembergische Schweiz“ war dennoch ein beliebtes Ziel zum Kuren. Vor der Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte sich der Fremdenverkehr. Unter dem Titel „Kurhaus, Kurgarten, Frisch­lufthotel – Tourismus ab 1895 in Wüstenrot“ öffnet Karola Schierle in der Sonderausstellung im Glas- und Heimatmuseum ein Fenster dieses Kapitels bis Ende der 1950er-Jahre.

Gäste aus München und London

Als Quelle diente der Museumsleiterin ein „Schatz“ – das Inseratenbuch von Karl Kircher, eine Dauerleihgabe im Museum. Darin entdeckte sie auch eine Kurgastliste: In einem Sommermonat 1896 suchten 58 Erwachsene und 21 Kinder in Neulautern Erholung, darunter weit Angereiste aus München und London. Der große Motor war Richard Lauxmann, von 1893 bis 1903 Pfarrer in Neulautern.

Bad im Bach

Neben einem Prospekt und der Hausordnung stieß Karola Schierle in der zweibändigen Lauxmannschen Ortschronik auch auf den Grundriss des Luftkurhauses „Lauterthal“, das sich in der ehemaligen Baumwollweberei einrichtete. Einige Gebäude der späteren Zigarrenfabrik werden heute noch genutzt. Es gab sogar ein Badehaus für Bachbäder. Als Kneippsche Badeanstalt nach Wörishofener Muster ab 1901 versprach sie stärkenden Aufenthalt bei Blutarmut, Bleichsucht und Nervosität.

„Das ist der absolute Hammer“, drückt Schierle ihre Überraschung über ein Kurhaus samt Schwimmbad in der Lohmühle aus. Mit „Eins-a-Küche und reellen Weinen“ wurde zur Neueröffnung am 19. Juni 1931 geworben. Von den Kurgästen profitierten auch die Gastwirtschaften, sei es das „Lamm“ oder der „Löwen“, oder Kaufmann Fritz Kircher. Hier wie in Privatquartieren wurden Fremdenzimmer eingerichtet. „Die Gesellschaft, die man dort trifft, besteht nur aus Gebildeten“, heißt es in einem Artikel über Neulautern. In Wüstenrot gab sich auch Prominenz bei der Sommerfrische ein Stelldichein. Etwa Prinz Robert von Württemberg, der 1897 zu einer Treibjagd im „Adler“ logierte, oder ein Baron von Sommershausen, ebenso Amtmänner. Gottlieb Daimler, der mit seiner Motorkutsche anreiste, war Kurgast im „Adler“ – bei C. F. Rettich, auch Kaufmann, Landtagsabgeordneter, Gemeinde- und Kirchengemeinderat. Es gibt ein Foto mit dem Benzinmotorenerfinder bei einem Picknick 1894 im „Rössle“ im Chausseehaus bei „Wirtin Waldtante“.

Auf einer der Postkarten, die in der Ausstellung zu sehen sind, ist der Kurgarten hinter dem „Adler“ in der Haller Straße zu erkennen. Rettich war rührig, er gab eine erste Wanderkarte im eigenen Verlag heraus, schaffte mit dem Forstamt Plätze und Quellfassungen: Wellingtonien, Friedrichsquelle, Georgenhöhe, Karls- und Wilhelmsbad, Elisenruhe und Schillereiche. Reproduktionen zeugen von weiteren Unterkünften: vom christlichen Erholungsheim „Bethanien“, vom Kurhaus Schmieg, vom Heim „Waldeck“ in der Kroppstraße.

Die Anreise war gut zu bewältigen. Wichtig für den Fremdenverkehr war die Postverbindung von Sulzbach/Murr, wo Züge aus Stuttgart und Schwäbisch Hall eintrafen, nach Willsbach. Zweimal täglich fuhr die Postkutsche, ab 1911 das Postauto, Neulautern an. Ziel war in Neuhütten die „Sonne-Post“.

Die Sonderausstellung im Glas- und Heimatmuseum Wüstenrot  ist bis zum 24. September sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung zu sehen. (Telefon 0 79 45 / 81 79). Erwachsene bezahlen 1,50 Euro. Neu ist das Museumscafé, in dem jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr im Ratssaal des Alten Rathauses bewirtet wird. Der Festschrift des Fremdenverkehrsvereins Wüstenrot zum 100. Jubiläum 1993 sind einige interessante Daten zu entnehmen. So wurde 1894 Wüstenrot als Luftkurort ins Kur- und Bäderverzeichnis eingetragen. 1929 wird eine starke Belebung des Fremdenverkehrs vermeldet. 1930 besuchten die ersten Badegäste das Waldfreibad. 1932 gab der Fremdenverkehrsverein, der aus dem Verschönerungsverein hervorging, eine erste Broschüre heraus. 1936 erließ die Gemeinde Wüstenrot eine Kurtaxenverordnung und verlangte 20 Pfennige pro Tag. Fünf Jahre später wurde sie nicht mehr als Luftkurort eingestuft – das Prädikat wurde nie beantragt, das letzte Schild am Ortseingang vor etwa zehn Jahren entfernt. 1972 wurde der Silberstollen begehbar gemacht.

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