In der Somme-Schlacht sterben vor 100 Jahren Soldaten aus dem Haller Raum

In der Schlacht an der Somme gab es mehr als eine Million Opfer – Getötete, Verwundete, Vermisste. Knapp 30 Tote stammten aus Hall und den Teilorten.

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    Eine beschriebene Postkarte zeigt eine Szene mit Feldgeschütz bei Pozieres.  Foto: 
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    Robert Kraft als Soldat im Ersten Weltkrieg. Foto: 
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Nach einem einwöchigen Artilleriebombardement begann am Morgen des 1. Juli 1916 der überwiegend britische Großangriff auf deutsche Stellungen beiderseits des Flusses Somme in Nordfrankreich. Es kam zu einem monatelangen Ringen um Orte wie Thiepval, Guillemont, Pozières oder die Wälder von Mametz, Delville und Trones. Das Geschützfeuer tilgte Wälder und Dörfer vom Erdboden, zehntausende Soldaten starben bei den unablässigen Angriffen und Gegenangriffen. Manche Stellungen wechselten 18-mal den Besitzer. Nach 141 Tagen hatten Briten und Franzosen einen Streifen von knapp zehn Kilometern Tiefe erobert, aber keine Entscheidung herbeigeführt.

Die Somme wurde zusammen mit Verdun zum Inbegriff der „Materialschlachten“, bei denen die Soldaten der übermächtigen Zerstörungskraft der Kriegstechnik ausgesetzt und von der Führung rücksichtslos „verheizt“ wurden. Von den etwa 125 000 deutschen Toten stammten rund 28 aus Schwäbisch Hall und seinen heutigen Teilorten. Das sind mehr als dreimal so viele wie in der Schlacht bei Verdun.

Adolf Benkiser aus Veinau etwa wurde von Granateinschlägen lebendig begraben, der Haller Johann Hebsacker starb als Kriegsgefangener an einer Kopfverletzung. Wilhelm Knapp aus Gailenkirchen zerrissen Granatsplitter beide Füße und einen Unterarm. Adolf Knapp aus Wackershofen wurde beim Versuch erschossen, sich dem Gegner zu ergeben.

Simon Dußmann aus Schwäbisch Hall war fast ein Jahr vermisst, bis sich sein Schicksal klärte. Der 19 Jahre alte Georg Häusler aus Neuhofen starb qualvoll an einem Bauchschuss. Die Somme wurde – so ein Offizier – zum „schlammigen Grab des deutschen Feldheeres“.

Was dies bedeutete, hat der Kanonier Robert Kraft aus Kupfer in Briefen an seine Familie  geschildert. Auch er als erfahrener Frontsoldat war entsetzt. Er müsse den Krieg nun in seiner krassesten Art kennenlernen. „Zehn Kilometer hinter der Front alles umgepflügt, die blühendsten Ortschaften vernichtet. (…) Unausstehlich ist der Geruch der Tausenden von unbeerdigten Leichen und Pferdekadaver. (…) Es ist hier eine Völkeraufreibung, wie sie teuflischer selbst der leibhaftige Satan nicht erfinden kann.“

Man lebe „zwischen Toten, Halbverwesten und Totenteilen, Granatlöcher nebeneinander, Gasgeruch, Leichengeruch, schwerstes Artillerie-Feuer“. Die Luft sei voll Eisenbrocken, und es regne hochgeschleuderte Erde. Durch Artillerietreffer wurde seine Abteilung verschüttet, „herausgraben mussten wir uns gegenseitig“.

Mit viel Glück überlebte Kraft mehrere Großangriffe und den ersten Einsatz von Panzern, sah sich aber um Jahre gealtert. Ende September kam die Ablösung aus dem „Schlachthaus“. Freuen  konnte er sich kaum noch. „Zum Beneiden sind die, welche zu Beginn des Krieges gefallen sind,“ schrieb er kurz danach, „denn das ist voll unser aller Schicksal, wenn der Krieg noch lange dauert. Empfinden und Mitleid geht zu Grunde, es geht alles maschinenmäßig, Tod und Verderben, Freude und Leid.“ Man werde „abgestumpft gegen alles, was den Menschen höher hält als das Tier, bestialischer und grausamer in seinem Fühlen und Denken“. Die Toten beider Seiten waren für ihn stumme Zeugen einer teuflisch gewordenen Menschheit.

Es waren nicht zuletzt diese 1939 bis 1945 wiederholten traumatischen Erfahrungen von Gewalt, Tod und Zerstörung, die einen wesentlichen Antrieb zum Aufbau eines vereinten und friedlichen Europa gaben.

Dass Deutsche, Briten und Franzosen nicht mehr aufeinander schießen, ist angesichts dieser Vorgeschichte alles andere als selbstverständlich. In einer Zeit, in der ein aggressiver Nationalismus wieder an Boden gewinnt, scheint es wichtiger denn je, daran zu erinnern.

Info Der Autor Daniel Stihler ist Mitarbeiter des Stadtarchivs. Er ist einer von mehreren Autoren und Mitherausgeber des Buchs „Schwäbisch Hall 1914-1918. Eine Stadt und ihre Region im Ersten Weltkrieg“, das die Geschichts-Werkstatt 2014 veröffentlicht hat.  Es ist erhältlich im Schwäbisch Haller Buchhandel und im Stadtarchiv.

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