Im Sinne des Vaters

Terroristen entführten seinen Vater im Irak. Hayder Al-Mubarak (28) versucht nun, die Mission des Verschollenen fortzuführen. Das Goethe-Institut Hall hilft ihm und seinem neuen Freund Shwan Kamaran.

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Shwan Kamaran und Hayder Al-Mubarak unterhalten sich vor dem Schwäbisch Haller Goethe-Institut über ihre Träume. Die beiden Iraker nehmen an einem Programm teil, das den Wiederaufbau des Landes vorantreibt. Foto: Würth

Der eine will für den Irak möglichst viel elektrische Energie herstellen - benötigt werden doppelt so viele Kraftwerke wie bisher. Der andere möchte möglichst wenig Energie verbrauchen - er will das erste Passivhaus in Kurdistan bauen. Was Hayder Al-Mubarak (28) mit seinem neuen Freund Shwan Kamaran (27) verbindet, sind ihre großen Träume für den Wiederaufbau ihrer Heimat. Und: Sie sind beide mit Ärztinnen verheiratet, nehmen beide am Programm "Irak Horizonte 2015" teil und versuchen beide, in die großen Fußstapfen ihrer Väter zu treten.

Dabei hat Hayder Al-Mubarak eine schwerere Last zu schleppen als sein neuer Freund. Es war der 18. August 2004 als das Unglück über die Familie Al-Mubarak hereinbrach, die in Babylon wohnt - der berühmten Stadt aus der Bibel. Angestellte des größten Kraftwerks des Landes stürmten ins Haus und berichteten, dass ihr Chef entführt worden war. "Monatelang saßen wir am Telefon und hofften auf eine Nachricht von meinem Vater", sagt Hayder Al-Mubarak. Doch keine Botschaft kam.

"Wir haben alles probiert, konnten aber nichts machen." Der Vater bleibt bis heute spurlos verschwunden. Ein Entschluss wurde gefasst: Hayder - als ältestes Kind und einziger Sohn -, sowie seine drei Schwestern wollten fortan "den Namen des Vaters in Ehre halten". Für den jungen Schüler und späteren Studenten war klar: "Ich versuchte, der Beste zu sein." Denn sein Vater hatte die Mission, den Irak mit Strom zu versorgen.

Wenn der Vater nach Hause kam, nannte ihn der kleine Hayder stets "Sir" - so wurde der Ingenieur bei seiner Arbeit angesprochen. Da Ismael, so heißt der Vater von Hayder, ein "für irakische Verhältnisse sehr verständnisvoller Vater war", nannte er seinen Sohn ebenfalls "Sir". Er sah in Hayder einen Ingenieur heranwachsen. Der Sohn wollte diese Erwartung erfüllen.

Eines Tages erhält der Vater einen Overall überreicht. "Siemens", steht darauf, erläutert Hayder Al-Mubarak und streicht mit seiner Hand vorsichtig über seine eigene Brust. Sein Vater hatte eine so große Ehrfurcht vor dem Namen der Weltfirma, dass er den Overall nicht anzog, sondern im Schrank aufbewahrte. "Siemens - das ist der heilige Gral der Industrie für uns", sagt Hayder Al-Mubarak über das Unternehmen, das in Deutschland zuletzt durch Bestechungsskandale in die Kritik geriet. "Präzise und pünktlich", so seien die Deutschen, habe sein Vater ihn stets gelehrt. Am seinem ersten Arbeitstag im staatlichen Energiesektor, mit Ingenieursdiplom in der Tasche, streifte sich Hayder Al-Mubarak den Overall des Vaters über. Er trägt ihn täglich bei der Arbeit. Für den Deutsch-Kurs des Goethe-Instituts in Hall streift er sich allerdings ein T-Shirt, mit Fotomotiven von Istanbul darauf, über.

"Ich will ein gutes Beispiel sein." Daher will der junge Ingenieur und Vater zweier Kinder ein wenig Siemens in den Irak tragen. "Ich war gerade in Korea, als ich die Zusage erhalten habe, am Programm Horizonte 2015 teilzunehmen. Und ich habe Luftsprünge gemacht, als ich las, dass ich bei Siemens hospitieren kann." Nach vier Wochen am Haller Goethe-Institut, das er zusammen mit neun weiteren Irakern besucht, geht es für sechs Wochen in Firmen. Ein neuer Siemens-Overall müsste da schon drin sein, hofft Al-Mubarak. Der alte ist nach sechs Jahren ein wenig verschlissen.

Nebenbei hat er Shwan kennengelernt. Sie seien sich ähnlich, weil sie beide großartige Väter hätten, schwärmt Hayder Al-Mubarak. Der angesprochene neue Freund nickt beim Gespräch in der Mediathek des Goethe-Instituts mit dem Kopf: "Mein Vater ist Minister in der Provinz Kurdistan. Meine Mutter Direktorin für Straßen und Brücken." Auch er will den Eltern in ihrem beruflichen Erfolg nacheifern.

Er arbeitet für eine Firma, die in Kurdistan das erste Passivhaus bauen will. Die Region nennt man auch Neu Dubai. Im irakischen Teil von Kurdistan gebe es kein Sicherheitsproblem, dafür aber einen Bauboom. Shwan Kamaran hospitiert nun bei Blum-Architektur in Waldenburg. Er muss seine Vision noch erfüllen, während Haydar Al-Mubarak auf eine Art schon am Ziel ist.

"Mein Traum ist erfüllt", sagt er. Ein wenig Pathos - wie bei Märchen aus tausendundeiner Nacht - liegt in der Stimme, als er über seine Ankunft im gelobten Land der Ingenieure spricht. Am Frankfurter Flughafen habe er seinen Pass entgegengenommen und deutschen Boden betreten. Da habe er die Stimme seines Vaters gehört: "Es ist gut mein Sohn, was Du machst."

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