Heimlich in Hall gedruckt

Das erste Buch des slowenischen Reformators Primus Truber (1508-1586) wurde nach neuesten Forschungen in Schwäbisch Hall gedruckt: Mit ihm beginnen Schriftsprache und Literatur Sloweniens.

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Der erste Buchdrucker in Hall, Peter Braubach, wurde 1536 wohl von Johannes Brenz an den Kocher geholt. Er verlegte später seine Druckerei nach Frankfurt am Main und wurde einer der bedeutendsten Drucker-Verleger des 16. Jahrhunderts. In seiner Werkstatt in der Zollhüttengasse beschäftigte er einen tüchtigen Mitarbeiter namens Peter Frentz, der sich 1545 selbständig machte und bis zu seinem Tod 1553 etwa 25 heute noch nachweisbare Werke druckte. Erst im Mai konnte die Stadt Hall zwei Frentz-Drucke im Antiquariatshandel erwerben und besitzt nun immerhin acht Drucke aus seiner Presse.

Der Name Frentz, den selbst in Hall nur wenige kennen, ist in Slowenien gänzlich unbekannt. Das dürfte sich nun aber ändern. Denn kürzlich hat der Gothaer Buchwissenschaftler Dr. Helmut Claus im renommierten Gutenberg-Jahrbuch nachgewiesen, dass das 1550 erschienene erste Buch in slowenischer Sprache, der Katechismus von Primus Truber (slowenisch Primo Trubar), eben bei diesem Peter Frentz in Hall gedruckt worden ist und nicht - wie bis dato überall angenommen - in Tübingen bei Ulrich Morhart.

Wie kam es dazu und warum gerade in Hall? Aufschluss darüber gibt ein Blick in das kontrastreiche Leben des Theologen Truber, dessen Bildnis seit 2007 die slowenische 1-Euro-Münze ziert.

Der 1508 unweit von Laibach (Ljubljana) geborene Müllerssohn hatte es vom Bischofssekretär bis zum Domherrn und Prediger an der Kathedrale seiner Heimatstadt gebracht. Seit etwa 1540 wandte er sich schrittweise der Reformation zu, las Schriften von Luther, Brenz und anderen Reformatoren. Er wurde exkommuniziert und musste 1548 sein Land verlassen. Nach einer ersten Station in Nürnberg erhielt er eine Frühpredigerstelle in Rothenburg ob der Tauber und 1553 die leitende Pfarrstelle in Kempten - allesamt wie Hall evangelisch gewordene Reichsstädte. Die Kemptener Stelle hat ihm der von dort stammende Haller Schulmeister Bartholomäus Holdenried vermittelt, wie man aus dem ersten erhaltenen Truber-Brief weiß, in dem er auch den Katharinenpfarrer Michael Gräter und seine Frau grüßen lässt.

Neben seinen pfarramtlichen Aufgaben bewegte Truber in seinem Exil beständig die Frage, wie er seinen lutherischen Landsleuten in der Krain, wie Slowenien damals hieß, helfen könnte - nun, da ihm Predigt und Seelsorge dort verwehrt waren. Seine Lösung: Die Schriften der neuen Lehre müssten ins Windische oder Slowenische übersetzt und als Druckschriften vor Ort verbreitet werden. Das war allerdings schwierig, weil es das von der einfachen Bevölkerung Krains gesprochene Slowenisch noch gar nicht als schreib- und druckfähige Schriftsprache gab. Die habsburgische Herrschaft und die Gebildeten sprachen Deutsch, die Gelehrten Latein. Truber war nun der erste, der durch seine Übersetzungsarbeit das Slowenische in den Rang einer Schrift- und Literatursprache erhob. Für die beiden ersten Bücher in dieser Sprache, für den "Catechismus" (er war zugleich das erste Gesangbuch für Slowenien) und das gleichzeitig erschienene "Abecedarium", eine Fibel mit dem Katechismus von Brenz, musste eine Druckerei gesucht werden.

Dies war ein politisch problematisches Unterfangen, denn seit 1548 hatte im kaiserlichen "Interim", einem Gesetz zur Wiederherstellung der katholischen Religion, strenge Zensur den Druck jeder religiös abweichenden Literatur verboten - zumal in einer unverständlichen Sprache. Nachdem Nürnberger Drucker dieses Risiko nicht eingehen wollten, versuchte es Truber im abgelegeneren Schwäbisch Hall. Dort gelang die Publikation: Der einzige in der Stadt tätige Drucker Frentz stellte in aller Heimlichkeit die beiden "gefährlichen" Bücher her, theologisch unterstützt von Gräter - Johannes Brenz war schon zwei Jahre zuvor geflohen - und vermutlich mit zwei freundlich zugedrückten Augen der evangelischen Stadtobrigkeit. Der gesetzlich vorgeschriebene Druckvermerk lautet: "Gedruckt inn Sybenburgen durch den Jernei Skuryaniz": In dem weit entfernten Siebenbürgen galten die kaiserlichen Zensurgesetze nicht - und den genannten Drucker gab es gar nicht. Der Name des Verfassers aber war im slowenischen Text des Buches so versteckt, dass ein deutscher Leser ihn schwerlich finden konnte. Das Versteckspiel gelang, die beiden Büchlein aus Hall konnten ungestört verbreitet werden. Von jedem hat sich nur ein einziges Exemplar erhalten. Beide ruhen als eine Art slowenisches Nationaldenkmal in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien: kostbare Zimelien, wie eine Gutenbergbibel gehütet.

Es war bisher in der Truber-Forschung eine nie hinterfragte Tatsache, dass die beiden Drucke aus "Siebenbürgen" in Wahrheit ein Produkt der bekannten und sehr leistungsfähigen Tübinger Presse Ulrich Morharts seien, der übrigens der Großvater des Haller Stadtarztes und Chronisten Johann Morhart (1554-1631) war. Nun hat Dr. Claus, der deutschlandweit beste Kenner der Drucke des 16. Jahrhunderts, die Typenalphabete und die kleinen Holzschnitte der zwei Truber-Schriften akribisch genau verglichen mit dem nachweisbaren Material der beiden Druckereien. Sein Ergebnis ist eindeutig: Angesichts der Ausstattung der Drucke, so Claus, halte er es für unmöglich, "an Tübingen als Druckort und Ulrich Morhart d.Ä. als dem Drucker" weiter festzuhalten, vielmehr "gebührt der bescheidenen Presse von Peter Frentz in Schwäbisch Hall die Ehre, die beiden slowenischen Erstdrucke hergestellt zu haben". Dazu kommt die Beobachtung, dass Truber im "Abecedarium" den 1535 entstandenen Brenzschen Katechismus aus einer Ausgabe für Hall übersetzt hat und nicht nach der Textfassung, die seit 1536 in Württemberg verbreitet war.

Mit den Haller Drucken war der Anfang gemacht. Nach dem Augsburger Religionsfrieden (1555), in politisch ruhigerer Zeit, hat Truber kontinuierlich sein Bücherprogramm fortgesetzt, jetzt tatsächlich in enger Zusammenarbeit mit Württemberg und der im Lande führenden Morhart-Druckerei in Tübingen.

Von ihr mitbetreut entstand in Urach die berühmte südslawische Druckanstalt, deren Gründer und Mäzen der hochgestellte österreichische Exilant Freiherr Hans Ungnad von Sonnegg war. Dort wurden von 1561 bis zur Auflösung der Druckerei 1565 insgesamt 44 vor allem kroatische, aber auch slowenische und einige italienische protestantische Schriften in weit über 30000 Exemplaren hergestellt. Die Bücher wurden meist auf geheimen Wegen im südslawischen Kulturraum bis ins osmanische Gebiet verbreitet.

Truber selbst konnte noch einige wenige Jahre als Superintendent seine slowenische Kirche leiten, wurde dann aber endgültig durch die habsburgische Landesherrschaft vertrieben. Ab 1566 bis zu seinem Tod 1586 hat er als Pfarrer in Derendingen bei Tübingen gewirkt. Sein Grab dort ist zur Wallfahrtsstätte für viele Slowenen geworden. In Derendingen hat er weitere Werke herausgegeben, die slowenische Bibelübersetzung seines Schülers Georg Dalmatin unterstützt, dazu die in Tübingen studierenden Slowenen betreut und auf jede mögliche Weise die Kirche seiner Heimat gefördert. Deren Untergang kurz nach 1600 in der Gegenreformation musste er nicht mehr miterleben.

Die Reformation in den heutigen EU-Ländern Slowenien und Kroatien ist, auch wenn sie keinen Bestand hatte, ohne Truber nicht zu denken. Er war Brückenbauer zwischen Ländern und Kulturen. Dass die Anfänge dieser religiösen Bewegung auch mit Hall zu tun hatten, dies sicher zu wissen, verdanken wir den Forschungen von Helmut Claus. Und auch dies ist nun sicher: Die Bronze-Tafel am Haus Burgsteige 7 in der Tübinger Altstadt mit der Inschrift "In diesem Haus wurden 1550 die ersten slowenischen Bücher Abecedarium und Catechismus von Primo Trubar, dem ersten Superintendenten der evangelischen Kirche in Slowenien, gedruckt", ist bereits 13 Jahre nach ihrer feierlichen Aufhängung im Beisein von über 150 stolzen Gästen aus Slowenien überholt. Ob Tübingen sie eines Tages an die Stadt Hall weiterreicht?

Pfarrer Christoph Weismann

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