Haller Amtsgericht verurteilt 16-jährigen Graffiti-Sprüher und seinen Begleiter

Keine Jugendstrafe, sondern Kompetenztraining: Das Haller Jugendschöffengericht setzt bei einem jungen Graffiti-Sprüher auf guten Willen und Einsicht.

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Dass dieser Bagatellfall vor dem Haller Jugendschöffengericht verhandelt wird, hat mit der Persönlichkeit des erst 16-jährigen Angeklagten zu tun. Er wurde früh auffällig und Ende 2011 in Schwäbisch Hall der Schule verwiesen. Zwei Jahre lang lebte er in einem Heim, bevor er zu seiner verwitweten Mutter zurückkehrte und den Hauptschulabschluss erreichte.

Seit letztem Jahr steht er in einer Ausbildung zum Maler. Schon im Alter von elf Jahren hat er begonnen, Haschisch und Marihuana zu konsumieren. Im Juni 2015 verurteilte ihn eine Haller Jugendrichterin wegen unerlaubten Drogenbesitzes.

Im November letzten Jahres verhängte das Jugendschöffengericht gegen ihn einen  zweiwöchigen Dauerarrest.  Er hatte an einer Bushaltestelle einen Schüler wegen einer einzigen Zigarette, die er unbedingt bekommen wollte, brutal gegen eine Hauswand gedrückt. Den Arrest verbüßte er im Januar.

Am frühen Abend des 16. April erwischte ihn die Polizei als Graffiti-Sprüher in Hessental. Er hatte sich an einer Wand der Fußgängerunterführung bei der Bühlertalstraße zu schaffen gemacht. In seiner Bauchtasche fand die Polizei etwas Haschisch und Marihuana. Weil eine Jugendstrafe im Raum stand, kam der Fall vor das Jugendschöffengericht. Der kräftig gebaute 16-Jährige beginnt seine Aussage mit einem Vorschlag: „Ich könnte die Wand auf meine Kosten streichen!“ Das Gericht hat Bilder von der reich bemalten und flächendeckend mit Graffiti versehenen Fußgängerunterführung vor sich liegen. Der Vorsitzende Richter Dr. Wolfgang Amendt spricht von einer „beschmierten Unterführung“, die „weiterbeschmiert“ worden sei. Dennoch handele es sich beim Besprühen um verbotenes Tun.

 Dr. Amendt aber legt besonderes Gewicht auf die Tatsache, dass der 16-Jährige Haschisch und Marihuana bei sich trug. „Man kann die Lebenschancen versieben!“, hält er dem jungen Maler-Azubi vor. Wer Joints rauche, könne „vom Gerüst“ fallen.  Amendt spricht eindringlich von einem gefährlichen „Flashback“, den es nach Drogenkonsum geben könne. Er warnt: „Maler gehen auf die Leiter!“

Bei seiner Sprühaktion war der 16-Jährige nicht allein. Ein 20-jähriger Bekannter hat ihn begleitet und Schmiere gestanden. Dieser junge Mann ist in diesem Prozess mitangeklagt. Er habe „mit Kunst nichts am Hut“, sagt der schlanke Brillenträger. Er gibt aber zu, mit dem Jüngeren zuvor sechs Sprühflaschen beim Hela-Baumarkt besorgt zu haben. Offen räumt er ein, gelegentlich zu „kiffen“. Zwei Ausbildungen hat er abgebrochen, jetzt sucht er eine neue Stelle. Das Gericht verurteilt den 20-Jährigen wohlwollend noch nach Jugendrecht. Wegen „Beihilfe“ zur gemeinschädlichen Sachbeschädigung soll er ein soziales Kompetenztrainung absolvieren und 30 Stunden gemeinnützig arbeiten.

Auch der  in erster Linie angeklagte 16-Jährige bekommt keine einschneidende Jugendstrafe. Er soll weiter zur Suchtberatung gehen und ein soziales Kompetenztraining durchlaufen. Und er soll, so das Schwäbisch Haller Amtsgericht, den angerichteten Schaden in der Fußgängerunterführung eigenhändig beseitigen – vorausgesetzt, die Stadt Schwäbisch Hall ist einverstanden.

Eine Begleitperson  ist bereits gefunden: Die Staatsanwältin hat sich bereit erklärt, ihn beim Streichen in der Fußgängerunterführung zu beaufsichtigen. Falls die Stadt Schwäbisch Hall dem Jugendlichen die eigenhändige Wiedergutmachung jedoch verwehrt, soll er einen Geldbetrag von 250 Euro als Strafe bezahlen.

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