Günter Grass: Er hat in Hall die Zunge gezeigt

"Günter Grass ist gerne hier zum wiederholten Mal" - das hat der Schriftsteller 2006 ins Gästebuch der Literaturtage Baden-Württemberg geschrieben. Viele Hohenloher erinnern sich an seinen Haller Auftritt.

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Günter Grass und Hans Magnus Enzensberger sitzen im Jahr 2006 in der Schwäbisch Haller Kunsthalle Würth vor dem Aquarellzyklus "Fundsachen für Nichtleser" von Günter Grass.  Foto: 

Grass kannte die Stadt am Kocher schon viele Jahre lang: Bereits im Jahr 1978 las er in der vollbesetzten Haller Hospitalkirche aus seinem Roman "Der Butt". Am Montag ist Günter Grass im Alter von 87 Jahren gestorben. Viele Literatur- und Kunstfreunde aus Schwäbisch Hall und Umgebung haben den Literaturnobelpreisträger persönlich erlebt - zum Beispiel am 13. Oktober 2006.

Damals fanden in Schwäbisch Hall die Literaturtage Baden-Württemberg statt - im Wesentlichen initiiert und organisiert von der Haller Kulturbeauftragten Ute Christine Berger. Projektpartner der Literaturtage war unter anderem die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Sie zeigte die Ausstellung "Literatur kann man sehen" mit Werken der bildenden Kunst von den Literaten Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Hermann Hesse. Zur Vernissage dieser Schau gab es in der Kunsthalle eine Lesung mit Grass und Enzensberger. "Die Ausstellung und Lesung von Günter Grass in der Kunsthalle Würth war eine Sternstunde und ein Höhepunkt der Literaturtage Baden-Württemberg in Hall. Zusammen mit Hans Magnus Enzensberger hatte man gleich zwei lebende Legenden in der Stadt", erinnert sich Berger. Sie sagt: "Mit den Literaturtagen ist die Literatur-Szene in Hall aufgelebt. Daran hat der Abend mit Günter Grass sicher großen Anteil."

Auch auf Halls Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim hatte Grass großen Einfluss: Dessen Roman "Die Blechtrommel" aus dem Jahr 1959 sei für ihn der Einstieg in die Literatur gewesen, bekannte Pelgrim bei Grass' Lesung in Hall.

Die Ausstellung "Literatur kann man sehen", in der Grass Zeichnungen, Aquarelle und Skulpturen zeigte, lockte rund 50.000 Besucher aus aller Welt an. Die Kunsthallendirektorin Sylvia Weber hatte guten Kontakt zu Günter Grass. "Wir standen seit Grass' Tübinger Poetik-Dozentur im Jahr 1999 in reger Verbindung, haben uns immer wieder gegenseitig besucht. In jüngerer Zeit konnte Grass allerdings nicht mehr reisen. Ich bin sehr traurig über seinen Tod. Mit ihm ist ein bedeutender Künstler für die Sammlung Würth aus der Welt gegangen." Die Sammlung Würth besitzt mehr als 500 Bilder und Skulpturen von Grass, darunter die Aquarell-Zyklen "Mein Jahrhundert" und "Fundsachen für Nichtleser".

Mandelstollen verband Grass viele Jahre mit Hall

In Hall ist Grass gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger aufgetreten. Die beiden kannten sich mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Sie stritten sich gerne, sagten in Hall aber auch: "Unsere Freundschaft ist strapazierfähig." Grass hat sie gewiss auch strapaziert mit seinem späten Bekenntnis, als 17-Jähriger die Uniform der Waffen-SS getragen zu haben. Das war kurz bevor er seine Lesung in Hall hatte. Deshalb wurde er in der Kunsthalle Würth auch gefragt, ob er sich weiterhin politisch einmischen wolle. Grass versicherte damals: "Natürlich, ich würde sonst Zungengeschwüre kriegen." Ausgestellt wurden im Winter 2006/2007 in der Kunsthalle unter anderem seine Tuschezeichnungen "Zunge zeigen".

Auch nach seinem letzten Hall-Besuch bekam Grass regelmäßig einen Gruß aus Hohenlohe: Der Mandelstollen vom Café am Markt, den ihm Sylvia Weber einst schenkte, hat ihm so gut geschmeckt, dass er ihn jedes Jahr bezog.

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