Glück jenseits des Atlantiks gesucht

Immer wieder suchen Menschen aus den USA, aus Großbritannien oder Australien im Haller Stadtarchiv nach ihren Vorfahren. So wie Rebecca Friederich aus Chicago. Die Spuren führen sie nach Uttenhofen.

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  • Rebecca Friederich mit Ann-Kathrin Petersen und Wolfgang-Paul Simon vor dem Haller Rathaus. 1/2
    Rebecca Friederich mit Ann-Kathrin Petersen und Wolfgang-Paul Simon vor dem Haller Rathaus. Foto: 
  • Im Stadtarchiv erzählt Daniel Stihler, was er über Rebeccas Vorfahren herausgefunden hat. Links Christoper Pieper aus den USA, der ein Gemeindepraktikum in Rot am See machte. Weil er sich für die Theologie von Dietrich Bonhoeffer interessiert, begleitete er die Gruppe nach Hall. 2/2
    Im Stadtarchiv erzählt Daniel Stihler, was er über Rebeccas Vorfahren herausgefunden hat. Links Christoper Pieper aus den USA, der ein Gemeindepraktikum in Rot am See machte. Weil er sich für die Theologie von Dietrich Bonhoeffer interessiert, begleitete er die Gruppe nach Hall. Foto: 
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"Verrückt!" Die junge Frau schlägt die Hand vor den Mund. "Oh mein Gott", sagt sie immer wieder. Sie hatte keine Ahnung davon, was sie in Deutschland über ihre Vorfahren herausfinden würde. Und jetzt ist das mehr als hundert Jahre alte Dokument zum Greifen nah, in dem ihr Ur-Großvater und ihre Ur-Großmutter namentlich erwähnt sind.

Rebecca Friederich heißt die junge Frau, der es die Sprache verschlagen hat. Sie ist 20 Jahre alt und lebt in den Vereinigten Staaten von Amerika, in der Nähe von Chicago. Vor kurzem besuchte sie in Deutschland einige Freunde. Unter ihnen Ann-Kathrin Petersen in Rot am See. Becci und Anka, wie sich die beiden Freundinnen ansprechen, lernten sich im Herbst 2013 in Costa Rica kennen. Dort beteten sie in einer Bibelschule für andere Menschen und verkündeten das Evangelium, betreut von der christlich-missionarischen Organisation "Jugend mit einer Mission". Becci arbeitet in ihrer Heimat bis heute für die Mission. Im Februar 2014 trennten sich die Wege der jungen Frauen, aber sie hielten Kontakt.

Als sich Becci bei Anka ankündigte, erzählte diese ihrer Mutter von Beccis Vorfahren in Süddeutschland und, dass diese womöglich in Hall lebten. Das erfuhr Ankas Stiefvater Wolfgang-Paul Simon, der in Schwäbisch Hall aufgewachsen ist. So kam die Sache ins Rollen. "Ich schlug Becci vor, im Stadtarchiv nach ihren Vorfahren zu suchen", sagt Wolfgang-Paul Simon, der sich auch aufgrund seiner eigenen Geschichte für Familienforschung interessiert. "Mein Vater war ein Flüchtling aus dem Sudetenland, meine Mutter stammte aus der Kurpfalz."

Er begleitet Rebecca Friederich an diesem heißen Nachmittag ins Haller Stadtarchiv. Zuerst klingt es ernüchternd, was Stadtarchivar Daniel Stihler offenbart: "In den offiziellen Unterlagen habe ich nichts finden können." Doch dann die Erleichterung: "Eine Minute, bevor Sie kamen, wurde ich fündig. Im Kirchenarchiv." Dort stieß er auf ein Schreiben aus dem Jahr 1882, verfasst vom damaligen Pastor von Westheim. Demnach war Beccis Urgroßvater Johann Georg Friederich Protestant. 1879 heiratete er in Uttenhofen Eva Margarethe, geborene Weinmann - eine Methodistin. Ein Methodistenprediger traute die beiden, was wohl der Grund dafür war, dass Johann Georg Friederich aus seiner Kirche ausgestoßen wurde.

"Zu uns ins Stadtarchiv kommen häufig Menschen aus den USA, aus Großbritannien oder Australien, die wie Rebecca nach ihren Vorfahren suchen", sagt Daniel Stihler, der sich Zeit für sie nimmt. "Familienforschung ist ein populäres Hobby, gerade in den USA."

„Das ist, als würden Sie in den USA nach John Smith suchen“

Rebecca Friederich saugt jedes Wort über ihre Urgroßeltern auf. "Nach einem Johann Georg Friederich zu suchen, ist nicht leicht", sagt Stihler. "Das ist, als würden Sie in den USA nach John Smith suchen." Er bringt ein Buch über die Geschichte der Gemeinde Uttenhofen. Rebecca zückt die Kamera. "Dort drin steht, wann Ihre Urgroßeltern ausgewandert sind", sagt er. "Oh, that's crazy", haucht Rebecca.

1884 emigrierten Johann Georg Friederich und seine Ehefrau mit Töchterchen Magdalene nach Nordamerika. "Der größte Teil der Auswanderungswilligen verließ Uttenhofen in den 1850er-Jahren", sagt Stihler. In einer Phase also, in der das ganze Land durch die Missernte des Jahres 1847 von einer Agrarkrise betroffen war.

Johann Georg Friederich und seine Frau landeten in Kansas, weiß Rebecca von ihrem noch lebenden Großvater, der Journalist war. In Kansas predigten die beiden in einer deutschen Kolonie. "Es ist spannend zu erfahren, dass meine Ur-Großeltern gläubig waren, wie ich", sagt Rebecca Friederich.

Nach dem Besuch im Stadtarchiv fährt sie nach Uttenhofen, wo ihre Ur-Großeltern lebten. Sie staunt, wie übersichtlich der Ort ist. Von Daniel Stihler erfuhr die Amerikanerin, dass Uttenhofen von der 1880 einsetzenden Auswanderungswelle in Süddeutschland nicht erfasst wurde. Rebecca Friederichs Ur-Großeltern brauchten offenbar keine Welle. Sie wurden von etwas anderem fortgezogen. Von dem Wunsch, ihr Glück in den USA zu finden.

Zur Person vom 11. August 2015

Rebecca Friederich ist 20 Jahre alt und lebt in Chicago im US-Bundesstaat Illinois. Sie arbeitet für die christlich-missionarische Organisation "Jugend mit einer Mission". Über die Bibelschule dieser Organisation in Costa Rica lernte sie Ann-Kathrin Petersen aus Rot am See kennen, bei der sie kürzlich zu Besuch war. Rebecca Friederich hat einen Bruder (18) und eine Schwester (16). Ihr Vater war als Ingenieur beruflich schon häufig in Deutschland - nach seinen Vorfahren aus Hohenlohe hat er bisher noch nicht gesucht. Deshalb freuen sich Rebeccas Eltern darüber, dass sie nun die Möglichkeit zu dieser Suche wahrnahm.

SWP

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