Glocken bereiten Verdruss

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Bei einer Themenführung erhielten die Teilnehmer vor kurzem interessante Einblicke in die Geschichte der Kirche.   Foto: 

Mitte des 17. Jahrhunderts wird mit Hilfe einer  Stiftung der Bürgerinnen und Bürger 1653 ein Kanzeldeckel installiert, 1681 kann die umfassende Renovierung dank der finanziellen  Unterstützung der Bürgerschaft realisiert werden. Für die neuen „Manß und Weiberstüehl“ 1666 und neuen „ChorStühl und Langstuehle“ 1667 liegt dagegen keine Stiftung vor.

 1807 wird die Pfarrei Enslingen und Schönenberg durch Gaisdorf erweitert, so dass neue Stühle angebracht und verteilt werden müssen. Ganz reibungslos geht es weder im Männer-, noch im Frauengestühl zu. Weil Wirschingers Ehefrau durch ihr „Hin- und Herschlupfen“ viele „Weiber besudle“ muss sie am 28. Juli 1812 vor den Kirchenkonvent.

Als sich zwei Personen um einen durch Tod vakanten Kirchenstuhl bewerben und „keiner dem andern weichen will“, ist ebenfalls der Rat gefordert. Das örtliche Handwerk ist beim Dachdecken des Kirchturms durch mauern, streichen und „allerhand Flickwerk“ vertreten. Als die Kirche 1737 erweitert und erhöht und dazu die Sakristei neu gebaut wird, ist Jörg Thomas Groß als Zimmermann am Werk, zuvor wurde der Schmied Caspar Schumacher mehrfach namentlich genannt.

Probleme beim Läuten

Bei der Verlängerung der Kirche 1845 werden „20 Schuh hohe Mauern mit Nischen“, die „in katholischer Zeit für die Heiligen oder Nothelfer“ zur Wallfahrt dienten, endgültig abgebrochen. Manchen Verdruss bereiten die Glocken und die Kirchturmuhr. Weil 1849 der Schulmeister und Mesner „die frühe und Abendglocke entweder garnicht oder zu unrechter Zeit“ läute, wird er zur Rechenschaft gezogen. Als Grund gibt der Mesner an, „daß er wegen seiner Kinder oft die ganze Nacht nicht schlafen könne und deshalb morgens verschlafe“.

Im Fall der Uhr trifft der Mesner beim Pfarrer auf Verständnis, denn „eine schlechte Uhr unterstützt“ den Mesner „nicht“. Die Elektrifizierung entlastet den Mesner schließlich, auch die Buben werden nicht mehr zum Läuten benötigt. Im Jahr 1951 fällt auch das Balgetreten der Orgel durch die Elektrik weg.

Anfang des 19. Jahrhunderts verändert sich das Umfeld der Kirche. Vormals Comburgische Kelter steht jetzt das Rathaus mit Armenhaus und Arrest gegenüber. Das ebenfalls gegenüber stehende Pfarrhaus wird 1882 an das Ortsende verlegt. Ein „großer Exceß“ wie damals 1833 im Gasthaus dringt nicht mehr wie einst bis hinein ins Schlafzimmer der Pfarrfamilie.

Illegal Blumen gepflückt

Von einer gleichbleibenden Einwohnerzahl mit Dienstleuten kann angesichts der Einquartierungen, Kriegsgefangenen, ZwangsarbeiterInnen, Evakuierten, Flüchtlingen und Besetzung durch Amerikaner nicht die Rede sein. In Mitleidenschaft wurden sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg die vom Kirchturm geholten Glocken gezogen. Zurückgebracht wurden sie durch örtliche Handwerker, die sie wieder hochgezogen und einhängten.

„Abpflücken von Blumen auf dem Friedhof durch Unbefugte ist zu verbieten“, steht am Anfang der Auslagerung des Kirchhofs der St.-Briccius-Kirche im Jahr 1806 nach außerhalb der Ortsgrenze. Notwendig wurde der Umzug, „da der hiesige Kirchhoff würcklich zu klein ist und die Leichnamme nicht selten ganz unverweßt heraus gegraben werden“.

Der Trauergottesdienst findet weiterhin in der Kirche statt.  Vorschriften regeln den Begräbnisplatz durch Zuordnung, Maß und Nummerierung. Gemessen wurde auch das Bahrtuch für Erwachsene, Verheiratete, Schulkinder und Säuglinge, das Tuch für ledige Leute soll neu gefärbt werden.

Fortschrittlich ist der im Jahr 1927 eingesetzte Leichenwagen. Er ersetzt den oft als  „schlecht und zuerlumpt“  kritisierten Toten-Schragen. Ohnehin geht es oft um Vermeidung von Störungen auf dem Friedhof, etwa durch lärmende Kinder und Erwachsene außerhalb oder gar auf der Friedhofmauer. Im Jahr 1939 gelten  Inschriften von Grabkreuzen als „wertvolles Material für die Sippenforschung“ und sollen deshalb nicht „verloren“ gehen.

Info Autorin Liselotte Kratochvil wohnt in Enslingen und ist Expertin für Heimatgeschichte

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