Gewalt über Generationen

Polizei, Beratungsstellen, Frauenhaus, Justiz und Jugendamt sollen bei Gewalt eng zusammenarbeiten. Worauf es ankommt, erklärte Barbara Kavemann.

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Die Soziologin Barbara Kavemann, in Berlin und Freiburg arbeitende Expertin für häusliche Gewalt, war erfreut über die vielen Vertreter von Einrichtungen, die in Hall beim Thema häusliche Gewalt kooperieren und zu ihrem Vortrag kamen.

Die städtische Gleichstellungsbeaufragte Karin Eissele-Kraft hatte zum Fachgespräch „Häusliche Gewalt“ ins Haus der Bildung eingeladen. Unter anderen kamen Mitarbeiterinnen des Frauenhauses, von der Caritas, der Diakonie, von Pro Familia und des Jugendamts. Anwesend waren auch Vertreter der Polizei, des Haller Familiengerichts und der Psychiatrie. „Sie sind gut vernetzt“, stellte Kavemann fest, die Mitglied der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Deutschland ist.

Eine gute Vernetzung der Berufsgruppen, die mit häuslicher Gewalt zu tun haben, ist unabdingbar, um den Betroffenen zu helfen. „Wir haben schon viel erreicht, zum Beispiel das Gewaltschutzgesetz. Am wichtigsten ist aber, was sich in den Köpfen verändert hat“, meinte die Wissenschaftlerin. Trotzdem gebe es oft Probleme zwischen Kooperationspartnern. Etwa durch unterschiedliche Sprachen. „Die Sprache der Polizei, der Justiz oder der Medizin hört sich für Menschen aus der sozialen Arbeit fremd an und umgekehrt“, nannte Kavemann ein Beispiel. Doch wenn es gelinge, sich auf berufsfremde Denkweisen und Praxisen einzulassen, könnten Fälle viel besser zum Wohl von Familien und auch der Kinder gelöst werden.

Angebot für Kinder

Für die Kinder sei es ungemein wichtig, dass ihnen jemand erklärt, wie es weitergeht, wenn die Polizei ins Haus kam, weil der Vater die Mutter geschlagen hat. In der Schweiz schalte die Polizei sofort Beratungsstellen für die Erwachsenen und die Kinder ein. „Die Kinder und Jugendlichen schätzen es ungemein, wenn jemand in so einer Situation mit ihnen spricht“, betonte Kavemann.

Besonders auf die Psyche der Frauen sollten alle Beteiligten achten. „Gewalt macht krank. Manche Frau ist aber auch schon vorher psychisch krank und dann suizidgefährdet. Frauenhäuser sind damit überfordert“, stellte sie fest. In der Psychiatrie würden solche Frauen aber auch oft von Männern belästigt. Und außerdem: „Was ist dann mit den Kindern?“, fragte sie. Im Frauenhaus sei Platz für  sie – aber nicht, wenn die Mutter in der Psychiatrie ist.

Auch suchtkranke Frauen verlangten besondere Aufmerksamkeit. Anfangs sei Alkohol eine vermeintlich gute Bewältigungsstrategie bei häuslicher Gewalt, später werde er dann aber zerstörerisch. „Und er stigmatisiert Frauen besonders schlimm. Genauso wie eine psychische Erkrankung. Eine Frau, die säuft oder einen Knall hat, ist ganz unten auf der Werteskala“, sagte Kavemann plakativ.

Was oft schief läuft: Frauen, die es geschafft haben, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen und mit den Kindern eine eigene Wohnung haben, fühlen sich dann alleingelassen. „Sie wissen nicht, wie sie die Folgen der polizeilichen Intervention in ihr Leben überstehen sollen, und flüchten sich in die alte Beziehung“, weiß die Soziologin.

Unterstützung muss andauern

Die Unterstützung dürfe also nicht abrupt aufhören, sie müsse andauern, bis die Folgen der Intervention, auch die oft langwierigen Gerichtsverhandlungen, verarbeitet sind, forderte die Expertin.

Sorgen macht sie sich über die Fortsetzung der Gewalt in den folgenden Generationen. Schon jetzt kämen Frauen ins Frauenhaus, deren Mütter bereits da waren.

In der Diskussion ging es unter anderem um die schlechte finanzielle Lage der Beratungsstellen. Einig waren sich alle, dass das Geld bezahlt werden müsse – wenn nicht jetzt, dann später umso mehr.

Mit dem Gewaltschutzgesetz  kann ein Gericht anordnen, dass ein Täter sich der Wohnung einer verletzten Person  fernhält. Es kann ihr verbieten, Verbindung (auch über elektronische Medien) zu ihr aufzunehmen. Das Gericht kann auch bestimmen, dass der Täter eine gemeinsame Wohnung verlässt. siba

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