Geschrieben wird oft nachts

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Halls evangelische Dekanin Anne-Kathrin Kruse im Pfarrgarten, in dem vor fast 500 Jahren auch der Reformator Johannes Brenz gesessen haben dürfte. Am heutigen Samstag feiert die Theologin ihren 60. Geburtstag.  Foto: 

Wenn im alten Haller Dekanat in der Pfarrgasse spät­abends das Licht brennt, ist das nichts Ungewöhnliches. In jenem Haus, das während des Wirkens von Johannes Brenz in Hall neu gebaut wurde, und in dem der Reformator einst auch lebte, sitzt Anne-Kathrin Kruse dann wahrscheinlich über einer Predigt oder einem Vortrag, wälzt Bücher und Gedanken, feilt an Formulierungen und Aussagen. „Ich schreibe oft nachts“, sagt die Dekanin. Dann herrsche meist Ruhe, das Telefon schweigt. „Auch mein Nachttisch liegt voller theologischer Literatur“, erzählt die Büchernärrin lachend.

In wenigen Tagen muss ihr Text für eine Bibelarbeit beim Kirchentag in Weimar fertig sein – „da ist man schon im Fokus, und der Druck steigt“. Doch nun rückt zunächst ihr 60. Geburtstag am heutigen Samstag in den Fokus. Am Donnerstag hat sie eine Freundin aus Stockholm vom Flughafen abgeholt, abends trudeln die beiden Töchter in Hall ein. Immer mehr Gäste kommen, und heute, Samstag, gibt es um 12 Uhr ein Orgelkonzert in St. Michael.

Kunterbunte Gästeschar

Anne-Kathrin Kruses Einladungsliste ist kunterbunt: „Das geht querbeet“. Ihre „Lieblingsbettlerin“ Anita aus dem slowakischen Kalosa kommt genauso wie Halls Oberbürgermeister Pelgrim oder Erhard Eppler. Auch Kirchenrätin Kathrin Nothacker, die viele Haller von ihrer Zeit als Pfarrerin in der Johannes-Brenz-Gemeinde kennen, werde da sein. Mehr als 200 Leute haben jedenfalls zugesagt, „dazu noch 60 private Gäste“, und vielleicht kommen auch noch ein paar spontane Gäste. Das Konzert ist öffentlich. „Mir war es wichtig, dass es in der Kirche ist und dass ich dadurch auch Leute zusammenbringen kann“, erklärt Anne-Kathrin Kruse.

Auf die Orgelmusik ist sie jedenfalls sehr gespannt. Sie habe beim Kantorenpaar Kurt Enßle und Ursl Belz-Enßle Wünsche äußern dürfen, „aber was dann erklingen wird, weiß ich nicht“, sagt sie voll Vorfreude.

Vor fast sechs Jahren hat Anne-Kathrin Kruse in Hall als Dekanin angefangen – beherzt und voll Freude. Bei aller Mühe, die manche neue Herausforderung mit sich bringt, hat sich die Dekanin ihre Frische und Fröhlichkeit bewahrt, die Arbeit anzugehen. Die Zeit sei „wahnsinnig schnell“ vergangen. „Ich bin zwar im Amt angekommen“, sagt sie, aber es gebe noch viel zu entdecken und zu tun. Aus ihren Worten klingen Tatendrang und die Lust am Schaffen.

Predigtcoach mit Zertifikat

Gewiss, eine der größten und wenig erfreulichen Aufgaben ist der Pfarrplan. Wenn Stellen gestrichen werden müssen, tut das weh, „klar, das löst Ängste aus“. Es sei sehr schwierig, gemeinsam einen guten Weg zu finden, weiß die Theologin. Aber sie hat auch keine Scheu, diese komplexen Pflichtaufgaben anzugehen.

Zu den „schöneren“ Herausforderungen gehöre das Thema Personalentwickelung – also Geistliche zu beraten, gemeinsam mit und für Pfarrer Perspektiven zu entwickeln. In den vergangenen Monaten hat die 60-Jährige nebenher eine Ausbildung zum Predigtcoach gemacht, um Theologen zu helfen, einen eigenen authentischen Predigtstil zu finden.

Auch das Reformationsjubiläum zu gestalten und zu begleiten, gehöre zur „schönen Arbeit“. Und dass es gelungen sei, gemeinsam mit der Diakoniestiftung im Kreis und weiteren Institutionen den Bildungsfonds Kalosa einzurichten, erfüllt Anne-Kathrin Kruse ebenfalls mit Freude: „Wir wollen mit Kleinststipendien den Familien dort vor Ort helfen – mal geht es um das Geld für den Bus zur Schule, mal geht es um Kleidung für Schulkinder“, erklärt die Dekanin. Deshalb möchte sie zu ihrem Geburtstag auch gar keine Geschenke, „sondern lieber Spenden für diesen Bildungsfonds“.

Bei aller Vielfalt der Aufgaben im Dekan-Amt, sonntags in der Haller Michaelskirche einen Gottesdienst zu feiern, zu predigen, mit der Gemeinde zu singen – Anne-Kathrin Kruse lächelt: „Das ist ja sowieso meine Lieblingsbeschäftigung.“

Anne-Kathrin Kruse wird am 13. Mai 1957 in Braunschweig geboren. Sie wächst in Wolfenbüttel und Oldenburg auf. Kulturinteressiert wie sie war und ist, studiert sie in Münster/Westfalen drauflos: Theologie, auch weil alles Spannende wie Kunst, Psychologie, Philosophie, Musiktheorie und mehr darin enthalten ist. Später studiert sie auch in Tübingen. Während eines Studienjahrs in Jerusalem lernt sie ihren Mann Wolfgang Kruse aus Ulm kennen. Das Vikariat absolviert Anne-Kathrin Kruse in Heilbronn. Weitere Stationen: Seelsorgeauftrag in Bad Boll, Klinische Seelsorgeausbildung in Sindelfingen, Gemeindepfarrerin in Steinenbronn bei Böblingen, erste gemeinsame Pfarrstelle in Bad Wimpfen, Studienleiterin der Pfarrfortbildung, Pfarrstelle in London, seit Dezember 2011 Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Schwäbisch Hall. Die Kruses haben zwei erwachsene Töchter, die beide in Berlin studieren. Ihren Ausgleich zum Arbeitsalltag findet Anne-Kathrin Kruse beim Schwimmen, Radfahren und Singen. Sie spielt auch klassische Gitarre, „das habe ich in den letzten Jahren aber arg vernachlässigt“, räumt sie schmunzelnd ein. blo

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