Gefangener schlägt Anstaltsarzt: 22-Jähriger zu sechs Monaten Haft verurteilt

Im Haller Gefängnis hat ein Gefangener dem Anstaltsarzt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Vor dem Amtsgericht zeigt sich die Tragweite dieses Vorfalls.

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Unscheinbar steht die Anklage als „Körperverletzung“ auf der Tagesordnung des Haller Amtsgerichts. Was aber passiert ist, ist eine erschreckende Grenzüberschreitung hinter Gittern. Am 25. Februar dieses Jahres besucht ein 21-jähriger Gefangener die ärztliche Sprechstunde in der Haller Justizvollzugsanstalt. Er hat wenige Tage zuvor eine Urinkontrolle verweigert und setzt nun auf Unterstützung durch den Arzt. Der Arzt soll ihm bescheinigen, dass er – der Gefangene – im Beisein von Wachtmeistern möglicherweise nicht „pinkeln“ könne.

Der 63-jährige Arzt weigert sich, ein solches Attest auszustellen. Der junge Gefangene beharrt auf seiner Forderung. Der Arzt verweist ihn aus dem Raum. Der Ton wird laut. Da steht der Gefangene auf und schlägt dem Arzt mit der Faust ins Gesicht. Die Nase des Mediziners wird geprellt, die verrutschte Brille reißt eine blutende Wunde. Vollzugsbeamte lösen Alarm aus. Der gewalttätige Gefangene lässt sich beruhigen.

Einen Tag später wird der 21-Jährige in das Ravensburger Gefängnis verlegt. Er bekommt als „Disziplinarmaßnahme“ eine Woche „Arrest“, also Einzelhaft unter verschärften Bedingungen. Doch damit ist es nicht getan: Gut vier Monate nach dem Vorfall wird der junge Mann, jetzt mit Hand- und Fußfesseln, aus Ravensburg zur Verhandlung in den Haller Gerichtssaal gebracht.

Junger Mann hat sich bei Opfer entschuldigt

Er gibt die Attacke gegen den Arzt zu – wenn er auch abschwächt und meint, nicht mit der Faust, sondern mit der flachen Hand geschlagen zu haben. „Das war eine Zeit, da gab es viele Probleme für mich“, sagt er.

Vor kurzem ist er 22 Jahre alt geworden. Er verbüßt eine vierjährige Haftstrafe. In Crailsheim beging er Diebstähle und schwere Körperverletzungen. Seine Kindheit war schwierig. Der Vater starb an Drogen-, die Mutter an Alkoholmissbrauch. Hilfen durch das Jugendamt blieben erfolglos.

Durch den schweren Faustschlag ist der erfahrene Haller Gefängnisarzt aus der Bahn geworfen worden. „Er wollte mich einfach vernichten. Er hatte eine extreme Wut“, sagt der 63-Jährige im Zeugenstand. Er sei danach benommen gewesen. „Ich saß noch schräg im Stuhl. Meine Brille ist heruntergerutscht, die lag auf dem Boden.“ Über viele Jahre hat er seinen Dienst getan, jetzt ist er an einem Wendepunkt. Er kam nach dem Vorfall nur noch für wenige Tage in sein Sprechzimmer zurück. Danach wurde er dauerhaft krankgeschrieben und ist bis heute in psychiatrischer Behandlung.

Dass die Abwesenheit des Arztes in der JVA Probleme bringt, erklärt die zuständige Abteilungsleiterin als Zeugin: „Es leidet die medizinische Versorgung der Gefangenen.“ Pro Monat müssten an die 10 000 Euro für ärztliche Vertretungskräfte ausgegeben werden. Auch sie ist erschrocken: „Ein Anschlag auf den Anstaltsarzt, das ist schon ziemlich einmalig in diesem Land.“

Halls Erster Staatsanwalt Harald Lustig spricht in seinem Plädoyer von „Abschreckung für andere“ und fordert sieben Monate (weitere) Haft für den jungen Gefangenen. Verteidiger Uwe Böhm (Ulm) meint dagegen, das Personal im Gefängnis leiste grundsätzlich eine „gefahrgeneigte Tätigkeit“: „In der Haftanstalt sitzen Leute, die nicht in der Lage sind, Gesetzesnormen einzuhalten.“ Sein Strafvorschlag: nicht mehr als fünf Monate Haft.

Richter Jens Brunkhorst nimmt den Mittelweg und verurteilt den 22-Jährigen wegen „vorsätzlicher Körperverletzung“ zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Strafmildernd berücksichtigt er, dass sich der junge Mann bei seinem Opfer, dem Arzt, entschuldigt hat und sich in der Ravensburger Haftanstalt ernsthaft bemüht, seine Probleme zu bekämpfen.

Der Gefängnisarzt (63) sagt als Zeuge: „Es ist das erste Mal, dass mich jemand so attackiert hat. Ich bin im Endeffekt für die Leute da, um ihnen zu helfen.“

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