Fußball auf der Großen Treppe

„Don Camillo und Peppone“ feierte am Freitag Premiere. Vor dem legendären Film-Original muss sich Christian Dolls Inszenierung nicht verstecken.

|
Vorherige Inhalte
  • Don Camillo (Gunter Heun, links) streitet sich mit seinem Widersacher Peppone (Dirk Schäfer). Sogar Kinnhaken und Stockschläge werden ausgetauscht.  1/5
    Don Camillo (Gunter Heun, links) streitet sich mit seinem Widersacher Peppone (Dirk Schäfer). Sogar Kinnhaken und Stockschläge werden ausgetauscht. Foto: 
  • Turbulente Szenen: Don Camillo im Dialog mit Jesus, bei der Taufe von Peppones Sohn und als Ratgeber des Liebespaars Mariolino Bruciata und Gina Pasotti. Oben das Fußballspiel zwischen Messdienern und Kommunisten. 2/5
    Turbulente Szenen: Don Camillo im Dialog mit Jesus, bei der Taufe von Peppones Sohn und als Ratgeber des Liebespaars Mariolino Bruciata und Gina Pasotti. Oben das Fußballspiel zwischen Messdienern und Kommunisten. Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) 3/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) 4/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) 5/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Szenenfotos von "Don Camillo und Peppone" auf der Großen Treppe vor St. Michael - unter anderem mit Gunter Heun (Don Camillo) und Dirk Schäfer (Peppone) Foto: 
Nächste Inhalte

Ein Fußballspiel auf der Großen Treppe konnte sich bis Freitagabend vermutlich niemand vorstellen. Würde nicht der Ball permanent die Stufen hinabhüpfen oder ein verirrter Schuss womöglich einen Freilichtspiel-Besucher hart am Kopf treffen? Ein ziemlich einfacher Trick genügt, um eine der zentralen Szenen aus der französisch-italienischen Filmkomödie von 1952 auf die Freilichtspiel-Bühne zu bringen. Das runde Spielobjekt ist an langen Fäden befestigt. Schiedsrichter Benjamin Leibbrand hält sie wie ein Puppenspieler in seinen Händen und lässt den Ball rasant über die Treppe fliegen. Das Spiel wird zum lauten Spektakel. Don Camillos Messdiener und Peppones Rote Brigade hasten hinterher, jubeln über ihre Tore mit heruntergelassenen Hosen, simulieren Verletzungen mit schmerzverzerrten Gesichtern, beleidigen ihre Gegner.

Kein leichtes Unterfangen, den 3:2-Siegtreffer der Kommunisten aus 20 Metern Torentfernung zu inszenieren: Beim ersten Freistoß lenkt Benjamin Leibbrand den Ball vermutlich aus Versehen knapp über das Tor. Der zweite Schuss trifft ins Schwarze. Don Camillo hat verloren und muss sein Versprechen einlösen, ein halbes Jahr bei seinen Predigten auf Kommunisten-Schelten zu verzichten.

Wer den Schwarz-Weiß-Klassiker „Don Camillo und Peppone“ kennt, findet sich im Freilichtspiel-Stück schnell zurecht. Denn Intendant Christian Doll hat sich in vielerlei Hinsicht recht eng an das Drehbuch von Regisseur Julien Duvivier gehalten. Die Geschichte spielt ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs im kleinen italienischen Ort Brescello. Die Kommunisten haben die Kommunalwahl gewonnen, befinden sich im Siegestaumel, planen den Bau eines Bürgerhauses und träumen von der Volksherrschaft. Dorfpfarrer Don Camillo indes bangt um das Seelenheil seiner Herde. Er versucht alles, um seinen Gegenspieler Peppone auszutricksen und lächerlich zu machen. Der lokale Kommunisten-Anführer und frischgebackene Bürgermeister trachtet seinerseits danach, die Pläne des katholischen Geistlichen zu durchkreuzen.

  Parallel spitzt sich eine Romeo- und Julia-Geschichte zu. Mariolino Bruciata, Sohn eines verarmten Bauern, und Großgrundbesitzer-Tochter Gina Pasotti lieben sich, während sich ihre beiden Familien seit Jahrzehnten hassen. Sie wollen unbedingt heiraten, doch weder Don Camillo noch Peppone geben der Ehe ihren Segen. Aus lauter Verzweiflung will sich das unglückliche Paar im nahegelegenen Po ertränken, kommt aber in letzter Sekunde zur Vernunft.

Dass am Ende alles gut wird, ist vor allem der greisen, ehmaligen Dorfschullehrerin Signora Christina und Jesus zu verdanken. Letzterer redet Don Camillo permanent ins Gewissen, Versöhnung statt Streit zu suchen. Schließlich beenden Peppones Kommunisten ihren Generalstreik, erhalten vom Großgrundbesitzer eine Lohnerhöhung und laden Camillos Katholiken zur gemeinsamen Feier ins neue Gemeindehaus ein. Gina und Mariolino dürfen heiraten und Don Camillo und Peppone stellen fest, dass sie im Grunde genau das gleiche wollen: eine gerechtere Welt ohne Krieg und Konflikte.

Während sich die Handlungsstränge von Film und Freilichtspiel-Inszenierung stark ähneln, haben die heutigen Haller Hauptdarsteller mit denen von einst nicht viel gemein. Gunter Heun ist als Don Camillo auf eine ganz andere Art witzig als der französische Schauspieler Fernandel vor 65 Jahren. Er spielt den katholischen Geistlichen noch impulsiver und einen Tick boshaft, von Fernandels Liebenswürdigkeit und Frömmigkeit keine Spur. Als er Peppones Sohn auf den Namen Libera Camillo Lenin tauft, kippt er seinem Widersacher absichtlich Wasser über die Kleider. Als sich ihm bei einer Prozession Kommunisten in den Weg stellen, schwingt er sein mannshohes Kreuz wie eine riesiges Schwert, um sich den Weg freizubahnen. Er droht seinen Gegnern mit schrecklichen Plagen, wie sie im alten Testament den Ägyptern widerfuhren. Und geradezu diabolisch lacht er gemeinsam mit Großgrundbesitzer Pasotti, als sie eine vor Rechtschreibfehlern nur so strotzende Bekanntmachung Peppones in den Händen halten.

Dirk Schäfer wirkt als Kommunistenführer indes sympathischer, deutlich zahmer und weniger furchteinflößend als Film-Original Gino Cervi, der schon rein äußerlich Stalin ähnelte. Während Cervi mit todernster Mine grummelte und polterte, hat man mit dem von Schäfer gespielten Peppone manchmal fast Mitleid. Während er nach seiner Beichte zehn Vaterunser beten muss, beschmiert Camillo sein gigantisches Wahlplakat mit „Peppone ist ein Esel“. Er rauft sich die Haare, als sich seine begriffsstutzigen Genossen bei den Generalstreik-Parolen verhaspeln. Und mit seiner selbstbewussten Frau Ariana (Silke Buchholz) hat er es auch nicht gerade leicht.

Während sich nicht nur Don Camillo und Peppone, sondern auch die Bruciatas und Pesottis in einem fort streiten, schlagen und beleidigen, tut der einzige Ruhepol der Inszenierung richtig gut: Jesus, der Herr, gespielt von Dirk Weiler. „Dein militanter Antikommunismus verdirbt deinen Charakter“, redet er Camillo ins Gewissen. Auf dessen viele missmutige „Glaubst du denn wirklich, Herr“-Fragen heißt es irgendwann: „Ich glaube nicht, ich weiß!“

Anders als im Film handelt es sich bei Jesus nicht um eine sprechende Hochaltar-Figur, sondern um eine meist herumwandelnde, würdevoll-selbstironische Person. Immer wenn er vom Kreuz herabsteigt, hinterlässt Jesus dort den Spruch „Bin gleich wieder da“. Als kurz vor Ende des Stücks alles aus dem Ruder zu laufen scheint, bekommt Jesus von der grantigen Signora Christina (Christine Dorner) einen grandiosen Anschiss: „Erst hast du zwei Weltkriege zugelassen und jetzt legst die Hände in den Schoß und macht nichts!“ Der verdutzte Heiland kommt gar nicht zu Wort. Vom Publikum gibt es dafür Szenenapplaus.

Highlights des Inszenierung sind definitiv auch die musikalischen Einlagen. Einerseits das bekannte Weihnachtslied „Venite Fedeli“, dessen Refrain das Publikum dank der am Einlass verteilten Zettel mitsingen kann. Vielmehr allerdings noch zwei weltberühmte Klassiker der Arbeiterbewegung. Ariana singt mit viel Pathos „Bella Ciao“ (Die Blume des Partisanen). Und die jungen Anhänger ihres Mannes Peppone schmettern „Bandiera Rossa“ (Die Rote Fahne), an dessen Ende Fulmine (Natanaël Lienhardt) „Es lebe Stalin!“ über den Haller Marktplatz brüllt.

Auch dank der Vielzahl an Roten Fahnen kommt tatsächlich ein wenig Klassenkampf-Nostalgie auf.  Die größte wird schließlich von Mariolino auf dem Turm von Sankt Michael entrollt. Es ist nur eine von vielen Szenen, die dafür sorgen, dass die etwa 135 Minuten von „Don Camillo und Peppone“ ziemlich schnell vergehen. Die Freilichtspiel-Inszenierung ist lauter, rasanter, frecher und mit noch mehr Gags gespickt als das charmant-liebreizende Filmoriginal. Dass sich für die längst verblassten Konflikte Kommunismus gegen Kirche und Ost gegen West in der aktuellen, viel komplexer scheinenden Zeit nur schwer Anknüpfungspunkte finden lassen, ist nicht weiter tragisch. Die Geschichte von Don Camillo und Peppone bietet auch 2017 auf der Großen Treppe Kurzweil, Humor und starke Charaktere.

Info Weitere Aufführungen von „Don Camillo und Peppone“ sind am 1., 2., 3., 4., 13., 15., 16., 17., 18., 19., 20. und 22. August. Karten gibt es unter www.freilichtspiele-hall.de/.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen in ihrer 92. Spielzeit unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ und das Reformationsstück „Brenz 1548“. Es ist die erste Saison unter dem neuen Intendanten Christian Doll.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Verleihung des Comburg-Literaturstipendiums

Zum zehnten Mal haben die Landesakademie Comburg und die Stadt Schwäbisch Hall das Comburg-Literaturstipendium vergeben. Autor Tilman Rammstedt nimmt die Ehrung im Ratssaal entgegen. weiter lesen