Funk „ungebremst on fire“

Heute Abend ist Programmfasching in Bühlerzell. Seit 50 Jahren steht dort Erwin Funk auf der Bühne. Er kann singen, dichten, malen und tanzen.

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Erwin Funk steht seit 50 Jahren in Bühlerzell beim Programmfasching auf der Bühne. Im Hintergrund zu sehen ist das Bühnenbild „Times Square ­New York“ von 2003, das er für einen damaligen Gast noch einmal in Treppenhausgröße nachgemalt hat.  Foto: 

Wir beide Knacks und Knockser, sind überall bekannt als preisgekrönte Boxer, ringsum im ganzen Land“: Das waren vor 50 Jahren die ersten gesungenen Worte von Erwin Funk (65) beim Programmfasching in Bühlerzell. Worte, die ihm heute noch leicht und flüssig über die Lippen gehen.  Zur Seite stand ihm damals Hans Siller, sein ehemaliger Duettpartner aus dem Kinderchor.

Begleitet wurden die damals 15-jährigen Buben von ihrem Chorleiter Konrad Scheierling am Akkordeon. Bürgermeister Rudolf Mühleck habe die Veranstaltung  wegen der fliegenden Röcke der neuen Gardetänzerinnen erst ab 18 Jahren freigegeben. Funk und sein Kumpane waren die Ausnahme. Glücklich und stolz sei er gewesen, endlich dazuzugehören. Ein Faschingsgefühl, das ihn bis heute trägt und prägt. Wie sein Elternhaus, wo das ganze Jahr auf den Fasching hingelebt wurde.

Rund 777 Verse gedichtet

Sein älterer Bruder Alois war damals Vorstand der Musikkapelle. Damit lagen die Fäden für das Programm an den Faschingsveranstaltungen in Funk‘schen Händen. Mit 18 Jahren erlaubte man Erwin, bei den Programm-Vorbesprechungen teilzunehmen. Ihm schwebte eine Büttenrede vor, wie sie die großen Karnevalszünfte seit geraumer Zeit im Programm hatten. Gesagt, getan: 1970 gab er als „Müder Beamter“ sein sprachliches Debüt.

Von seinem Bruder Alois übernahm er 1978 das Vortragen, 1980 das Dichten der Bühlerzeller Schnitzelbank. Diese wird zu Funks Lieblingsprogrammpunkt, bei dem er sich nicht scheut, sich auch selber hochzunehmen. „Bei mir, do hat mei Rammel g’jungt, des dürft’s von Natur aus gar net geben. Aber so geht’s halt alls na im Leben. Am besten ist, man lacht darüber und geht wieder zur Tagesordnung über“, zitiert er aus dem Jahre 1981. „In den vergangenen 37 Jahren habe ich um die 777 Schnitzelbankverse gedichtet.“

1979 überraschte der Tenor und Dichter im Kreise weiterer gestandener Männer mit einer Tanzeinlage im neu gegründeten Männerballett, das Maria Hefele einstudierte. „Fünf Jahre hab ich mitgetanzt. Als Maria aufhörte, bin ich dankbar auf die Trainerseite gewechselt. Ich dachte mir, Meister, bleib bei deinen Leisten. Ich bin mehr Musiker als Sportler und habe jetzt meine Kollegen alleine schwitzen lassen.“

In den 80ern folgten gesungene und gesprochene Soloauftritte, in den 90ern der erste Auftritt als Saxophonist bei den neu gegründeten Zellermer Guggafatzer. Diese waren auch eine Idee von Funk. „Für mich ist Fasching Guggamusik – laute, tanzbare und mitreißende Rhythmen.“

Peu à peu rückt Erwin Funk dann hinter den Bühnen-Vorhang. „Wenn man die Jungen nicht machen lässt, machen sie irgendwann gar nichts“, verrät der Erfahrene. Und Fasching könne nur weiter existieren, wenn närrischer Nachwuchs mitwachse.

Jedes Jahre eine Überraschung

„Stimmt, aber Erwin ist an Fasching ungebremst on fire“, mischt sich sein Sohn Bernd Funk ein. „Von Oktober bis Aschermittwoch kann ich ihn total abschreiben“, gibt Erwins Frau Emilie ihrem Sohn recht. Was durchaus stimmt, denn Funks Metier bleibt das zeitintensive Dichten im Hintergrund, das Entwerfen und Malen der großen Bühnenbilder, vor allem aber sein unerschöpflicher Ideenreichtum.

„Jedes Jahr gibt es einen Überraschungsprogrammpunkt“, verrät Funk. Als Didi Hallervordens Playback-Parodien in aller Munde waren, habe auch er eine solche Nummer gestrickt. Als Bauchredner in Deutschland wieder ins Rampenlicht rückten, schrieb er eine Bauchrednernummer. Seit 1999 werden in Bühlerzell alle vier Jahre Prominenten die Füße gewaschen, während man ihnen die Leviten liest. „Schließlich soll man sich beim Fasching nicht in Stimmung trinken, sondern in Stimmung singen, schunkeln, tanzen und lachen.“

Wobei das Trinken nicht tabu sei. Sein Lieblingstanz war der Marschwalzer. Der ging so: Auf Marschmusik marschierten die Frauen in einem engen Innenkreis und die Männer in entgegengesetzter Richtung in einem größeren Außenkreis. Wechselte die Band auf einen Walzer, tanzte man mit seinem momentanen Gegenüber. Wenn der Sänger zum Abschluss sang, „jetzt gehen wir alle, alle, alle an die Bar“, trugen die Männer die Frauen dorthin. „Da wusste ich, warum Bürgermeister Mühleck den Ball erst ab 18 freigab, denn ich habe damals mit meinen 15 Jahren die Kohlwald-Wirtin in die Bar geschleppt und hab hinterher acht Tage lang Kreuzweh gehabt.“ Hat er so auch seine Frau kennengelernt? „Nein“, sagt Funk. Aber seine Emmi hätte er durch ganz Bühlerzell getragen. Denn er könne nur deshalb so viel für den Bühlerzeller Fasching machen, weil sie ihm den Rücken freihält.

Erwin Funk ist am 31. Oktober 1951 als Jüngster von sieben Kindern in Bühlerzell geboren.  Mit 15 machte er eine Lehre als Vermessungstechniker und arbeitete bis 2016 im Haller Flurbereinigungsamt. Er lernte Saxophon spielen, trat in die Musikkapelle ein und war 15 Jahre lang deren Vorsitzender. 2010 war er Gründungsvorstand des Heimat- und Kulturvereins Bühlerzell und Geifertshofen. Seit 2012 ist er zusammen mit Klaus Schiele Vorsitzender des Fördervereins Fasching Bühlerzell. 1974 heiratet Erwin Funk Emilie Stütz. Das Paar hat zwei Kinder und vier Enkel. mia

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