Für Fastnacht ist man nie zu alt

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Ehrenelfer Fritz Ludwig wird 83 Jahre alt. Er feiert mit seiner Frau Luise bei der Prunksitzung. In Gala versteht sich: weißes Hemd, dunkle Hose, Weste, Jacke, Fliege, Orden, Narrenkappe.  Foto: 

Fast 20 Jahre lang sahen Fritz und Luise Ludwig aus Bühlertann nicht viel von den Prunksitzungen. Obwohl sie in der Halle waren. „Fritz trägt natürlich Uniform“, weiß seine Frau Luise (82). Schließlich sitze er beim Elferrat auf der Bühne. Wenn er Glück hat, sieht er das Programm von hinten, wenn er Pech hat, sitzt er hinter der Bühnendekoration. Sie selbst habe sich in jungen Jahren oft ein neues Kleid für diesen Anlass gekauft. „Über das schöne Kleid habe ich mir in der Halle dann eine weiße Trägerschürze gebunden.“ Ihr Platz war in der Küche.

Schuld war ihr Mann Fritz Ludwig. Er hat heute vor 83 Jahren, an einem Fastnachtssonntag, das Licht der Welt erblickt. Mit 20 Jahren kam der Zottishofer Zuchtwart auf die Tannenburg – und verliebte sich vom Fleck weg in die Bühlertanner Fastnacht. Anfang der 50er begannen dort die Umzüge nach dem Krieg.

Saublase am Stock

Von Johann Schneider wisse er, dass es in Bühlertann schon vor dem Ersten Weltkrieg Umzüge gegeben habe: Die Musikkapelle lief vorneweg, dahinter Gespanne mit Pferden, Ochsen und Kühen. Eine besondere Figur war der Bajazzo, der mit einer Saublase, die an einem Stock befestigt war, auf die Zuschauer einschlug. „Bajazzos führen heute noch den Umzug in Bühlertann an.“ Auch zwischen den Kriegen habe es in Bühlertann Fastnachtsumzüge gegeben. „Da waren alle Umzugs­teilnehmer maskiert“, weiß seine Frau Luise. Ludwig nickt zustimmend, rückt seine Brille zurecht und zitiert aus dem Amtsblatt vom 3. Februar 1970: „Als besondere Attraktion werden am diesjährigen Umzug eine Bühlertanner Faschingsgarde in neuen Kostümen, der Elferrat und das Ballett des Ellwanger Karnevalsvereins teilnehmen.“ Das sei der erste Sonntagsumzug in Bühlertann gewesen. Und auf den Sonntag gehöre in seinen Augen auch ein Umzug hin. „Zuerst in die Kirche zur Messe der Narren, dann aufs Rathaus zur Amtsenthebung des Schultes, von dort auf die Gass’ zum Umzug und zum Schluss in die Wirtschaft.“ Welcher der vier Orte ist ihm der liebste? „Die Wirtschaft“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Ich tanze für mein Leben gern mit meiner Luise Walzer.“

In den 50er- und 60er-Jahren habe es in Bühlertann viele Tanzveranstaltungen an Fastnacht gegeben. „Eine im Stern, eine im Bären, eine im Hausmann und eine im Baumannsaal.“ Vier Veranstaltungen verteilt auf vier Vereine: „Die erste hat der Liederkranz organisiert, die zweite der Sportverein, die dritte der Musikverein und die vierte die Feuerwehr am Rosenmontag“. Das gäbe es leider nicht mehr.

Nur die Hallenfastnacht, aus der sich 1973 die erste Prunksitzung entwickelt habe, bestehe bis heute. „Prunksitzung ist aber nicht vergleichbar mit Wirtschaftsfastnacht. Zur Prunksitzung geht man nicht verkleidet, sondern in Gala. Und da wird auch nicht getanzt. Das ist eine Show wie im Fernsehen“, klärt Luise Ludwig auf.

Zu viel für einen Kopf

Eine Show, von der das Ehepaar ab 1977 nicht mehr viel sah. Weil in diesem Jahr das Fastnachtskomitee die Bewirtschaftung an die ortsansässigen Vereine übergab und FKB-Gründungsmitglied Fritz Ludwig auserkor, den Ablauf hinter dem Tresen zu managen. Da der Job zu viel für einen Kopf war, griff der gewiefte Ehemann auf die tatkräftige Hilfe seiner Frau zurück.

„Sie macht übrigens den besten Kartoffelsalat in ganz Bühlertann. Und davon gibt’s am Wochenende bei den Prunksitzungen gleich drei Zentner“, lobt der Ehemann stolz. Luise Ludwig freut sich über das Lob, will sich den Lorbeerkranz aber nicht alleine umhängen, denn sie habe viele Helferinnen, die tatkräftig mit anpacken. „Marianne Götz, Maria Holl, Lisa Pfitzer, Margit Idler...“, fängt sie an aufzuzählen. Sie wird aber von der nächsten Anekdote ihres Mannes unterbrochen.

Fritteusenfett für die Eier

„Als Richard Beißer zum ersten Mal Kapellmeister war, kam er morgens um halb vier mit einem Bärenhunger in die Küche. Da haben wir die übrigen Eier vom Panieren mit dem Fett aus der Pommesfritteuse in die Pfanne gehauen und Spiegeleier gemacht“, verrät Ludwig. Jetzt sind die Ludwigs in Fahrt. Ein Küchenschwank reiht sich an den nächsten und schnell stellt sich die Frage, ob dort gar ein Parallelprogramm zur Prunksitzung lief?

„Bei Gott, nein. Aber war das manchmal toll! Darum hat’s uns auch nichts ausgemacht, zu schaffen“, sagt Luise Ludwig. Den Kartoffelsalat mache sie mit ihren Frauen immer noch – allerdings vor der Prunksitzung. Sie genieße es jetzt, ausschließlich in der Halle zu sitzen, das Programm anzuschauen und sich das Schnitzel mit Kartoffelsalat servieren zu lassen. Auch daran ist ihr Mann schuld. 2009 verabschiedete er sich aus den Reihen des aktiven Elferrates in die Rentnerrunde der Ehrenmitglieder. Ein dreifaches Narri Narro auf alles, was Fritz Ludwig geleistet hat.

Fritz Ludwig kommt am 11. Februar 1934 in Zottishofen zur Welt. Er hilft im Landwirtschaftsbetrieb der Eltern mit und geht auf die Landwirtschaftsschule in Hall. 1954 kommt er als Landwirtschaftsgehilfe auf die Tannenburg. Zwei Jahre später bildet er sich zum Zuchtwart weiter und arbeitet fortan 40 Jahre im Landesverband für Leistungsprüfung in der Tierzucht. In seiner neuen Heimat Bühlertann engagiert er sich drei Amtsperioden lang im Gemeinderat, ist 20 Jahre 1. Vorsitzender im Sportverein und Gründungsmitglied des Alpvereins und Fastnachtskomitees. Fritz Ludwig ist seit 1958 mit Luise verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder, drei Enkelkinder und drei Urenkel. mia

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