Früh in Rente, aber seelisch krank

Immer mehr Menschen gehen vorzeitig in den Ruhestand, weil sie mit den Belastungen an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr klar kommen. Die Steigerung im Landkreis Hall ist allerdings verhältnismäßig gering.

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48 Prozent der Frauen, die vorzeitig in Ruhestand gehen, sind psychisch erkrankt. Bei Männern liegt der Anteil bei 32 Prozent. Foto: SWP

"Zu diesem Thema wollen wir uns nicht äußern", schreibt die Öffentlichkeitreferentin eines Haller Unternehmens als Antwort auf Fragen nach Vorruheständlern, die ausscheiden, weil sie seelisch angeknackst sind. Schon allein diese Antwort zeigt: Das Thema ist heikel. So heikel, dass sich einige Betriebe nicht äußern wollen - nicht einmal zu den Maßnahmen, die sie unternehmen, um ihre Mitarbeiter lange bei der Stange zu halten.

In Deutschland sind 2011 73200 Menschen vorzeitig in den Ruhestand gegangen, weil sie psychisch erkrankt waren. Rund 41 Prozent der Arbeitnehmer, die eine Erwerbsminderungsrente beantragten, machten Depressionen, Angstzustände oder andere psychische Erkrankungen geltend, meldet das Handelsblatt. Die Wirtschaftszeitung beruft sich auf eine Statistik, die die Deutsche Rentenversicherung veröffentlicht hat.

41 Prozent - an diesen Wert reicht der Landkreis nicht heran. Die Techniker Krankenkasse gibt den Anteil der psychisch bedingten Frühverrentungen für 2011 mit 33,9 Prozent an. 2010 seien es 32,6 Prozent gewesen, 2007 26,2. In absoluten Zahlen für den Landkreis Schwäbisch Hall ausgedrückt: 2007 ließen sich 96 Menschen frühzeitig verrenten, 2010 waren es 124 und 2011 120. Zahlen für 2012 liegen noch nicht vor.

"Psychische Erkrankungen sind seit circa 10 bis 15 Jahren in Deutschland die häufigste Ursache für Frühverrentung", schreibt Dr. Helmut Harr, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diakonie-Klinikum Schwäbisch Hall auf Anfrage der Redaktion. Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, seien häufiger von psychischen Belastungen betroffen, so der Arzt und Theologe. "Die allgemeine gesellschaftlich-wirtschaftliche Entwicklung hin zu mehr Mobilität, Betonung der Autonomie des Einzelnen und vor allem die Ökonomisierung und Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche bewirkt im Hinblick auf den einzelnen Menschen eine - bewusste und unbewusste - seelische Belastung", weiß Helmut Harr.

Fristen werden enger gesetzt, viele Menschen sind stets erreichbar, der Verantwortungsspielraum geht über den Entscheidungsspielraum hinaus. Viele haben das Gefühl, die Kontrolle über Arbeit und Zeit zu verlieren. Das erzeugt Stress. Erste Symptome können sich in Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit und Niedergeschlagenheit äußern.

Im Haller Diak sei die Quote der Frühverrentung aus psychischen Gründen gering, sagt Barbara Ucik-Seybold. Die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit am Diak stützt sich auf den jährlichen Gesundheitsbericht einer großen Krankenkasse, der repräsentativ sei. Am Haller Klinikum gebe man sich Mühe, die persönliche, körperliche, geistige und gesundheitliche Stabilität der Mitarbeiter zu fördern. Mit Prozessen der Veränderung werde "gesund" umgegangen.

Die Berufsgruppe der Bankfachleute gehöre zu den am wenigsten gefährdeten Branchen, teilt uns Sebastian Flaith von der Haller Bausparkasse mit. Ein Anhaltspunkt für diese These sei, dass im Kreditgewerbe mit die wenigsten Fehltage aller Branchen zu verzeichnen sind. Frühverrentung gebe es zwar auch bei der Bausparkasse, doch dies seien Einzelfälle. Die Schwäbisch Hall-Gruppe hält ein Vielzahl von Seminaren vor, damit Mitarbeiter lernen, Stress zu vermeiden oder damit umzugehen. Unter anderem bietet Schwäbisch Hall ein anderthalbtägiges Seminar zum Thema "Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz". Führungskräfte können sich weiterbilden zum Thema: Gesundheit braucht Führung.

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