Frost killt Baumblüten

Noch steht nicht fest, wie hoch der Schaden durch den strengen Bodenfrost in der Nacht zum Donnerstag ist. Betroffen sind vor allem die Obstbauern.

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  • Diese Kohlrabipflanzen  auf einem Acker bei Untermünkheim-Schönenberg sind durch das Vlies geschützt. Hartmut Engelhardt legt mit der Hand die Blätter zur Seite, damit die Knolle zu sehen ist.  1/4
    Diese Kohlrabipflanzen  auf einem Acker bei Untermünkheim-Schönenberg sind durch das Vlies geschützt. Hartmut Engelhardt legt mit der Hand die Blätter zur Seite, damit die Knolle zu sehen ist. Foto: 
  • Eine Birnenblüte. Der Kern ist hell – dieser Baum hat nichts vom Frost abbekommen. 2/4
    Eine Birnenblüte. Der Kern ist hell – dieser Baum hat nichts vom Frost abbekommen. Foto: 
  • Die Triebe des Walnussbaums hängen schwarz herunter. Sie sind erfroren. 3/4
    Die Triebe des Walnussbaums hängen schwarz herunter. Sie sind erfroren. Foto: 
  • Gestern, am frühen Morgen: Diese Tulpe in einem Haller Garten lässt den Blütenkopf hängen. Auf den Blütenblättern haben sich Eiskristalle gebildet. 4/4
    Gestern, am frühen Morgen: Diese Tulpe in einem Haller Garten lässt den Blütenkopf hängen. Auf den Blütenblättern haben sich Eiskristalle gebildet. Foto: 
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Strahlend blauer Himmel am Donnerstag in der Frühe.  Der unschuldig-schöne Anblick täuscht über die Folgen der sternklaren Nacht: Der Frost hat vielfach Obstkulturen in der Region geschädigt. Wie hoch der Schaden ist, wird voraussichtlich erst in zehn bis vierzehn Tagen feststehen.

Martin Blumenstock ist Obstbauer in Wallhausen-Roßbürg. Die ganze Nacht war er auf seiner rund drei Hektar großen Kirschplantage unterwegs. Zwischen 23 Uhr abends und 8 Uhr Donnerstagmorgens fuhr er mit dem Frostbuster die Baumreihen hoch und runter. Ein „Frostbuster“ besteht aus einer Gasturbine, die die  Luft erhitzt, ausbläst und so die Umgebungsluft „verwirbelt“. „Auf diese Weise bleibt der Safttransport in den Bäumen bestehen“, berichtet Blumenstock. „Bei Frost stellen die Bäume den Safttransport ein – dadurch sterben die Blüten ab.“ Wie hoch die Schäden sind, lasse sich noch nicht wirklich abschätzen. Das zeige sich erst in einigen Tagen oder gar Wochen. Bei Kirschen  und schwarzen Johannisbeeren  seien sie vermutlich hoch.

„Das war eine teure Nacht“

Wilfried Dippon, Nebenerwerbs-Obstbauer in Wallhausen-Schainbach, meint: „Ich vermute, dass es eine teure Nacht war.“ Bei ihm am Haus hat er in Bodennähe minus 5,5 Grad Celsius gemessen, in drei Metern Höhe 4,5 Grad. „Definitiv beurteilen kann man den Schaden jetzt noch nicht“, sagt er. Er vermutet, dass seine Haselnüsse ungeschoren davongekommen sind. „Die blühen im Januar, der Fruchtaustrieb kommt erst noch. Was in der Knospe durch den Frost passiert ist, weiß ich nicht.“ Dagegen geht er von Schäden an Kirschen, Birnen und Äpfeln aus, bei aktuell blühenden Sorten von bis zu 80 Prozent. Bei spätblühenden Sorten, die bislang nur Knospen ausgebildet haben, schätzt er den Schaden auf 20 Prozent. Die Triebe der Walnüsse seien allesamt erfroren. Die sensiblen Bäume treiben zwar wieder aus, es gebe dann aber keine Nüsse.

Waltraud Fischer baut seit Jahrzehnten in Schwäbisch Hall-Wolpertsdorf Erdbeeren an. Sie hat ihre Felder mit Vlies abgedeckt, und geht deshalb davon aus, dass der Schaden gering ist. „Reelle Prognosen können wir erst in zehn Tagen abgeben.“ Zur Frostbeständigkeit von Erdbeerblüten gebe es unterschiedliche Aussagen: Manche besagten, die Blüte erfriere bei minus zwei Grad, andere gehen von minus fünf Grad aus.

Hartmut Engelhardt, Gemüsebauer aus Untermünkheim-Schönenberg, war Donnerstagfrüh auf den Feldern, um zu schauen, was der Frost angerichtet hat: „Wir dürften ohne gravierenden Schaden davon gekommen sein.“ In den vergangenen Tagen haben er und seine Mitarbeiter alles, was an Vlies auf dem Hof war, herausgesucht und ausgebracht. Teilweise wurde doppelt gelegt – Netz und Vlies – um die Pflanzen zu schützen.

Auf einem Feld schlägt er das Vlies zurück. Der Boden dort ist deutlich wärmer als der unbedeckte Boden 40 Zentimeter daneben. „Das Vlies sorgt dafür, dass die Wärme auch in der Nacht nicht gänzlich schwindet.“

Kälteempfindliche Pflanzen wie Zuckermais, Zucchini oder Kürbis hat der Biobauer noch nicht gepflanzt, diese stehen noch geschützt in der Scheune. Für Engelhardt erstaunlich: „Der Boden ist Freitagnacht zum Teil bis zu fünf Zentimeter tief gefroren. Das ist schon heftig.“ Vermutlich treffe das bereits gesteckte Kartoffeln. „Wenn da Triebe am Durchstoßen waren, sind die Triebspitzen erfroren. Die schieben aber wieder neu aus“, so Engelhardt.

Die starke Abkühlung des Bodens  jetzt durch den Frost sowie durch den Schneeregen am Tag zuvor werfe die Entwicklung der Pflanzen gravierend zurück.  „Das durchsickernde Schmelzwasser kühlt den Boden aus. Uns tun kalte Füße nicht gut, den Pflanzen auch nicht“, meint der Landwirt. Vier bis acht Tage werde sich die Ernte dadurch verzögern. Wobei sich insgesamt die Kulturzeit im Gemüsebau um 30 Tage verlängert habe. Verantwortlich dafür sei der Klimawandel, berichtet Engelhardt. Im Frühjahr könne zehn Tage früher gepflanzt, im Herbst 20 Tage länger geerntet werden. „Im vergangenen Jahr haben wir am 10. Dezember den letzten Salat geschnitten. Das wäre vor 15 Jahren undenkbar gewesen. Früher wurde Ende Oktober der letzte Salat vom Freiland geholt.“

Amt ermittelt den Schaden

Wie hoch der Schaden in der Landwirtschaft ist, wird erst noch ermittelt, sagt Werner Balbach, Leiter des Landwirtschaftsamtes. Seine Leute waren am Donnerstag auf den Betrieben, um die Kulturen und die Schäden in Augenschein zu nehmen. Auch das Landwirtschaftsministerium und das Regierungspräsidium Stuttgart hätten Angaben über die voraussichtliche Schadenshöhe angefordert. Das erste vorläufige Ergebnis werde am Freitag vorliegen.

Michael Reber, Landwirt aus Gailenkirchen, sagt auf Nachfrage, dass es bei ihm auf dem Hof wohl glimpflich ausging: „Der Schaden dürfte sich aufs Streuobst beschränken.“ Er vermutet, dass Bauern,  die Zuckerrüben und Kartoffeln anbauen, stärker betroffen sind. Totalausfall werde es keinen geben, Zuckerrüben könne man neu nachsäen, Kartoffeln treiben neu aus.

„Es war klar und windstill“, sagt Martin Melber, Wettertechniker aus West­­heim. Die Kälte konnte sich so ungehindert auf den Boden absenken, die Wärme in der Luft entschwand nach oben. Meteorologen bezeichnen solche Nächte als „Strahlungsnächte“  – die warme Luft strahlt ins All, weil die wärmenden Wolken fehlen.  Am Boden hat Martin Melber gestern kurz nach Sonnenaufgang minus 8,8 Grad Celsius gemessen. In zwei Metern Höhe immerhin noch 5,3 Grad.  „Das sind die Messdaten innerorts. Außerhalb, auf freiem Feld oder in Senken, war es mit Sicherheit noch zwei, drei Grad kälter.“

Nach einer weiteren Frostnacht in der Nacht zum heutigen Freitag werde es milder, sagt Melber. Heute sollen Tageshöchsttemperaturen von zwölf bis 14 Grad erreicht werden. Am Wochenende werde es kühler, so um die zehn Grad. Mit Nachtfrösten müsse nicht mehr gerechnet werden. Allerdings mit Niederschlag, mit leichtem Regen. Ab einer Höhe von 600, 700 Metern gehe dieser in Schnee über. sel

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