Freiheit in Teilzeit

Ein 45-Jähriger wird wegen Drogengeschäften zu knapp dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Jetzt darf er einen Teil der Strafe im Freigängerheim in Hall verbüßen.

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Ein Vollzugsbediensteter geht im Flur eines Zellentrakts der Haller Justizvollzugsanstalt an verschlossenen Tür vorbei.  Foto: 

Die Haare sind kurz, die Schultern breit. Auf den muskelbepackten Armen ranken sich dunkle Linien an tätowierten Totenköpfen vorbei. Im Kontrast zum ersten Eindruck, den der Libanese macht, steht das Foto von Mutter Teresa überm Bett, daneben ein gezeichnetes Bild seiner Tochter. Abgebildet sind er, seine Frau und die fünf Kinder. „Für den besten Papa der Welt“, steht darüber.

Der 45-Jährige, nennen wir ihn Tarek, möchte nicht erkannt werden. Der Mann sitzt seit eineinhalb Jahren in Haft. Er genießt aber Privilegien: Seine Zimmertür ist nicht verschlossen, dahinter wartet keine hohe Mauer. Tarek geht zur Arbeit in einen Betrieb außerhalb der JVA. Gelegentlich bummelt er durch Hall. Er verbüßt seine Strafe im Freigängerheim.

Zwei Kilo Amphetamine

Vor wenigen Wochen sah sein Leben ganz anders aus. Knapp zwei Kilo Amphetamine brachten ihn 2016 zunächst in Untersuchungshaft. „Das war schrecklich. 23 Stunden am Tag eingesperrt.“ Er machte sich Sorgen, weil er der Hauptverdiener war, die Ehefrau krankheitsbedingt nicht arbeiten kann.  „Es war immer so, als ob man mir das halbe Herz herausreißt, als die wöchentliche Besuchszeit von 30 Minuten zu Ende war.“

Nachdem er verurteilt wurde, kam Tarek in reguläre Haft. Er durfte zwar mehrere Stunden am Tag aus der Zelle, aber die Enge, die Einsamkeit plagten ihn. Sie hätten tiefe Wunden hinterlassen. „Das steckt man nicht weg.“ In der Mehrbettzelle habe er Gesellschaft gehabt, aber keine Ruhe. In der Einzelzelle wurde er von Langeweile gequält, habe die Einsamkeit jede Sekunde gespürt, „besonders an Wochenenden, wenn die Türen zublieben“. Unter der Woche durfte er zum Arbeiten in den Knastbetrieb.

Enorm belastend sei es, getrennt von seiner Familie zu sein. „Sie durften mich dann wöchentlich eine Stunde besuchen, aber immer maximal drei Personen.“ Bei einer siebenköpfigen Familie gehe das nur im Wechsel. „Wenn mal ein Kind krank war, sah ich es lange Zeit nicht.“ Dem 45-Jährigen blieben noch kurze, wöchentliche Telefonate. Die geschlossene Haft sei die schlimmste Erfahrung in seinem Leben gewesen, „ein Albtraum“.

Doch Tarek, der seit 32 Jahren in Deutschland lebt und vor einiger Zeit vom Islam zum Christentum konvertierte, hat Glück. Er fällt bei Psychologen, Sozialarbeitern, Vollzugsbeamten und Anstaltsleiter positiv auf. Er darf ins Freigängerheim. Als er die Nachricht bekommt, schreibt er gerade seiner Tochter zum Geburtstag. „Das war am 13. März. Ich wollte, dass die Karte noch rechtzeitig am 18. März bei ihr ist. Dann kam die Beamtin und hat gesagt: ,Pack deine Sachen.‘ Ich kann das Glück, was ich da spürte, nicht in Worte fassen.“ Nichts wie raus, also.

„Dass ein Häftling direkt zu uns darf, passiert nur sehr selten“, sagt Eberhard Zeh, Leiter des Freigängerheims an der Unterlimpurger Straße. „Normalerweise kommt vorher der offene Vollzug.“ Auf der Kleincomburg in Hall gab es eine solche Außenstelle, die aber geschlossen wurde. Nun sind Häftlinge auf der Kapfenburg im offenen Vollzug untergebracht. Tarek aber überzeugt mit seinem Verhalten, gewinnt Vertrauen und darf sich in einem Zimmer im Obergeschoss des Freigängerheims einrichten, das er sich mit einem weiteren Häftling teilt.

„95 Euro kostet das Doppelzimmer pro Häftling Miete“, sagt Zeh. Den Lohn, den die Firmen zahlen, verwaltet die JVA. Die Beamten ziehen alle Kosten ab. „Das Geld für offene Rechnungen und Strafen wird weitergereicht. Die Häftlinge erhalten wöchentlich ein Taschengeld von 80 bis 100 Euro. Der Rest wird gespart.“

Dreimal die Woche Freizeit in Hall

Mit dem Taschengeld versorgt sich der Libanese komplett. „Das ist wenig. Schlimm ist, dass ich meine Familie von hier aus nicht unterstützen kann.“ Der Verdienst reiche bei Weitem nicht, die 22.000 Euro Strafe zu begleichen, die mit seiner Verurteilung einhergingen. Noch zwei Jahre muss er absitzen. „Aber immerhin habe ich nun ein Handy und kann mit meiner Familie in Kontakt bleiben.“ Auch treffe er sich mit Frau und Kindern in der Stadt. Dreimal die Woche hat er eine Stunde Freizeit draußen, in der er aber auch die Einkäufe erledigen muss. Zeh hat ein waches Auge darauf, dass die Zeiten eingehalten werden.

Es seien „die gleichen Menschen wie oben“, sagt der Leiter, der die Häftlinge in der Hauptanstalt meint. „Die hier sind nicht besser, sie können sich nur besser anpassen und Regeln befolgen.“ Das ganze System des Freigängerheims basiere auf Vertrauen – „mit Kontrolle hinterlegt“. Wer die Zeiten überzieht oder nach einem Wochenende bei der Familie nicht zurückkehrt, müsse mit „drastischen Konsequenzen“ rechnen. Dann gehe es zurück in den geschlossenen Vollzug. Das passiere aber nur sehr selten.

Die wichtigste Regel für Tarek lautet nun, die Teilzeit-Freiheit nicht auszureizen, sich auch nach acht Stunden Arbeit pünktlich wieder im Freigängerheim zurückzumelden – die nächsten zwei Jahre lang. „Ich weiß, was ich hier habe und was die Alternative ist.“

Im Freigängerheim Unterlimpurgerstraße sind rund 25 Haftplätze in 15 Hafträumen verfügbar. Die zur Vorbereitung einer Entlassung aus der Haft untergebrachten Gefangenen gehen in der Regel einer Beschäftigung in einem Industrie- oder Handwerksunternehmen in der Region nach. Die Freigänger verpflegen sich selbst, zahlen eine geringe Miete.

Als Vorstufe des Freigängers gilt der offene Vollzug. Die landwirtschaftliche Außenstelle der Schwäbisch Haller JVA liegt auf der Kapfenburg bei Lauchheim. Dort sind circa 45 Haftplätze vorhanden.

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