Filmdreh zu „Die Freibadclique“ in Hall – Rathaus wird digital zerstört

Hall dient als Kulisse für einen Dreh: Oliver Storz’ Roman „Die Freibadclique“ wird verfilmt. Zwei Tage reichen dem Team für die Szenen in der Altstadt. <i>Mit Bildergalerie</i>

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Die fünf Jungs der Freibadclique beobachten Wehrmachtssoldaten auf dem Haller Marktplatz.  Foto: 

SS-Soldaten donnern mit einem Motorrad-Gespann auf dem buckeligen Kopfsteinpflaster den Marktplatz herunter. Dort stehen Wehrmachtstruppen vor dem Rathaus schussbereit am Maschinengewehr. An zwei Fahnenmasten hängen Hakenkreuzflaggen.

Direkt daneben steigen zwei amerikanische GIs in einen olivgrünen Armee-Jeep. Sie lächeln, während sie an den bewaffneten gegnerischen Truppen vorbeifahren. Einer der beiden zwinkert jungen Damen hinter der Balustrade zu. Der Krieg hat in diesem Moment Pause – bis zum nächsten Take.

Schwäbisch Hall ist an diesem Donnerstagabend Kulisse für den Film „Die Freibadclique“. Fünf Heranwachsende wollen nicht so recht in die damalige Denke passen, sich nicht der Hitlerjugend anschließen. Vielmehr träumen die 16-Jährigen von Swingmusik, Sex und der Freiheit – und Lore, der Luftwaffenhelferin vom Fliegerhorst, die im roten Badeanzug die Jungs verzaubert. Doch das unbeschwerte Erwachen der Männlichkeit verschiebt sich bald vom Beckenrand des Freibads ans Schlachtfeld des Zweiten Weltkriegs. Als sich die Freunde ein Jahr später, 1945, in Hall wieder sehen, sind sie nur noch zu dritt.

Oliver Storz hat den teils autobiografischen Roman 2008 publiziert. Der Filmer, Schreiber und Erzähler, der 2011 starb, nannte die Stadt in seinem Buch allerdings „Salzlach“. Dabei liegen die Schauplätze – das Freibad, der Fliegerhorst und der Marktplatz – unverkennbar in der Kocherstadt.

Das wissen auch die Filmemacher um Regisseur Friedemann Fromm, der wie Storz Grimme-Preisträger ist. Zwei Tage drehen sie in Hall für SWR und ARD. „Das Drehbuch versucht nah an der Geschichte zu bleiben, aber natürlich müssen wir im Film dramatisieren“, verrät der Regisseur. Das „offene Buch“ lasse Spielraum. Storz habe „ganz tolle Figuren“ in seinem Roman geschaffen. Gespielt werden diese unter anderem von Jonathan Berlin, Andreas Warmbrunn, Theo Trebs, Joscha Eißen und Laurenz Lerch.

Produktionsleiter Rolf Wappenschmitt ergänzt, dass gerade der Marktplatz, die Altstadtsilhouette und die typischen Haller Gassen wichtig für den Film seien. Die Freibadszenen dagegen wurden bereits in Bad Wimpfen gedreht. „Nur dort haben wir einen authentischen Zehn-Meter-Turm.“ Daher habe sich das Team gegen den Dreh am originalen Freibadgebäude, das noch heute am Schenkensee steht, entschieden. Kriegsszenen werden später in Tschechien nachgestellt.

Das liegt auch daran, dass der tschechische Staatsfonds der Kinematographie 20 Prozent der Kosten übernimmt. „Die Produktion wird insgesamt etwa vier Millionen Euro kosten“, meint Wappenschmitt.

Neben Schauspielern, Statisten, Technikern und Requisiten muss damit auch die digitale Bearbeitung des Filmmaterials finanziert werden. Hall wird im Sommer 1944 und nach Kriegsende 1945 zu sehen sein. „Viel wurde hier ja im Krieg nicht zerstört“, weiß der Produktionsleiter. „Aber das Rathaus wurde getroffen.“ So werde der barocke Bau im Film digital beschädigt. „Da wird eine Ecke fehlen.“

Es wird nicht nur am PC getrickst. Die Kulisse wird auch in der Realität auf 40er-Jahre getrimmt: Das Bier-Kunstwerk neben dem Rathaus verschwindet hinter einer Holzverkleidung, rund zehn Tonnen Steine werden vor Häusern verteilt, um Trümmer darzustellen. Schilder und ganze Wege werden hinter Vorhängen versteckt. Außerdem rückt die Haller Feuerwehr am Donnerstagabend an, um den Marktplatz und die Große Treppe nass zu spritzen. Zudem werden in den Gassen Regenszenen gedreht.

Ein gewaltiger Aufwand, der an vielen Stellen in Hall zu sehen ist: etwa durch das Materiallager auf den Kocherwiesen in Steinbach, durch das Catering-Zelt auf dem Haalplatz und die vielen Film-Trucks, Vans und Hebebühnen, die in der Innenstadt stehen. Spürbar ist der Aufwand insbesondere für Anwohner der Oberen und Unteren Herrngasse, wo an beiden Drehtagen bis in die frühen Morgenstunden produziert wird.

„Rund 125 Personen sind im Einsatz“, meint der Produktionsleiter. Sie alle sollen die Stadt mehr als 60 Jahre zurückkatapultieren – zumindest im Film. Ob es klappt, wird bei der Ausstrahlung im Frühjahr 2017 zu sehen sein.

 

Oliver Storz und die Verfilmung seines Romans

Der Autor Oliver Storz wurde in Mannheim geboren, wo sein Vater Gerhard Storz (späterer Leiter des Haller Gymnasiums bei St. Michael und Landeskultusminister) Regisseur am Nationaltheater war. Oliver Storz kam als Siebenjähriger nach Hall. „Wir haben den Mädchen nachgestellt und standen mit beiden Beinen im Schwarzmarkt“, sagte Storz einst über sein Dasein als „Lausbub“ in einer Stadt der „biederen Bürgerlichkeit“. Dennoch liebte er Hall, wie er betonte. Storz wurde, wie seine Romanfiguren auch, 1944 zum Volkssturm eingezogen, überlebte den Zweiten Weltkrieg aber unversehrt. Nach dem Abitur 1949 studierte Storz Romanistik und Literatur. Später arbeitete er als Kulturjournalist und ging 1960 zum Vorläufer der „Bavaria“ nach München. Er schrieb Drehbücher, führte Regie, und wurde mehrfach ausgezeichnet. 2011 starb  Storz im Alter von 82 Jahren in Deining im Isartal.

Der Film Die Handlung basiert auf den 2008 erschienen Storz-Roman „Die Freibadclique“. Es handelt sich um eine Produktion von Zieglerfilm Baden-Baden in Ko-Produktion mit Zieglerfilm München, SWR, ARD Degeto, MDR, SR und NDR, gefördert durch die MFG Filmförderung Baden-Württemberg und den FFF Bayern. Friedemann Fromm ist Drehbuchautor und Regisseur. Die Ausstrahlung ist für das Frühjahr 2017 geplant. thumi

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