Fetziger Fusion-Funk in der Heimat: Nils Gessinger spielt in Haller Hospitalkirche

Der Hamburger Nils Gessinger kehrt gerne zu seinen Wurzeln zurück, geografisch also nach Hall. Mit seiner Band zog der Keyboarder in der fast ausverkauften Hospitalkirche eine fulminante Show ab.

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Nils Gessinger findet immer wieder einen Grund, musikalische Feste zu feiern. 40. Geburtstag, 20-jähriges Bandjubiläum oder – wie jetzt – 40 Jahre auf der Bühne. Am 10. März 1964 wurde Nils in eine rege Haller Musikerfamilie hineingeboren. Opa Julius Gessinger (1899-1986) war Komponist, Vater Sigvard, ein Architekt, spielte nebenbei Dixieland-Posaune und Onkel Hartmut streicht klassisch den Kontrabass und bläst sporadisch bei den Salt City Stompers vehement Trompete. Kein Wunder, dass Nils Gessinger schon als Grundschulkind seine Klavierkünste demonstrieren durfte.

Als Teenager fühlte sich der Pianist vom Funk mit kantigen Rock-Rhythmen und schmachtenden Soul-Hymnen angezogen. Dieses Fusion-Faible ist ihm nach wie vor zu Eigen. Nils Gessinger konzentriert sich auf Keyboards, nämlich auf das Fender-Rhodes-Piano und auf eine abgespeckte Hammond-Orgel. Der Steinway-Flügel der Hospitalkirche wird nicht gebraucht.

Die Bläser seines Nonetts hat Nils Gessinger im Griff. Durch gewieftes Arrangieren und sattes Spiel entsteht mitunter ein regelrechter Big-Band-Sound. Nicolas Boysen (Trompete, Flügelhorn), Hans-Heiner Bettinger (Posaune), Björn Berger (Sopran- und Altsaxofon, Klarinette), Joe Ridder (Tenorsaxofon) sowie Natascha Protze (Baritonsaxofon, Flöte) legen in dem vom Haller Jazzclub und dem Kulturbüro veranstalteten Konzert homophon scharfkantige Einsätze mit stechenden Staccati hin. Die betagte Gessinger-Komposition „Ducks ‚n' Cookies“ ist ein Paradestück hierfür.

Flotte Tempi geben kontemplativer Stimmung keine Chance

Auch die Rhythmusgruppe groovt grandios: Rüdiger Nass an der oft quengelnden Elektro-Gitarre, Arnd Geise mit geslapter Bassgitarre und Heinz Lichius am Drumset. Eine fetzende Musik mit hohem Unterhaltungsgrad allemal, akribisch konzipiert – aber in ihrer Lautstärke für die kammermusikalische Hospitalkirche doch zu knallig.

Zumeist dominieren flotte Tempi, keine Chance für kontemplative Stimmung. Selbst bei südamerikanisch inspirierten Stücken („Pem Pem“, „Catinaccio“) kommt bald volle Power auf. Die meisten Improvisationen liefert der Bandleader, aber auch Posaunist Bettinger und die beiden Saxofonisten treten wiederholt solistisch hervor.

Als Vokalistin war nicht Inga Rumpf dabei, mit der Gessinger derzeit andernorts auftritt, sondern Alana Alexander. Die New Yorker Pfarrerstochter lebt bei Ludwigsburg und hat Gospel samt Soul im Blut. Stimmgewaltig brilliert Alana Alexander mit kräftiger Tiefe und klarer Höhe in großer Inbrunst. Auch Scat-Einlagen kann sie interaktiv mit dem Tenoristen Joe Ridder einbringen. Bei all dem Traditionellen wartet Alana Alexander kurios mit einem hypermodernen Hilfsmittel auf: Ihre Songtexte spickelt sie nicht von einem irgendwo versteckten Zettel ab, sondern von einem roten Apple-Laptop. Vielleicht lässt sie sich in Zukunft ihre Lyrics auf einer Google-Brille einblenden.

Als deutscher Manager der Afroamerikanerin fungiert der Crailsheimer Gitarrist Ulrich Hoffmann, ein alter Kumpel von Nils Gessinger. Noch drei weitere Kollegen von früher finden sich als Hohenloher Spezial-Gäste konzertant ein: Gitarrist Horst Jäkel, Bassist Sigi Jörg und Schlagzeuger Volker Hannemann. Gemeinsam lässt man spielfreudig wieder „Ain’t that a Bitch“ (Johnny Guitar Watson) und „It doesn’t matter“ (Spyro Gyra) aufleben. Als Zugabe „Downside Day“, ein von Nils Gessinger komponierter Blues.

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