Fachsimpeln zwischen Wollebergen

Veronika Hug zählt zu den erfolgreichsten Autorinnen von Handarbeitsbüchern. Im Mainhardter Textilhaus Pasler-Rau hat sie einen Einblick in ihr Können gegeben.

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Handarbeitsbuchautorin Veronika Hug (Zweite von links) gibt im Mainhardter Textilhaus Pasler-Rau Häkel-Tipps. Sie inspiriert damit die Besucherinnen im Laden von Manuela Wegener (Fünfte von links).  Foto: 

Eine weitere Frau kommt in den vollen Laden hinein, nähert sich zögernd der eifrig plaudernden zehnköpfigen Gruppe. „Hallo, ich bin Veronika“, begrüßt sie die dunkelhaarige Autorin, Designerin und Redakteurin Veronika Hug im Textilhaus Pasler-Rau. Hug hält eine Häkelnadel in der Hand. Diese ist bunt wie die Wolle, die sie verarbeitet.

Professionell erklärt Hug gerade die Häkelschritte vom „Wasserfallponcho“. Stäbchen, Kettmaschen und nicht viel mehr braucht es für das filigrane Fadenwerk. Dieses wie auch viele andere Accessoires und Kleidungsstücke hat sie selbst entworfen und mitgebracht. „Der ist genial“, ist man sich einig.

„Ich genieß‘ es, dass ich mit euch einfach so schwätze ko“, freut sich die 52-Jährige aus Appenweier über das gegenseitige Verständnis in Sachen Dialekt – und das versammelte Fachwissen. Denn die meisten Besucherinnen kennen sich aus, gehören teils dem offenen Handarbeitsclub Mainhardt an.

Geschäftsinhaberin Manuela Wegener lernte Hug in einem sozialen Netzwerk kennen. Sie führt ihre Bücher wie Garne im Sortiment. „Ich habe sie einfach mal gefragt, ob sie vorbeikommen möchte“, erzählt die Geschäftsfrau und guckt der Gruppe interessiert über die Schultern. Hug ist nicht der erste „Promi“ im Textilhaus – auch die Mützenhäkler vom „MyBoshi“ waren da und mit der Häkel-WM seien sie sogar im Fernsehen gewesen, berichtet Manuela Wegener.

„Über 400 Maschen sind keine Seltenheit“, berichtet Hug über ihre zarten Tücher. Sie habe mittlerweile auch extralange Nadeln, wirft Wegener ein. Die Damen wechseln immer wieder vom „Du“ zum „Sie“.

„Den Bobbel hatte ich schon lange im Auge“, dreht die Mainhardterin Andrea Gampper begeistert ein rundes Wollknäuel hin und her. Dieser heißt laut Banderole „Bobbel“ und hat einen Farbverlauf von Orange nach
Beige. „Und das sind meine Farben“, zeigt sich eine andere Frau begeistert von einem Dreieckstuch in Beerenfarben, genannt „Sonntagsflair“. Begehrlich strecken einige die Hände danach aus, wollen fühlen und sehen – aus Anleitungen in Zeitschriften, Büchern oder dem Videoportal Youtube sind die Stücke bereits bekannt. Denn im Internet tummeln sich viele Strick- und Häkelbegeisterte. Sie treten Netzwerken wie „ravelry“ bei, bloggen über ihre Projekte, zeigen und sehen sich Videoanleitungen an – so wie Hug.

„Ich empfehle immer eine Maschenprobe“, betont die Expertin. Nur das gebe eine Garantie, dass man später zufrieden sei. „Sonst trägt man die Sachen nicht oder sie landen unfertig im Eck“, spricht sie aus Erfahrung. Ufos (unfertige Objekte) werden sie im Handarbeitsjargon genannt. „Ich strick’ lieber Socken, da muss ich nicht denken“, wirft eine Frau abwehrend ein. Hug kontert, dass Denken vor Alzheimer schütze und streicht über eine Stola. Gutgelaunt ergänzt eine Kundin: „Außerdem sehen Socken am Hals komisch aus.“ Das nachfolgende Gelächter ist ein Symptom für diesen gut gelaunten Nachmittag unter Frauen am vergangenen Dienstag.

Das Textilhaus Pasler-Rau wurde im Dezember 1919 von Friedrich Rau und seine Frau Marie in der Hauptstraße 3 in Mainhardt gegründet. In den Anfangsjahren fuhr er als einer der ersten Autobesitzer und Händler übers Land, während sie den Laden führte und Aufträge nähte. Der Zweite Weltkrieg und frühe Todesfälle in der Familie führten zu schwierigen Zeiten. Doch ab den 1960er-Jahren florierte das Geschäft. 1971 wurde der Neubau in der Hauptstraße 7 errichtet. Die 59-jährige Manuela Wegener führt das Geschäft in der dritten Generation. Angeboten werden Wolle, Kurzwaren und Mode im Ladenlokal sowie im Internet. 2019 wird das Textilhaus 100 Jahre alt.

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