Erlacher Höhe: Karl-Michael Mayer leitet künftig Soziale Heimstätte Erlach

Menschen am Rande der Gesellschaft waren ihm schon immer wichtig. Folgerichtig hat er Sozialpädagogik studiert. Sein Engagement begann aber früher.

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Karl-Michael Mayer, bisher Leiter der Erlacher Höhe Hohenlohe-Franken, wechselte zum 1. Juli in die Soziale Heimstätte Erlach im Rems-Murr-Kreis.   Foto: 

Schon als Kind erlebte Karl-Michael Mayer, was es heißt, arm zu sein. Nicht etwa am eigenen Leib – Er selbst wuchs behütet in einem Ulmer Pfarrhaus auf, denn sein Vater war Pfarrer in der Münsterstadt. Und sein Vater war hilfsbereit. „Bei uns an der Pfarrhaustür stand die Ulmer Armutsbevölkerung“, erinnert sich Karl-Michael Mayer. Die Bettler und Obdachlosen wurden nicht abgewiesen, sondern hereingeholt. Drinnen gab seine Mutter ihnen zu essen und legte ihnen ein paar Mark in die Hände.

Diese unbürokratische Hilfe, die der heute 50-Jährige als Kind bei seinen Eltern beobachtet hat, ist ihm ein Vorbild. Gerät zum Beispiel ein Mensch in Not und braucht einen Ort zum Schlafen, schaffen er und seine Mitarbeiter von der Notübernachtung Kelkertor eben einen zusätzlichen Platz – auch, wenn alle regulären Plätze belegt sind. Hat jemand nicht genug Geld für das Mittagessen in der Schuppachburg, bekommt er es auch mal gratis. „Vielleicht kann er dafür helfen, beim Abspülen zum Beispiel“, sagt Mayer. Diese Gegenleistung erwartet er schon, schließlich sollen die Leute nicht „gepampert“ werden. Wichtig ist ihm, Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen: Das kann bedeuten, beim Ausfüllen des Hartz-IV-Antrags zu helfen oder über Mieterrechte aufzuklären.

Er kennt fast alle armen Menschen in Hall persönlich

Seit 17 Jahren lebt der Diplom-Sozialpädagoge in Hall, davon wohnte er zwölf Jahre in der Innenstadt – aus der übrigens arme Menschen immer mehr verdrängt würden, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten könnten, wie er anprangert. Jedenfalls hat Mayer in der Stadt viele „wohltuende Verbindungen“ zu Kooperationspartnern und Unterstützern, Ehrenamtlichen und Mitarbeitern aufgebaut. Zudem kennt er fast alle „Betroffenen“, also arme Menschen, persönlich: sei es als Kunden im Sozialkaufhaus „Hab & Gut“ oder als Besucher des Tagestreffs Schuppachburg.

Viele dieser Kontakte entstanden in jenen Jahren, in denen er die Beratungsstelle Am Schuppach leitete. „Es ist fast ein Stück freundschaftliches Miteinander“, sagt Mayer über so manche Beziehung. Er hält auch Verbindungen mit ehemaligen Wohnungslosen, die es aus der Obdachlosigkeit heraus geschafft haben. Natürlich bedauert er, dass die Distanz zu ihnen mit dem Stellenwechsel größer wird. Andererseits freut er sich über seine neue Aufgabe, die er am 1. Juli angetreten hat: die Leitung der Sozialen Heimstätte Erlach.

Worin besteht der größte Unterschied zu seiner bisherigen Arbeit? Zur neuen Wirkungsstätte gehört ein Pflegeheim mit 30 stationären Plätzen, in dem auch Menschen ohne Pflegeversicherung aufgenommen werden. Die Menschen sind also für längere Zeit in der Einrichtung – einige bis zum Tod. Die Beziehungen, die Karl-Michael Mayer zu ihnen aufbauen kann, sind einerseits von Kontinuität geprägt; andererseits wird er viele Menschen beim Sterben begleiten. Im Gegensatz dazu liegt der letzte Todesfall in der Schuppachburg schon viele Jahre zurück.

Künftig ist Karl-Michael Mayer für 50 Mitarbeiter verantwortlich, bisher war es ein Drittel davon. Neu für ihn ist auch die Erfahrung, fest an einem Ort zu arbeiten, nämlich in Erlach im Rems-Murr-Kreis. Bisher war er als Vorstand der Erlacher Höhe Hohenlohe-Franken in der gesamten Region unterwegs: von Künzelsau bis Bad Mergentheim über Crailsheim nach Hall.

Vor 125 Jahren wurde die Erlacher Höhe als ursprüngliche Arbeiterkolonie gegründet, die Abteilung Hohenlohe-Franken feiert in diesem Jahr 30-jähriges Bestehen. Heute werde die Erlacher Höhe mehr denn je gebraucht, sagt Mayer. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe auseinander. „Es ist nicht zu verstehen, dass sich die Kleinrentnerin eine Brille vom Mund absparen muss, während Krankenkassen und Fiskus Überschüsse machen“, nennt Mayer ein Beispiel. Von seiner sachlichen Art zu sprechen sollte man sich nicht täuschen lassen. Schließlich gehört zu seinem Job auch der Balanceakt zwischen Mitleidensfähigkeit und gesunder, professioneller Distanz. Entscheidend sind ohnehin Taten, nicht Worte. Und getan hat Karl-Michael Mayer viel für Menschen am Rande der Gesellschaft. Das begann, als er Zivildienstleistender war und sich nebenbei freiwillig um Obdachlose auf dem Ulmer Münsterplatz kümmerte. Zu Weihnachten etwa brachte er ihnen Geschenke vorbei. Nach dem Vorbild seiner Eltern.
 

Zur Person

Karl-Michael Mayer (50) blickt auf 22 Jahre bei der Erlacher Höhe zurück, davon fast 18 Jahre als Vorstand für die Region Hohenlohe-Franken. Sein Nachfolger an dieser Stelle ist Oliver Klein. Seit 1. Juli leitet Mayer die Soziale Heimstätte Erlach. Der Diplom-Sozialpädagoge stieg nach dem Studium, das er in Reutlingen absolviert hat, in die Wohnungslosenhilfe in Freudenstadt im Nordschwarzwald ein. Mayer ist verheiratet, hat zwei Kinder im Alter von 7 und 3 Jahren und lebt in Hall. Er fährt gerne Fahrrad und singt, spielt Oboe und engagierte sich lange im Kirchengemeinderat. Seine handwerkliche Ader lebt er in seiner Holzwerkstatt aus.

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