Entlaufene Alice gerettet

Die erschreckte Alice reißt sich los und rennt davon. Dann beginnt bei Bühlertann eine nervenaufreibende Suche. Wie durch ein Wunder wird der Hund nach einer eiskalten Nacht gefunden.

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Die Bühlertannerin Claudia Koch und Bulldoggen-Mix Alice sind wieder glücklich vereint.  Foto: 

Es ist die Horrorvorstellung jedes Hundebesitzers: Der Hund erschrickt und rennt voller Panik um sein Leben. Fast jeder Tierliebhaber reagiert mit einem Reflex. Er rennt hinterher. „Das war ein Fehler“, sagt Claudia Koch aus Bühlertann rückblickend. „Ich habe Alice dadurch noch mehr erschreckt und sie ist weitergerannt.“ Ihre Hündin, ein Mix aus englischer und französischer Bulldoge, stammt aus einer ungarischen Zuchtstation. „Sie diente als Zuchtmaschine und lag nur in ihrer Box“, erzählt die Bühlertannerin. Dementsprechend hatte sie keine sozialen Kontakte, das Zusammenwirken zwischen Mensch und Tier kennt sie nicht. Als Alice davonrennt, lebt sie erst seit rund zwei Wochen im Bühlertal.

Die Leine aus der Hand gerissen

Claudia Koch geht wie so oft am Sonntagabend am Ortsausgang von Bühlertann spazieren. Alice läuft ruhig nebenher, sie ist an einer schwarzen Flexi-Leine angebunden – dies ist eine Leine, die sich automatisch aus- und aufrollt. In der Nähe der Apotheke wohnen Bekannte der Kochs. „Doch wir haben nicht damit gerechnet, dass sie draußen sitzen und ihr größerer Hund mit dabei ist“, berichtet Koch von dem entscheidenden Moment. „Ich habe Alice kürzer genommen, damit sie sich daran gewöhnt und mit ihr geredet, dass sie keine Angst haben muss.“ Doch es hilft nichts, der Hund erschrickt und reißt seinem Frauchen die Leine aus der Hand. Mit einem Satz saust Alice los, biegt um 90 Grad ab und rennt Richtung Bushaltestelle. „Alice, bleib stehen. Autos!“, ruft Claudia Koch hinterher. Hinter Alice schleudert die Leine auf den Boden, fliegt durch die Luft und hämmert auf den Asphalt.

Hund und Besitzer rennen an der Tankstelle vorbei Richtung Netto-Markt. Koch sieht Alice kurzzeitig nicht mehr, hört nur noch die Geräusche der Leine. Am Bushäusle reduziert der Hund seine Geschwindigkeit. Koch hofft, durch ihr Rufen den Hund zum Stoppen zu bringen. Doch Alice beschleunigt erneut. An einer Halle vorbei rennt sie über eine Wiese und zum Fußweg Richtung Halden und Tannenburg. Koch bemerkt, dass sie nur ihre Hausschuhe anhat und kommt außer Atem. Die schlanke Frau lächelt erstmals während ihrer Erzählung: „Ich dachte, ich brauche ein Sauerstoffzelt.“

Während es nun vollkommen dunkel ist, kommt in ihr Panik auf: „Hat sich Alice verkrochen? Schau, dass du heimkommst und Mann und Kinder verständigst. Ich hatte es im Gefühl, dass sie nicht weit sein kann.“

Angst, dass Alice erfriert

Die 44-Jährige ruft von zu Hause die Polizei an, der Diensthabende verbindet sie mit einer „Kollegin, die hat einen Schutzhund.“ Diese wird aus einer Vernehmung geholt. „Sie hat mir geduldig zugehört. Ich hatte Angst aufgrund der Kälte. Sie sagte, da braucht man sich nicht gleich Sorgen machen.“ Die Polizeibeamtin fragt: „Auf was reagiert sie? Vielleicht auf das Futterschüssel-Rattern.“ Koch kombiniert: „Irgendwann hat Alice Hunger. Sie kennt ja das lange Spazierengehen gar nicht. Sollte sie sich aber irgendwo mit ihrer Leine verheddern, mache ich mir ein Leben lang Vorwürfe.“

Um 23 Uhr stellen Familie und Freunde die Suche ein. Das Thermometer zeigt minus vier Grad. „Uns war nicht mehr klar, wo wir noch suchen könnten. Außerdem taten mir die Hände weh vom Futterschüsselschütteln“, berichtet Koch. Die Kraftfahrerin schläft in dieser Nacht nur eine Stunde. Immer wieder geht sie zur Haustüre und schaut, ob Alice davorliegt. Am Kellereingang legt sie eine Decke und einen Schal ab, der Alice an ihr Frauchen erinnern soll.

Die Familie postet auf Facebook, dass Alice fehlt. Auch das Radioprogramm SWR3 bringt eine kurze Meldung. Koch druckt noch in der Nacht Handzettel aus. Um 8 Uhr geht es wieder weiter mit der Suche. Sohn Steffen (24) will nicht in die Arbeit fahren. Sein Vorgesetzter droht ihm am Telefon: „Ist dir das so wichtig? Das wird Konsequenzen haben.“ Steffen Koch macht sich trotzdem mit auf die Suche. Über Facebook meldet sich eine junge Frau mit dem Name Melli aus Heidenheim. Koch lacht: „Den Nachnamen weiß ich bis heute nicht. Aber sie hat gemeint, sie kommt zum Suchen und stand dann auch da.“ Kochs und ihre Bekannten erstellen einen Plan, wer wo sucht. In den Bühlertanner Geschäften werden Info-Zettel aufgehängt. Außerdem werden die örtlichen Jäger informiert. Mit beginnender Helligkeit sind viele Leute unterwegs. Koch ist überrascht: „Ich fragte mich immer wieder: Ob die zu uns gehören? Viele hatten auch das Handy am Ohr.“

Vor Glück geweint

Sie geht an die Stelle zurück, an der sie in der vergangenen Nacht die Suche beendet hatte – allerdings ohne funktionsfähige Taschenlampe. Mehrmals spaziert die Familie durch den Bühlertanner Ortsteil Halden. Koch ärgert sich: „Ich hasste mich. Ich kann doch nicht in die Arbeit gehen und so tun, als ob nichts gewesen ist.“  Plötzlich kommt ihr eine Anwohnerin in einem Kombi entgegen und ruft: „Der Hund liegt da hinten.“ Koch ruft umgehend ihren Mann an und erinnert sich an das Wiedersehen am Rande der Häuser: „Alice lag da, sie zitterte nicht und schaute mich mit riesengroßen Augen an.“ Claudia Koch weint vor Glück, während die Anwohnerin sagt: „Komisch, vor 20 Minuten lag sie noch nicht da.“ Die Hundebesitzerin wickelt Alice in eine Jacke ein. Wahrscheinlich gab die Hunde-Sicherheitsweste etwas Wärme ab und rettete damit Alice das Leben.

Daheim trinkt und frisst Alice sofort etwas. „Danach ist sie an mir vorbeigegangen, hat sich auf das Kissen an der Heizung gelegt und sich ausgeschlafen“, berichtet Koch, die als Resumée zieht: „Alice ist etwas mutiger geworden. Und wir bringen ihr bei, dass sie bei uns sicher ist und uns vertrauen kann.“

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