Eine Landschaft wie in den Alpen

Der Nabu kämpft dafür, dass das Tal südlich von Braunsbach Naturschutzgebiet wird. Für viele Grundstücksbesitzer und Angler wäre das ein Alptraum.

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Wanderer erkunden das Grimmbachtal. Um vorwärts zu kommen, müssen sie Geröllmassen überwinden und durchs Wasser waten.  Foto: 

Wird das Grimmbachtal im Lauf der nächsten Jahre zum Naturschutzgebiet erklärt? Das Regierungspräsidium Stuttgart als zuständige höhere Naturschutzbehörde prüft, ob die urwüchsige, nach dem Hochwasser vom 29. Mai 2016 entstandene Landschaft tatsächlich im Sinne des Bundesschutzgesetzes schutzwürdig und schutzbedürftig ist.  Wann das Ergebnis der Prüfung vorliegt, sei noch nicht absehbar, teilt Matthias Kreuzinger, Pressesprecher des Regierungspräsidiums, mit. Würde das komplette Tal und nicht nur ein schmaler Streifen entlang des Baches Naturschutzgebiet, hätte dies weitreichende Folgen für die Waldbesitzer: Ihnen würde  teilweise das Nutzungsrecht für ihre Grundstücke im Grimmbachtal entzogen. Sie könnten gegen eine Entschädigung sogar enteignet werden. Die jüngsten Vorgespräche zu einem Flurneuordnungsverfahren wären  dann obsolet.

Seltene Primärbiotope

Nabu-Landesvorsitzender Johannes Enssle gibt sich optimistisch, dass zumindest ein Teil des Tals unter Schutz gestellt wird: „Ich habe mit Regierungspräsident Wolfgang Reimer darüber gesprochen und hatte den Eindruck, dass er der Sache offen gegenübersteht.“ Seine Ursprünglichkeit und das Urweltartige würden das Grimmbachtal so besonders machen, schwärmt Enssle. Die extremen Regenfälle vom 29. Mai 2016 hatten das kleine Gewässer in einen reißenden Strom verwandelt. Tonnen an Geröll und Erde wurden weggerissen und das einst schmale, dunkle Tal mit einem Schlag um ein Vielfaches breiter.

Das Landschaftsbild änderte sich komplett. „Durch die starke Erosion entstehen neue Primärbiotope mit hoher Dynamik, wie man sie sonst fast nirgends findet“, so Enssle. Schade findet er, dass Teile des Bachlaufs nahe der Landesstraße 1045 direkt nach dem Unwetter begradigt wurden.

Der Langenburger Buchautor und Umweltschützer Bernd Kunz hat nach der Sturzflut im Tal bereits mehrere seltene Libellenarten beobachtet, darunter der Südliche Blaupfeil, die Heidelibelle und die Blaugrüne Mosaikjungfer. Der kleine Bereich der Grimmbachmündung sei bereits seit 1982 Naturschutzgebiet, nun seien mit einem Schlag mehr als 1000 Quadratmeter schützenswertes Biotop hinzugekommen. Das komplette Tal als Naturschutzgebiet auszuweisen, wäre für ihn ein logischer Schritt. „Es ist neben dem Schmerachtal das einzige Tal in der Region, das nie reguliert wurde“, sagt Kunz. Historische Karten würden beweisen, dass am Grimmbach nie eine Siedlung stand, nicht einmal eine Mühle. Der Grund liege auf der Hand: Bereits in früheren Jahrhunderten scheine es ähnliche verheerende Hochwassereignisse gegeben zu haben wie im Mai 2016.

Lobbyarbeit bei Planern

Am 2. August trifft sich Bernd Kunz mit Landschaftsplanern des Flurneuordnungsamtes des Landkreises zu einem Rundgang. Unter anderem geht es dabei um die Wiederherstellung von zerstörten Wegen, etwa dem von Altenberg nach Elzhausen. Allerdings will er auch die Chance nutzen, bei der Kreisverwaltung für den Naturschutz zu werben.

Braunsbachs Bürgermeister Frank Harsch sieht die Naturschutzgebiet-Pläne indes mehr als skeptisch. „Der Nabu hat in dem Zusammenhang nichts zu melden“, betont er. „Inhaltlich und nicht ideologisch“ müsse über die Zukunft des Tals diskutiert werden. Harsch setzt ganz auf ein Flurneuordnungsverfahren, das die Eigentumsverhältnisse am Grimmbach neu regeln soll. Gespräche dazu fänden demnächst beim Regierungspräsidium in Stuttgart statt. Die zuständige Revierförsterin Ulrike Nowak möchte sich zur Naturschutzgebiet-Frage nicht positionieren, findet es aber schwierig, das Areal komplett sich selbst zu überlassen. Noch immer werden Baumstämme von Privatwaldeigentümern aus dem Tal geholt und ihr zum Verkauf bei der Forstbetriebsgemeinschaft überlassen. Dass dabei mit „schwerem Gerät“ vorgegangen und das Landschaftsbild verändert werde, weist Nowak zurück. Vielmehr kämen bodenschonende Tragschlepper mit breiten Reifen zum Einsatz.

Für Rolf Zieffle, Vorsitzender des Fischereivereins Eckartshausen, wäre die Ausweisung des Grimmbachtals zum Naturschutzgebiet eine Hiobsbotschaft. Angeln und Forellenzucht wären dann nicht mehr möglich. „Wir haben über viele Jahre sehr viel Zeit und Arbeit in die Pflege des Grimmbachs gesteckt“, sagt Zieffle. Nicht zuletzt im Frühjahr 2015, als 50.000 Liter Gülle in das Gewässer liefen. Die Angler bargen damals mehrere hundert tote Forellen.

18 Naturschutzgebiete gibt es im Landkreis Schwäbisch Hall. Das älteste, 1937 ausgerufen, ist der Reußenberg wenige Kilometer östlich von Ilshofen. Das jüngste Naturschutzgebiet im Landkreis ist der Jagsttalabschnitt samt Seitentälern zwischen Crailsheim und Kirchberg. Für die Ausweisung ist das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig.

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