Eine immerwährende Aufgabe

Im Ringen um das richtige Verständnis: Dekanin Anne-Kathrin Kruse hält einen Vortrag zur Bibelauslegung.

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Anne-Kathrin Kruse bei ihrem Vortrag.  Foto: 

Verstehst du, was du liest?“ Mit dieser Frage war das Thema des Abends – Martin Luther und die Bibelauslegung – überschrieben.

Auf Einladung der Evangelischen Familienbildung Schwäbisch Hall besuchten am Montagabend zwischen 40 und 50 Zuhörer im Haller Brenzhaus einen Vortrag zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. Den etwa
45-minütigen und phasenweise komplexen Ausführungen der Theologin Anne-Kathrin Kruse, die Dekanin im evangelischen Kirchenbezirk Schwäbisch Hall ist, folgten die Besucher äußerst aufmerksam.

Veränderung nicht unbedeutend

In der Apostelgeschichte  fragt Philippus den Kämmerer: „Verstehst du, was du liest?“ In der Revision der Lutherbibel von 1984 sei aus einem im „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ vorkommenden „Wie liest du?“ ein „Was liest du?“ geworden, so die Referentin. Mit dem Wort „Leider!“ kommentierte Kruse diese scheinbar unbedeutende Veränderung.

Dass dies aber keineswegs unbedeutend sei, machte die evangelische Dekanin deutlich: „Denn es geht nicht nur um das ,Was’, sondern auch um das ,Wie’. Das ,Wie’ des Lesens und Verstehens ist das Grundthema der Hermeneutik.“

Vom griechischen Wort „hermeneuo“ komme dieser Begriff und bedeute „auslegen“, „erklären“, „deuten“, „Aufschluss geben“, „verdolmetschen“. Immer, so Dekanin Kruse, würden wir mit einer bestimmten Sichtweise an einen Text herangehen. Das sei nicht problematisch. Es sei nur wichtig, sich dessen bewusst zu sein.

Über die Hermeneutik

In Anlehnung an die Grundfrage des Abends – „Verstehst du, was du liest?“ – konstatierte Kruse: „…um Hilfe zum Verstehen zu bitten, eine Anleitung, um Texte in der Bibel zu verstehen, ist durchaus notwendig.“ Einfach nur lesen führe noch lange nicht zum Verstehen und sei nicht automatisch Wahrheit.

Daraufhin ging die Referentin auf die Geschichte der Hermeneutik ein. Genauer gesagt: auf deren Methoden. Origines (185 bis 254) habe in Analogie zu Platon in einen buchstäblichen, moralischen und geistlichen Schrift-
sinn unterschieden.

Ein vierfacher Schriftsinn sei hernach der „vorherrschende Ansatz“ in der christlichen Bibelauslegung geworden: eine wörtliche, eine dogmatisch-theologische, eine moralische und eine endzeitlich-eschatologische Auslegung.

Interessant sei, dass sich im
rabbinischen Judentum parallel ebenfalls ein vierfacher Schrift-
sinn entwickelt habe. „Welches hermeneutische Vorverständnis hatte Martin Luther in seiner Auslegung der Bibel?“, fragte Anne-Kathrin Kruse.

Als Bibelwissenschaftler habe er speziell an den Psalmen reformatorische Erkenntnisse gewonnen. Aber auch diese seien nicht voraussetzungslos gewesen. In philologischer Genauigkeit einerseits – dem humanistischen Wahlspruch „ad fontes!“ (zurück zu den Quellen) habe sich auch Luther angenommen – und andererseits in treffender Wiedergabe im Stile der damaligen Volkssprache habe er die Übersetzung der Bibel vorgenommen.

Botschaft zum Leuchten bringen

Luther habe Übersetzung auch als „Ersetzungsübung“ verstanden, um „die biblische Botschaft neu zum Leuchten zu bringen“. Ausführlich demonstrierte Kruse dies anhand der vier „Soli“ – sola scriptura, solus Christus, sola gratia, sola fide. Schließlich kam sie zum Verhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen Testament.

Sie unterschied vier Grundmodelle. Erstens: eine völlige Ablehnung des Alten Testaments. Zweitens: Das Alte Testament stehe im scharfen Gegensatz zum Neuen Testament. Drittens: Das Alte Testament bezeuge Jesus Christus. Hier, so Kruse, spreche derselbe Gott wie im Neuen Testament. Dies sei Luthers Position gewesen.

Und schließlich viertens: Mit dem Aufkommen der historisch-kritischen Exegese sei es problematisch geworden, das Alte Testament direkt als Zeugnis für Christus anzusehen. Kruses Position: Das Neue Testament führt nicht aus dem Alten Testament heraus, sondern vielmehr in dieses hinein.

Keine Schwäche

Was bleibt von diesem Vortrag? Beim Verstehen der Heiligen Schrift ebenso wie bei anderen Texten Hilfe zu benötigen, brauche nicht als Schwäche angesehen werden: „Gemeinsam lesen und nach dem richtigen Verständnis zu ringen“ – das helfe weiter, so Dekanin Kruse.

Die Reformation könne nicht nur als einmalig-historisches Ereignis angesehen, sondern als immerwährende Aufgabe begriffen werden.

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