Ein schwäbischer Tausendsassa

Er ist ein Kenner des Handwerks und seit Kurzem Träger des Bundesverdienstkreuzes: Frieder Stöckle aus Schorndorf. Mit dem Fotografen Roland Bauer aus Winterberg hat er viele Hohenloher Werkstätten erforscht.

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    Fotograf Roland Bauer (links) und Autor Frieder Stöckle setzen mit ihrem Buch "Opas Werkstatt" alten Handwerksmeistern ein Denkmal. Foto: 
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Kommunalpolitiker, Lehrer, Künstler, Historiker, Heimatforscher, Schreiner, Autor, Hochschuldozent: Frieder Stöckle hat viele Interessen und Fähigkeiten. Auf der offiziellen Urkunde, die der Schorndorfer kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz bekommen hat, steht freilich "Friedrich". Aber so habe ihn schon lange keiner mehr genannt, zuletzt vor 60 Jahren der Meister während der Tischlerlehre vielleicht, lässt er durchblicken. Längst ist der umtriebige 75-Jährige landauf landab als Frieder Stöckle bekannt.

Bekannt ist er auch im Hohenlohischen, wo Stöckle schon vor 30 Jahren mit dem in Winterberg bei Braunsbach lebenden Fotografen Roland Bauer alte Handwerksmeister in ihren traditionellen Werkstätten besuchte. Der gelernte Tischler, Bildhauer und Kunsthistoriker studierte Geschichte, Soziologie und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Als Stöckle die Arbeit an seinem 1980 erschienenen Buch über Gesellen auf der Walz abgeschlossen hatte, wühlte er bei Kuno Ulshöfer im Haller Stadtarchiv in allerlei Material und entwickelte ein Faible fürs Thema Alltag.

Das mag zunächst paradox klingen, doch Stöckle ist von den vielen Facetten des Alltags fasziniert. Davon erzählte er auch, als er im Hällisch-Fränkischen Museum in Hall mit Roland Bauer sein jüngstes, im Tübinger Silberburg-Verlag erschienenes Werk vorstellte: "Opas Werkstatt - Altes Handwerk im Südwesten", mit eindrucksvollen Porträts alter Handwerksmeister - unter anderem aus Ilshofen, Kocherstetten, Bubenorbis, Vellberg und Michelfeld.

"Handwerk war damals eine Sozialform des ganzen Hauses", erklärt Stöckle - Wohnung und Arbeitsstätte bildeten eine Einheit. Gearbeitet wurde auf Bestellung, "nicht auf Halde". Oft waren Handwerker auch Nebenerwerbslandwirte. Arbeitsteilung war nicht gefragt, ein Küfer meisterte 50 Arbeitsschritte, bis ein Fass fertig war. Die Wertschätzung des Handwerks und das Gefühl des Gebrauchtwerdens trugen auch zu einem gewissen Handwerkerstolz bei, erklärt Stöckle. Und die Werkstatt war für die Menschen Heimat: "Laufe kann i kaum fuffzich Meter, aber schaffe kann i no", zitiert der hagere Stöckle einen alten Meister.

Schon in den 80er-Jahren habe sich abgezeichnet, dass das alte Handwerk verschwinde, erklärt der Schorndorfer. Ausdauer, Fleiß, Beharrlichkeit, Sparsamkeit, Ordnungssinn, Qualitätsbewusstsein sind nur einige Merkmale, die Stöckle den Handwerkern vom alten Schlag zuschreibt. Dazu gehöre aber auch die hierarchische Ordnung und eine autoritäre Grundhaltung. "Der Meister ist dominant", räumt er ein, "ein hochkonservatives Gemisch."

Wie Stöckle in Schwäbisch Hall voll Inbrunst über das Thema Handwerkstraditionen erzählt, kann man sich gut vorstellen, dass er auch junge Menschen leicht mit seinem Enthusiasmus anstecken kann. Das sagt auch Kultusminister Andreas Stoch kürzlich bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Stöckle: "Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen lag ihm besonders am Herzen." Die Pädagogik ist der rote Faden im Leben Stöckles. Er war Jugendhausleiter und ist seit 43 Jahren Mitglied im Kinderspielplatzverein; im Friedrich-Bödecker-Kreis setzt er sich für die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen ein. Die Liste seiner Aktivitäten ließe sich noch lange fortsetzen - ein schwäbischer Tausendsassa halt.

"Opas Werkstatt" von Roland Bauer und Frieder Stöckle

Kultur Bilder und Texte erzählen aus der Vergangenheit. Frieder Stöckle hat Handwerksbetriebe besucht und mit Meistern gesprochen, die ganz in der Tradition ihrer Vorfahren arbeiten - darunter den Korbmacher Hermann Bayerlein aus Ilshofen, den Küfer Rudolf Schauer aus Vellberg und den Michelfelder Schuhmacher Karl Bühler. Roland Bauer hat Menschen und Werkstatt in Bildern festgehalten, meist in plastischen Schwarz-Weiß-Fotografien. Bei der Lektüre wird eine Kultur lebendig, die im 20. Jahrhundert noch viele Dörfer prägte. Viele Tätigkeiten sind inzwischen verschwunden. Auch die gezeigten Meister leben nicht mehr. Ältere mögen sich wohl noch an sie erinnern. Im Buch gibt es keinen Hinweis darauf, wann die Fotos entstanden. Aber die Autoren geben Auskunft: Anfang der 80er-Jahre.

Info Roland Bauer, Frieder Stöckle: "Opas Werkstatt - Altes Handwerk im Südwesten", Silberburg-Verlag Tübingen. 160 Seiten mit 133 Fotos. 24,90 Euro.

ISBN 978-3-8425-1326-6

SWP

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