Ein Ort für Geschöpfe der Nacht

Er liegt gut versteckt mitten in der Landschaft: Der ehemalige Bier-Lagerkeller des „Ochsen“ in Uttenhofen ist heute das Zuhause von seltenen Fledermaus-Arten.

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  • Umweltwart Thomas Herkle im „Untergrund“ von Uttenhofen: Der ehemalige Lagerkeller des „Ochsen“, der Mitte des 18. Jahrhunderts eine eigene Brauerei besaß, ist kühl, geräumig, trocken und aufgeräumt. 1/2
    Umweltwart Thomas Herkle im „Untergrund“ von Uttenhofen: Der ehemalige Lagerkeller des „Ochsen“, der Mitte des 18. Jahrhunderts eine eigene Brauerei besaß, ist kühl, geräumig, trocken und aufgeräumt. Foto: 
  • Der ehemalige Lagerkeller ist mit einem Eisengitter gesichert. 2/2
    Der ehemalige Lagerkeller ist mit einem Eisengitter gesichert. Foto: 
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Wenn Sie versprechen, die genaue Lage geheim zu halten, verzichte ich darauf, Ihnen auf dem Weg eine Augenbinde zu verpassen“, lacht Thomas Herkle. Der Umweltwart von Rosengarten möchte vermeiden, dass Scharen von Neugierigen zu dem wahrscheinlich bestversteckten Bauwerk der Gemeinde pilgern. Das nämlich täte weder der Flora der Umgebung gut, noch den derzeit sieben seltenen Fledermäusen, die während der kalten Jahreszeit im historischen Lagerkeller der früheren „Ochsen“-Brauerei überwintern. Herkle muss sich keine Sorgen machen: Das unterirdische Gewölbe ist zwischen stacheligem Gestrüpp irgendwo hinter Uttenhofen mitten in der Pampa bestens verborgen. Der Eingang guckt nur zur Hälfte aus dem Erdreich und wird von einem schweren Eisengitter geschützt.

Renate Dierolf weiß natürlich, wo sich der ehemalige Lagerkeller ihrer Familie befindet, der heute in Gemeindebesitz ist. „Als Teenager haben wir uns da nicht reingetraut“, erinnert sich die 68-jährige Wirtin der Uttenhofener Traditionswirtschaft. Bis vor den Eingang seien sie gekommen, weiter wagten sie und ihre Freunde sich nicht: „Es war einfach zu gespenstisch da drin.“ Dabei hatten die 1845 errichteten Räume bis 1895 eine sehr erfreuliche Funktion: Dort wurden die Fässer mit dem selbstgebrauten Gerstensaft frisch gehalten.

Als das Wirtshaus an der Ortsstraße im März 1849 niederbrannte, erwies sich der Keller als besonders nützlich. Damals gestattete die Ellwanger Kreisregierung dem Ochsenwirt Eisenmenger, sein Kellerhaus so lange zu bewohnen und „sein Wirthschaftsrecht daselbst“ auszuüben, bis er seinen Gasthof wieder aufgebaut hatte. Über dem unterirdischen Gewölbe stand damals eine Scheune, die mittlerweile auf den Berghof nach Westheim versetzt wurde und lange Jahre Teil des Weihnachtsmarkts an dieser Stelle war. Bereits 1928 habe ihre Mutter das Gelände mit dem unheimlichen Keller verkauft, berichtet Renate Dierolf. In den 80er-Jahren sei der steinerne Türbogen versperrt worden, da Landstreicher den Raum entdeckt hatten.

Der Weg zum geheimnisvollen Ziel führt über blühende Wiesen. Allen Suchenden sei versichert: Der vergitterte Eingang ist schwer zu erreichen und selbst dann nicht zu erkennen, wenn man schon fast davor steht. Thomas Herkle sagt nicht „Sesam öffne dich“, auch wenn es prima passen würde. Er benutzt ganz prosaisch seinen Schlüssel. Nach einer kleinen Rutschpartie landet man im Vorraum und muss unter ein paar dicken Querbalken durchkriechen, die zur Sicherung der Seitenwände dienen. Wenige Treppenstufen führen ins Gewölbe dahinter, das durch eine aus Natursteinen gemauerte Wand von Raum Nummer drei getrennt ist. Das stockfinstere Gemäuer weist eine komfortable Größe unter der hohen, gewölbten Decke auf. Der Zustand ist top: kühl, weitgehend sauber und — was angesichts des geographischen Niveaus erstaunt — vollständig trocken. Ein toller Partykeller, möchte man meinen. Doch die einzigen Lebewesen, die hier abhängen dürfen, sind streng geschützte Geschöpfe der Nacht.

Drei Arten registriert

Einmal im Jahr, immer zur Winterzeit, schließt Thomas Herkle das Eisentor für einen Mitarbeiter des Naturschutzbundes Langenburg auf, der die legitimen Bewohner durchzählt: ein kleines Häuflein Fledermäuse. Der Keller entwickle sich „sehr gut“, freut dich Bernd Kunz in seiner letzten Beurteilung. Bis 2015 katalogisierte er sechs der flugfähigen Säugetiere aus der gleichen Art; 2016 fand er sieben Exemplare und drei verschiedene Arten: drei Fransenfledermäuse, zwei Braune Langohren und zwei Wasserfledermäuse.

Thomas Herkle wacht gut über seine scheuen Schutzbefohlenen. Wer jetzt aller Warnungen zum Trotz nach dem geheimen Ort fahndet, sollte sich nicht von ihm erwischen lassen. Sonst ist mit „unheimlichen Erlebnissen“ zu rechnen.

Der nächste Serienteil führt zu einem römischen Brunnen im Keller einer Mainhardter Familie.

Mit der Sommerserie „Versteckte Orte“ geht sich die Redaktion auf Erkundungstour durch die Kreisgemeinden. Vergessene Häuser, technische Bauwerke, idyllische Plätze werden besucht. Falls Sie noch einen Geheimtipp haben: Senden Sie uns einen Hinweis an redaktion.sho@swp.de

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