Ein Kämpfer mit Worten

Mit der Uraufführung von „Brenz 1548“ gibt Christian Doll als neuer Intendant einen gelungenen Einstand auf der Treppe in Hall. Und Dirk Schäfer erweckt den Haller Reformator eindrucksvoll zum Leben.

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  • Unerschütterlich im Glauben, optimistischer Pragmatiker und doch bleibt am Ende nur die Flucht: Dirk Schäfer verkörpert den Reformator Brenz mit vielen Zwischentönen.  1/5
    Unerschütterlich im Glauben, optimistischer Pragmatiker und doch bleibt am Ende nur die Flucht: Dirk Schäfer verkörpert den Reformator Brenz mit vielen Zwischentönen. Foto: 
  • Oben: Sibylle Burgmeister (Kerstin Marie Mäkelburg), Margarethe Brenz (Anne Weinknecht), Katharina Isenmann (Laila Richter). Rechts: Luther (Anton Rattinger). Rechts unten: Johann Isenmann (Moritz Fleiter), Michael Graether (Natanaël Linehard), Johannes Brenz (Dirk Schäfer). Unten: Kanzler Granvella (Natanaël Lienhard), Kaiser Karl V. (Carl-Ludwig Weinknecht). 2/5
    Oben: Sibylle Burgmeister (Kerstin Marie Mäkelburg), Margarethe Brenz (Anne Weinknecht), Katharina Isenmann (Laila Richter). Rechts: Luther (Anton Rattinger). Rechts unten: Johann Isenmann (Moritz Fleiter), Michael Graether (Natanaël Linehard), Johannes Brenz (Dirk Schäfer). Unten: Kanzler Granvella (Natanaël Lienhard), Kaiser Karl V. (Carl-Ludwig Weinknecht). Foto: 
  • Freilichtspiele Schwäbisch Hall - Szenefotos zur Uraufführung "Brenz 1548" von Andreas Gäßler - in der Regie von Intendant Christian Doll - unter anderem mit Dirk Schäfer in der Rolle des Reformators Johannes Brenz 3/5
    Freilichtspiele Schwäbisch Hall - Szenefotos zur Uraufführung "Brenz 1548" von Andreas Gäßler - in der Regie von Intendant Christian Doll - unter anderem mit Dirk Schäfer in der Rolle des Reformators Johannes Brenz Foto: 
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    Freilichtspiele Schwäbisch Hall - Szenefotos zur Uraufführung "Brenz 1548" von Andreas Gäßler - in der Regie von Intendant Christian Doll - unter anderem mit Dirk Schäfer in der Rolle des Reformators Johannes Brenz Foto: 
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Ob es dem alten Brenz gefallen hätte? Ein Stück über sich auf der Großen Treppe vor St. Michael? In der Stadt, aus der er 1548 fliehen musste? Womöglich eine Verherrlichung seiner Person auf genau jenen Stufen, die er fast 500 Jahre zuvor selbst auf- und abgegangen ist? Vor der Kirche, in der er selbst die neue Lehre predigte? In der er 1526 das erste Abendmahl in evangelischer Form gefeiert hat? Und wo auch heute noch sein Abendmahlskelch in Ehren gehalten und genutzt wird? Nun ja, sehr unprotestantisch. Und doch: Die Mischung aus Dramatik und Unterhaltung hätte ihm gefallen, weil Intendant Christian Doll und sein Ensemble es schaffen, sein Anliegen in den Mittelpunkt zu stellen. Und wohl auch, weil Hauptdarsteller Dirk Schäfer diesen Geist förmlich aufgesogen zu haben scheint.

Mit Johannes Brenz in Schwäbisch Hall ist das ja so eine Sache. Der Reformator wird in der Stadt geschätzt – es gibt die Brenz-Kirchengemeinde, eine Straße ist nach ihm benannt ist, und das Brenz-Haus in der Mauerstraße versteht sich als Begegnungs- und Bildungshaus der evangelischen Kirche in der Stadt. Freilich, man ist stolz auf den Reformator, der bei der Einführung der neuen Kirchenlehre so behutsam vorging, dass er es sogar schaffte, die Michaelskirche vor einem hitzigen Bildersturm zu bewahren, wovon die Stadt nach wie vor profitiert.

Auf dem Acker des Jubiläums 500 Jahre Reformation gedeiht landauf landab der Luther-Hype. In Hall besinnt man sich derweil des eigenen Reformators und beauftragt Andreas Gäßler mit einem Stück über Johannes Brenz, der allerdings so gar kein schillernder Sprüche-Klopfer wie Luther war. Autor Gäßler und Dramaturg Georg Kistner schicken zwei Zeitreisende aus der Gegenwart des Jahres 2523 in die 1000 Jahre zurückliegende Zeit der Reformation. Assoziationen zu filmischen Zeitreisen von „Die Zeitmaschine“ über „Zurück in die Zukunft“ bis „Cloud Atlas“ und „Doctor Who“ liegen nahe. Doch setzen Doll und sein Team das Zeit-Vehikel geschickt und wohltuend dezent ein. Bühnenbildnerin Anne Brüssel hat neun Türen auf die Stufen platziert und damit auch ein poetisches Bild für den Blick ins 16. Jahrhundert geschaffen. Veronica Witlandts Kostüme sind von klassischer Zeitlosigkeit, die viel Modernes in der historischen Vergangenheit entdecken.

Die ursprünglich zu Luther gebuchte Zeitreise auf der Treppe „verrutscht“ ein wenig und landet bei Brenz: „Martin Luther war der wichtigste Mensch in meinem Leben.“ Ihre erste Begegnung 1518 an der Universität in Heidelberg ist für den jungen Brenz wegweisend. Dort lauscht er dem Professor aus Wittenberg, wenn dieser von der Lebendigkeit des Wortes und von der Freiheit des Glaubens spricht. Anton Rattinger ist ein wortgewaltiger Luther, der die originale Sprache des Theologen eindrucksvoll zum Klingen bringt. Auch die Brenz-Kommilitonen und späteren Haller Pfarrer Michael Graether (Natanaël Lienhard) und Johann Isenmann (Moritz Fleiter) sind beeindruckt.

Gemeinsam ziehen sie in Hall an einem Strang, wollen aus der Stadt ein „reformiertes Musterländle“ machen. In seiner Jakobi-Predigt 1523, in der Brenz den Heiligendienst als „Abgötterei“ und „Affenspiel“ tadelt, ruft er die Bürger zu neuem Selbstbewusstsein im Glauben auf – quasi: simplify your faith, würde man heute wohl sagen. Damit stößt er aber auch auf Widerstand. Die herrlich resolute Kerstin Marie Mäkelburg verkörpert die an Sibilla Egen angelehnte Sibylle Burgmeister und warnt vor dem Zorn des Kaisers Karl V. Überhaupt gibt es starke Frauenfiguren in Hall: Anne Weinknecht spielt die sanfte, aber emanzipierte Stättmeister-Witwe Margarethe Wetzel, die Bildung für alle fordert – auch für Mädchen – und später Johannes Brenz heiratet.

Gekonnt navigiert das Drama die Zuschauer durch die Aufstände der Bauern, die 1525 um Hall toben, und deren Niederschlagung Brenz zwar billigt, aber kritisch sieht. Denn die Forderungen der Bauern hält er für berechtigt: „Bedenke, dass dein Einkommen der Bauern saurer Schweiß ist.“ Auch wenn der angesehene Theologe in Hall eine Familie gründet, der „Mann des Wortes“ gerät angesichts der großen Politik zusehends unter Druck. Kaiser Karl V., den Carl-Ludwig Weinknecht als prächtig blasierten Herrscher darstellt, will seinen Kopf. Schließlich muss Brenz schweren Herzens aus Hall fliehen, seine kranke Frau und die Kinder zurücklassen.

Dirk Schäfer ist als Johannes Brenz schlicht glänzend – und zwar ohne vordergründig zu glänzen. Genau dies transportiert Schäfer nämlich: die wackere Tapferkeit und Unerschütterlichkeit im Glauben, die Leidenschaft für die lutherischen Überzeugungen, die er aber nicht laut herausschreit, sondern mit Worten und Argumenten vertritt. Schäfers Brenz ist eben nicht der wetternde Prediger, der die Fäuste ballt und droht.

Gewiss, er kann seinen Haller schon auch mal ordentlich die Meinung geigen. Und er gestattet sich keinen Zweifel, er hat Durchhaltevermögen und gibt auch nach dem gescheiterten Reichstag 1530 in Augsburg nicht auf: Enttäuschung schnell beiseiteschieben, kühlen Kopf bewahren, weitermachen – das ist das Brenz-Rezept, um die dicken theologischen Bretter zu bohren. Philipp Melanchthon schaut fassungslos auf den unerschütterlichen Optimisten: „Brenz, Ihr wollt einfach nicht verzweifelt sein.“ Schäfer zeigt den Haller Reformator als einen Mann, der seine Überzeugungen lebt, der beim Werben um Magarethe aber auch schüchtern-charmant ins Stammeln gerät.

Ohnehin ist das Ensemble, mit dem Christian Doll die Geschichte eindringlich und emotional erzählt, großartig: Rund ein Dutzend Schauspieler schlüpfen in 30 Rollen, die sie allesamt glaubhaft ausfüllen – von den Zeitreisenden Bob (Gerd Achilles) und Alice (Luca Lehnert)  über den unterm Pantoffel stehenden Stättmeister Burgmeister (Guido Kleineidam), der zarten Tochter Barbara Brenz (Laila Richter), dem arroganten Kardinal (Moritz Fleiter) bis zum brillant-perfiden Kanzler Granvella (Natanaël Lienhard).

„Brenz 1548“ überzeugt mit einer Ernsthaftigkeit, die zugleich über eine Leichtigkeit verfügt und sich zudem eine gesunde Prise Humor und Komik gönnt. Ganz unaufdringlich werden damit auch Brücken in die heutige Zeit geschlagen. Ebenso wie mit zeitlos-kritischen Erkenntnissen, etwa wenn Brenz zur Vernunft mahnt: „Die Suche nach dem wahren Glauben ist doch kein Krieg.“

Streckenweise ist das Drama aber auch mit vielen historischen Informationen und Daten versetzt, die einen zuweilen an das staubige Jahreszahlen- und Schlachten-Deklamieren aus dem einst trockenen Geschichtsunterricht erinnern. Da winkt der Achtung-aufgepasst-Zeigefinger mit dem pädagogischen Anspruch, über den das Stück gewiss ganz im Sinne der Auftraggeber verfügen soll, deutlich von der Treppe herab. Doch auch einzelne (noch) etwas zerdehnt wirkende Szenen und Bilder können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Christian Doll gemeinsam mit seinem Team eine sehenswerte Uraufführung gelungen ist. Das Premierenpublikum spendet nach zwei Stunden kräftig Applaus – und auch der alte Brenz hätte zufrieden in die Hände geklatscht.

Info Bis 23. Juli gibt es elf weitere Aufführungen von „Brenz 1548“. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr
www.freilichtspiele-hall.de

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Die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zeigen in ihrer 92. Spielzeit unter anderem Goethes „Wahlverwandtschaften“ und das Reformationsstück „Brenz 1548“. Es ist die erste Saison unter dem neuen Intendanten Christian Doll.

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