Braunsbach-Bericht: „Ein Gewitter hat kein Gedächtnis“

Joachim Hägele vom Führungsstab des Landkreises berichtet im Ausschuss für Verwaltung und Finanzen zur Naturkatastrophe Braunsbach vor rund einem Jahr.

|
Das Foto zeigt den völlig überfluteten Sportplatz in Braunsbach. Im Ausschuss für Verwaltung und Finanzen wurde nun auf das Unwetter im Landkreis Schwäbisch Hall vor rund einem Jahr zurückgeschaut.  Foto: 

Rückblick, 29. Mai, gegen 20 Uhr in Braunsbach: Auf der Leinwand erscheinen Bilder, die in Erinnerung bleiben. Dazu erklingt dramatisch-düstere Musik im Ausschuss für Verwaltung und Finanzen. Aus dem Zentrum des Sturmtiefs „Elvira“ über der Gemeinde Braunsbach fallen in kurzer Zeit unfassbare Regenmengen – 180 Liter pro Quadratmeter, das regnet es sonst in einem Monat. Kleine Bäche verwandeln sich in reißende Ströme – in der braunen Sturzflut werden Geröllbrocken, Holz, Autos mitgerissen. Häuser werden zerstört.

119 Gebäude sind in Braunsbach und 33 in Steinkirchen betroffen. Großes Glück im Unglück und Dank des Einsatzes der Helfer: Niemand wird schwerer verletzt oder gar getötet, macht Joachim Hägele vom Führungsstab des Landkreises deutlich. Er war vor Ort dabei, präsentiert und berichtet rund ein Jahr nach dem Großschadensfall Braunsbach auf Wunsch der SPD-Fraktion im Ausschuss.

Lebensbedrohliche Situationen

In der Nacht zum 30. Mai sind 22 Städte und Gemeinden im Kreis betroffen, gingen 892 Notrufe ein, waren 121 Einsatzkräfte mit 27 Fahrzeugen im Einsatz. Höchste Priorität in der Nacht nach dem Gewitter hat für die Einsatzkräfte die Rettung von Menschenleben. Abschnittsweise werden Gebäude und Fahrzeuge abgesucht und mindestens zehn Personen aus lebensbedrohlichen Situationen gerettet.

Insgesamt gibt es 14 Verletzte. Vier vermisste Personen werden wohlbehalten gefunden. 77 Personen werden für eine Nacht von Hilfskräften in der Arena Ilshofen versorgt, am Tag darauf kommen sie bei Verwandten und Freunden unter.

Bereits gegen 3 Uhr ist schweres Baugerät in der Gemeinde Braunsbach im Einsatz. Wenige Stunden später wird wieder mit dem Aufbau zerstörter Infrastruktur begonnen. Der Führungsstab wechselt nach zwei Tagen von Hall in einen Kindergarten nach Braunsbach, um schadensnah weiter zu steuern. Effektives Schadensmangement bringt unter anderem die Herstellung der Infrastruktur (Wasser, Abwasser, Strom, Telekommunikation) nach drei Tagen. Hänge werden gesichert, der Einsatz der Fachämter koordiniert.

„Der Übergang vom Führungsstab der Großschadenslage Braunsbach zu einem Stab für effektives Schadensmanagement gelang“, macht Hägele deutlich. Schutzmaßnahmen wurden mittlerweile umgesetzt. „Ein Gewitter hat kein Gedächtnis“, gibt Hägele eine Äußerung des Wetterexperten Jörg Kachelmann beim Wintergespräch wieder. Selbst so ein Jahrtausendunwetter könne sich wiederholen. Zudem würden solche Gewitterereignisse zunehmen.

Kreisräte fragen nach

Im Ausschuss gibt es von allen Seiten Lob für die Arbeit der Katastrophenschutzbehörde und der vielen Helfer sowie Fragen. „Welche Themen gibt es, um die Zusammenarbeit weiter zu verbessern?“, fragt SPD-Kreisrat Hermann-Josef Pelgrim und will wissen, warum nicht der Katastrophenfall ausgerufen wurde. „Wir brauchen eine neue Software für Krisenkommunikation“, antwortet Landrat Gerhard Bauer. Das kostet rund 100.000 Euro. Zudem wird für rund eine Million Euro digitaler Funk in der Leitstelle eingeführt. Eine Katastrophe sei es dann, wenn die Einsatzkräfte im Landkreis nicht ausgereicht hätten, wenn die eigene Leitung nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das zu meistern, macht Michael Knaus deutlich. Er lobt die schnelle Kommunikation und den Einsatz der Kommunen und plädiert dafür, auch künftig auf wechselseitige Abrechnungen zu verzichten.

Es gehe nicht ums Geld und man könne froh sein, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind, sagt Robert Fischer (Freie). Der Katastrophenschutz müsse über gute Strukturen verfügen, Investitionen in Software und Einsatzgerät seien wichtig, so der Kreisrat. „Nach einem Jahr hat das Land noch nicht entschieden, wie Fördergelder fließen, mit denen wir unsere Klingen sanieren können, um weiteren Schaden zu verhindern“, macht Kreisrat Roland Wurmthaler (Freie) kritisch deutlich. Das dauere, denn es gebe Prioritäten, keinen vorzeitigen Beginn, Qualitätsdiskussionen, so Knaus. Die bestehende Förderpraxis sei in Ordnung, Fördergelder seien noch nicht ausgeschöpft, so Kreisrat Hans-Joachim Feuchter (Grüne/ÖDP). Das habe er bei einem Vor-Ort-Termin in Braunsbach erfahren.

Joachim Hägele vom Führungsstab des Landkreises Schwäbisch Hall erläutert den Aufbau des Katastrophenschutzes. Landrat Gerhard Bauer leitet die Behörde am Landratsamt. Darunter gibt es den Verwaltungsstab mit politisch-administrativen Aufgaben mit dem Ersten Landesbeamten Michael Knaus und einen Führungsstab mit operativ-taktischen Aufgaben mit Kreisbrandmeister Werner Vogel und Joachim Hägele vom Landratsamt an der Spitze. Der Führungsstab hat 55 Mitglieder aus allen Rettungsdiensten. Regelmäßig wird der Ernstfall geprobt, um die Zusammenarbeit aller Rettungskräfte im Kreis gut zu koordinieren – beispielsweise beim landkreiseigenen Schapbachhof in Bayern. Bindeglied zwischen Verwaltungsstab und Führungsstab ist die Leitstelle. Es gibt zwei zentrale Führungsräume in der Feuerwache Ost in Hall und im Rathaus in Crailsheim. Es geht um schnelle Gewinnung von Infos, Lageüberblick, darum, immer „einen kleinen Schritt voraus zu sein“, so Hägele.

„Der Großschadensfall Braunsbach hat einen geschätzten Schaden von über 100 Millionen Euro verursacht“, macht Landrat Gerhard Bauer deutlich. Die öffentliche Infrastruktur wurde in Braunsbach und Steinkirchen im Überflutungsbereich zerstört. In den übrigen betroffenen Städten und Gemeinden des Kreises sind Schäden in Höhe von insgesamt 9,1 Millionen Euro bekannt. Diese sollen nach Zusage des Regierungspräsidiums durch Fördergelder und durch den Ausgleichsstock behoben werden. Das Land hat der Gemeinde Braunsbach neben einer Soforthilfe einen Zuschuss von 10,6 Millionen Euro bewilligt, wovon rund vier Millionen Euro ausbezahlt sind – im Wesentlichen für Aufräumarbeiten und für die Herstellung der provisorischen Infrastruktur für Trink- und Abwasserleitungen. Der Wiederaufbau der öffentlichen Infrastruktur in Braunsbach läuft, wofür das Land Förderzusagen von 3,2 Millionen Euro bewilligt hat. Der Eigenanteil der Gemeinde (20 bis 40 Prozent) soll aus dem Barzuschuss bezahlt werden. Es werden in den nächsten Jahren noch geschätzte zehn bis zwölf Millionen Euro Zuschuss neben Fördermitteln vom Land für die Herstellung der Infrastruktur notwendig sein. An geschädigte Bürger in Braunsbach wurde durch ein Spendengremium über eine Million Euro Spendengeld ausgeschüttet. An Bürger in den geschädigten Kommunen im Landkreis hat das Landratsamt insgesamt
100.500 Euro Spendenmittel  ausbezahlt. cus

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Unwetter im Landkreis

Nach orkanartigem Regen in der Nacht auf Montag ist es vor allem in Braunsbach und Cröffelbach zu großen Sachschäden gekommen. Auch andere Ortschaften im Landkreis Schwäbisch Hall und der Region hat es erwischt. Hier finden Sie alle Artikel und Bilder.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Neue Kläranlage für Michelbach/Bilz

Für 4,47 Millionen Euro erweitert Michelbach ihre Kläranlage und schließt die Steinbrücker über eine Druckleitung an. weiter lesen