Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer kritisieren rigide Wohnauflagen

Die Hauptthemen des Konvents Ehrenamtlicher in der Flüchtlingsarbeit in Eckartshausen waren die Wohnsitzauflage, das Projekt „Eingliederungslotsen“ und Abschiebungen nach Afghanistan.

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Aus Gaildorf kam das erste Beispiel, mit welchen Problemen Geflüchtete zu kämpfen haben. Ein junger anerkannter Flüchtling aus Afghanistan muss, weil er in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt, täglich um 5 Uhr aufstehen, um zu seiner Arbeit nach Hall zu kommen. Abends kann er erst gegen 20 Uhr zurückkehren. Eine Ehrenamtliche fragte die Flüchtlingsbeauftragte des Landkreises, Marina Köhler, warum es ihm nicht ermöglicht werde, wie schon für den September 2016 versprochen, in eine Haller Unterkunft umzuziehen. „Aus der Gemeinschaftsunterkunft auszuziehen, geht nicht so einfach“, erklärte diese, versprach aber, sich der Sache anzunehmen. Alfred Holbein riet der Frau, schriftliche Unterlagen an Köhler zu schicken. Und: „Bleiben Sie hartnäckig“, forderte er sie auf.

Verärgert sind die Ehrenamtlichen über die rigide Auslegung des Landratsamts zur Wohnsitz­auflage anerkannter Flüchtlinge. Sie teilt die Menschen bestimmten Gemeinden zu und  soll vermeiden, dass Integrationsangebote auf dem Land ungenutzt bleiben und sich in größeren Städten Ghettos bilden. Das führt dann etwa dazu, dass eine Familie, die bisher in einer Gemeinschaftsunterkunft in Obersontheim wohnte und gern im Ort bleiben würde, nach Crailsheim soll, und eine andere Familie, die bisher gern in Crailsheim lebt, nach Schrozberg gehen soll. „Und das, obwohl der Landrat gesagt hat, das werde flexibel gehandhabt“, stellte Holbein klar. Ausnahmen von der Wohnsitzauflage gibt es nur wenige,  beispielsweise, wenn jemand seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann oder eine Ausbildung macht.

Hartmut Siebert vom Verein „Grenzenlose Freundschaft“ bat, unbedingt mit zu berücksichtigen, wie die Menschen in ihre Umgebung integriert sind: „Das Traurigste, was wir erleben müssen, ist, wenn Menschen, die ein klein wenig heimisch geworden sind, von heute auf morgen woanders hin versetzt werden und dadurch ein weiteres Mal traumatisiert werden.“

Siebert stellte zudem das Projekt „Eingliederungslotsen“ vor, das Flüchtlingen bei schwierigen Gesprächen mit Ämtern oder Beratungsstellen einen Landsmann zur Seite stellt, der nicht nur als Dolmetscher fungiert, sondern dem Menschen auch eine Stütze ist, weil er denselben sozio-kulturellen Hintergrund hat. Gute Erfahrungen hätten sie mit diesem Angebot bisher im Jobcenter gemacht. „Bei kritischen Themen, zum Beispiel beim Arzt, wäre eine solche Begleitung auch wichtig“, so Siebert. Er bat, geeignete Personen zu nennen. Damit er ihnen eine Aufwandsentschädigung zahlen kann, sucht der Verein auch Sponsoren.

Einen offenen Brief an die Landtagsabgeordneten, mit der Bitte, sich für einen Abschiebungsstopp nach Afghanistan einzusetzen, hat Bernard Cantré vom Freundeskreis Asyl Kircherg vorgelesen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk bewerte Afghanistan als unsicheres Land. Diese Einschätzung müsse die Landesregierung mit berücksichtigen, meinte er.

Anerkannte Flüchtlinge können einen Aufenthaltstitel beantragen. Wenn sie in Hall oder Crailsheim untergebracht sind, ist die dortige Ausländerbehörde, wenn sie einer anderen Gemeinde wohnen, ist die Ausländerbehörde des Landratsamts zuständig. Nach der Antragstellung erhält der Flüchtling eine sogenannte Fiktionsbescheinigung als Nachweis, dass der Aufenthalt in Deutschland erlaubt ist. Bis er eine endgültige Wohnsitzauflage für eine Gemeinde erhält, bleibt er in der Gemeinschaftsunterkunft (vorläufige Unterbringung). Sobald die Ausländerbehörde entsprechend der Bevölkerungsquoten entschieden hat, für welche Gemeinde der Flüchtling eine Wohnsitzauflage erhält, kann er sich dort eine Wohnung suchen. Findet er, bevor er den elektronischen Aufenthaltstitel erhält, eine Wohnung, muss die Fiktionsbescheinigung abgeändert werden. Für Menschen, die keine Wohnung finden, stellt die Gemeinde Wohnraum zur Verfügung. Die Wohnsitzauflage gilt längstens drei Jahre. Nur in wenigen Ausnahmen bekommen anerkannte Flüchtlinge keine Wohnsitzauflage, etwa wenn sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und mindestens 712 Euro netto im Monat verdienen. siba

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