Die mutigen Saboteure

Thema und Datum des Vortrags beim offenen Abend des Historischen Vereins sind nicht zufällig gewählt. Denn am 17. April 1945 wurde die Stadt kampflos und fast intakt den Amerikanern übergeben.

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  • Die Haller Innenstadt wird von Bombenangriffen der Alliierten getroffen. Zu sehen ist die Bahnhofstraße. Die Amerikaner übernehmen die Stadt am 17. April 1945 kampflos. Privatfoto 1/2
    Die Haller Innenstadt wird von Bombenangriffen der Alliierten getroffen. Zu sehen ist die Bahnhofstraße. Die Amerikaner übernehmen die Stadt am 17. April 1945 kampflos. Privatfoto
  • Michael Sylvester Koziol aus Tüngental arbeitet die Nazizeit auf lokaler Ebene auf. 2/2
    Michael Sylvester Koziol aus Tüngental arbeitet die Nazizeit auf lokaler Ebene auf.
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Rund 90 Menschen sind der Einladung zum Offenen Abend des Historischen Vereins für Württembergisch Franken im Hällisch-Fränkischen Museum gefolgt. Michael S. Koziol referiert über "Sabotage der Verteidigung" und die Auswirkungen von Hitlers "Nero"-Befehl im Landkreis Schwäbisch Hall. Der Befehl sah unter anderem die Sprengung von Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen vor.

Militärischer und politischer Widerstand sowie starke Unternehmer hätten den Landkreis und die Stadt Hall vor der Zerstörung bewahrt. Auf "Sabotage der Verteidigung" stand die Todesstrafe, dennoch gab es in den letzten Kriegstagen Spielräume mit Risiken.

"Durch ihre Handlungen, besser Nichthandlungen, trugen sie Entscheidendes dazu bei, den Einwohnern von Schwäbisch Hall und der Stadt selbst das Schicksal von Crailsheim oder Heilbronn erspart zu haben", so Koziol über Angehörige der Wehrmacht. Der erste Kampfkommandant Oberstleutnant Neuffer und Leutnant Hüfner von der Versprengtensammelstelle verschleppten Befehle zum Bau von Verteidigungsanlagen oder zum Aufbau von Standgerichten, die Deserteure verurteilen sollten.

Halls Bürgermeister Dr. Wilhelm Prinzing entschied sich mit Verantwortlichen nur zur "Lähmung" durch Entfernen wichtiger Maschinenteile statt zur Zerstörung von Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerk. Hans Honold, Mitinhaber der Grossag und Beauftragter der Gauwirtschaftskammer für Schwäbisch Hall, lehnte die Zerstörung der Industriebetriebe im Landkreis ab. Dafür wurde er mit dem Tode bedroht. Karl Kurz von der Fassfabrik Hessental verweigerte nicht nur den Befehl, sondern organisierte sogar bewaffneten Widerstand gegen die Betriebszerstörung. Er entging im letzten Moment der Erschießung.

Auch der Vorstand der Schrozberger Genossenschaft, Otto Hayn, hätte alle genossenschaftlichen Anlagen und Vorräte zerstören sollen. Stattdessen organisierte er Wachen gegen Sprengkommandos und ließ Nahrungsmittel bei Bauern auslagern. Durch ein Ausspielen von Wehrmacht und SS gelang es erst, die Sprengung zu verschieben, dann sie unmöglich zu machen. Denn: "Der Sprengstoff war weg", wie Koziol dem dabei kurz auflachenden Publikum erzählt. Bald darauf kamen die Amerikaner.

Der Haller Kreisleiter und NSDAP-Mitglied Otto Bosch soll gesagt haben: "Hier ist man nicht feige, hier wird gekämpft!" Michael S. Koziol führt weiter aus: "Der Geist, der hinter den Befehlen stand und auch von lokalen Größen vertreten wurde, sorgte für immensen Druck. Er lässt jeden Widerspruch besonders mutig erscheinen."

Otto Bosch sei auf der Flucht gefasst und an den Pranger gestellt worden. "Nicht gestellt, er saß auf einem Stuhl", stellt eine ältere Zuhörerin leise richtig, sie habe ihn selbst am Markt gesehen.

Koziol unterlegt den detailreichen Vortrag im Hällisch-Fränkischen Museum mit Fotos, doch Unterstützung durch weitere Diagramme, Karten oder Zeitfolgen hätte das Zuhören vereinfacht. Immer wieder verweist er auf die teils widersprüchliche oder lückenhafte Quellenlage.

Michael Sylvester Koziol

Zur Person Michael Sylvester Koziol (68) lebt in Tüngental. Von 1969 bis 2007 war er Lokalredakteur beim Haller Tagblatt - mit einer kurzen Studierpause in Wien, in dessen Nähe er in den 1960er-Jahren sechs Jahre lang lebte. Seit 1972 beschäftigt er sich mit dem Nationalsozialismus auf lokaler Ebene. Sein neues Buch, "Ein Funke Hoffnung nach Terror und Niederlage", wird am Donnerstag, 7. Mai, um 19 Uhr im Hällisch-Fränkischen Museum in Hall vorgestellt. Koziol ist Autor des mit dem Hauptpreis des Landespreises Baden-Württemberg 1987 ausgezeichneten Buches "Rüstung, Krieg und Sklaverei. Der Fliegerhorst Schwäbisch Hall-Hessental und das Konzentrationslager". Weitere Veröffentlichungen: "Fliegerhorst / Home Base". Die Stadt Hall hat seine Beiträge "Hall zwischen Machtergreifung und Verbot der SPD" (1983) und "Das ist ein politischer Brand! Die ,Reichskristallnacht' in Schwäbisch Hall und Braunsbach" (1988) als Broschüren herausgegeben.

KOR

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