Die Kutsche rattert durch den Saal

Wann darf man schon mal ein ganzes Sinfonieorchester dirigieren? Lisa-Marie, ein Mädchen im Grundschulalter, steht im Haller Neubau-Saal vor den Stuttgarter Philharmonikern und schwingt den Taktstock.

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Es geht um Mozart im Kinderkonzert der Haller Konzertgemeinde. Und Mozart war ja schon als Kind ein professioneller Musiker. Mit fünf Jahren komponierte er sein erstes Klavierstück - Vater Leopold schrieb es für ihn auf. Die Pianistin Yu-Wei Ku spielt das Stück im ausverkauften Neubau-Saal vor. Es klingt durchaus nach ernsthafter Musik, nicht nach einem kurz ausgedachten Kinderlied.

Schon mit sechs Jahren ging Mozart quasi auf Tournee. Dass Reisen vor 250 Jahren etwas anderes bedeutete als heute, macht Moderator Marko Simsa den Kindern in diesem Mitmachkonzert anschaulich klar: Die Mozarts hoppelten in einer Pferdekutsche über gepflasterte Straßen und schlechte Wege durch halb Europa. Um das nachzuvollziehen, dürfen die Kinder im Neubau-Saal als Pferde mit den Füßen trappeln und schnauben, als Kutscher "Hüa" rufen und als Fahrgäste auf den Sitzen hüpfen.

In Wien angekommen, empfangen "Kaiserin Hannah die Erste" und "Kaiser Aaron der Große" - von Marko Simsa in Hall kurzerhand gekrönt - den kleinen Mozart. Dieser muss mit verbundenen Augen seine Geigenkünste unter Beweis stellen. Matthias Wächter, Konzertmeister der Stuttgarter Philharmoniker, also der Stimmführer der ersten Geigen, betätigt sich da als Komödiant und macht bei allerhand Späßen bereitwillig mit.

Mozart habe auch als Kind schon dirigiert, heißt es. Deshalb bekommen die Zuhörer in Hall von Dirigentin Elisabeth Fuchs einen kleinen Kurs in Orchesterleitung. Und Lisa-Marie darf die neu erworbenen Fähigkeiten auf der Bühne präsentieren. Dass dabei wieder der Konzertmeister eine bedeutende Rolle spielt, der wie zu Mozarts Zeiten vom ersten Pult aus das Orchester unauffällig leitet, wissen auch von den Erwachsenen wohl nicht alle.

Und dann gibt es bei Hofe einen Maskenball mit Tanz. Dafür dürfen zehn Tanzpaare auf die Bühne, sie studieren ein Menuett ein. Schwierigkeiten haben nur die Tänzer, die einen kleineren Partner erwischt haben. Für sie ist es anstrengend, sich unter dessen Arm zu drehen.

Das Haller Publikum zeigt sich sehr gut vorbereitet. Sogar Kindergartenkinder wissen schon, dass Mozarts Schwester "Nannerl" hieß und dass der Zauberer in der Oper "Bastien und Bastienne", die Mozart mit zwölf Jahren schrieb, den lustigen Text "Diggi, daggi, schurry, murry" singt. Die Kinder lassen sich leicht aktivieren, aber auch schnell wieder dazu bringen, konzentriert zuzuhören - Marko Simsa ist sehr erfahren im Umgang mit dem jungen Publikum. Der Österreicher gestaltet schon seit mehr als 20 Jahren Konzerte für Kinder.

Die Stuttgarter Philharmoniker bieten die Ausschnitte aus Sinfonien und Opern von Mozart mit schönem Klang dar. Die etwa 40 Musiker, die sich auf der schmalen Bühne des Neubau-Saals fast drängen müssen, spielen unter der Leitung von Elisabeth Fuchs differenziert und flexibel im Tempo. Simsa hilft den Kindern beim Zuhören, indem er zuerst die Orchesterinstrumente kurz vorstellt und in einem Fall auch während des Stückes ansagt, welches Instrument gerade die Hauptstimme hat.

Und natürlich gehört zu einem Überblick über Mozarts Musik auch der Gesang. Bariton Thomas Roeshol singt das Kunstlied "Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün" mit Klavierbegleitung, später das erwähnte "Diggi, daggi" und die Arie des Vogelfängers aus der "Zauberflöte" mit Orchesterbegleitung. Dabei dürfen die Kinder sogar mitsingen - das ist heute in der Oper nicht mehr üblich. Sie klatschen und trampeln und rufen "Zugabe" im ausverkauften Neubau-Saal. Die gibt es aber nicht, weil einige Zuschauergruppen offenbar rechtzeitig wieder zurück in der Schule oder im Kindergarten sein müssen - sie streben schon dem Ausgang zu.

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