Belletristik: Der Cappuccino-Effekt

Thommie Bayer liest vor ausverkauftem Haus in der Haller Stadtbibliothek aus seinem neuen Roman „Seltene Affären“.

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Ein Buch, ein Tisch, ein Stuhl: Thommie Bayer bei seiner Lesung im Foyer der Haller Stadtbibliothek.  Foto: 

Der Mann sitzt unbeteiligt auf einer Bank in der Neuen Straße, eine Zigarette in der Hand, den Blick Richtung Henkersbrücke gerichtet. Ein paar Meter von ihm entfernt stehen die Menschen vor der Stadtbibliothek Schlange. Die Veranstalter melden ausverkauft, schleppen dann aber doch noch Stuhl um Stuhl ins Foyer, um Platz zu schaffen für die Fans von Thommie Bayer. Der Mann auf der Bank wartet bis kurz vor 19 Uhr, dann betritt er ebenfalls den Raum und nimmt an dem kleinen Tisch mit der Leselampe Platz.

Dass Thommie Bayer ein großes Bohei um seine Person machen würde, kann man nicht behaupten. Obwohl er ja aus seinem Leben als Popmusiker auch die größeren Bühnen der Republik kennt und es einst sogar in die ZDF-Hitparade geschafft hat. Auch in Hohenlohe gibt es noch  Leute, die können seine alten Songs wie „Der letzte Cowboy“ oder „Das Lied von der Unmittelbarkeit“ auswendig rezitieren. Inzwischen zählt Bayer als Schriftsteller zu den meistgelesenen Autoren der Republik. Seine Bücher genießen Kultstatus („Das Herz ist eine miese Gegend“), werden zu Bestsellern („Das Aquarium“), für den Deutschen Buchpreis nominiert („Eine kurze Geschichte vom Glück“) oder fürs Fernsehen verfilmt („Spatz in der Hand“).

„Bis vier Uhr sind Sie durch“

Jetzt hat Bayer seinen 25. Roman vorgelegt: „Seltene Affären“. Die ersten 46 Seiten liest er, die Stimme kratziger und rauer als auf den alten Platten, am Dienstagabend in Hall vor. Den Rest, so Bayer, möge man sich dann bitte zuhause vornehmen – „bis vier Uhr morgens sind Sie durch“.

Es geht, grob skizziert, um einen Mann namens Peter Vorden, der keine größeren Sorgen hat und zwischen zwei Leben hin- und herpendelt. Eins in Frankreich als Leiter eines Feinschmecker-Restaurants und eines in einer süddeutschen Kleinstadt als Verfasser von Kurzgeschichten, die er meist seinem Schrifsteller-Bruder Paul zur Veröffentlichung überlässt. Der Grundkonflikt von „Seltene Affären“ wird in Bayers Leseabschnitt nur in einem Satz erwähnt: „Mein Bruder hat die Frau geheiratet, die als einzige für mich in Frage kam.“

20 gute Jahre oder 20 gute Tage

Dieser Peter Vorden kommt einem nicht besonders nah und  richtig sympathisch ist er auch nicht. Sind die Beatles-CDs richtig aufgeräumt und stehen seine Zinnfiguren sowie sonstiger Nippes an der richtigen Stelle auf dem Schreibtisch? Das sind so die Hauptprobleme dieses 62-Jährigen, den das Alter aber durchaus kümmert („ich kann noch 20 gute Jahre vor mir haben, vielleicht aber auch nur noch 20 Tage“).

Den Großteil seiner Fantasie widmet Vorden der unbekannten Vertreterin seiner Putzfrau, der er zumindest in seinen Träumen nahekommt. Viel mehr passiert auf diesen ersten 46 Seiten nicht.

Der 63-jährige Thommie Bayer, in der badischen Kleinstadt Staufen beheimatete Autor mit großem Faible für die Popmusik, schreibt also über den 62-jährigen Teilzeit-Schriftsteller Peter Vorden, der in der süddeutschen Provinz lebt und ein Faible für die Fab Four hat. „Ist an dieser Geschichte irgendwas Fiktionales?“, fragt eine Frau aus dem Publikum im Anschluss. Die Frage scheint Thommie Bayer zu erstaunen. „Alles“, entgegnet er. Nach über 20 Romanen seien es höchstens noch Anekdoten aus dem eigenen Leben, die in seine Geschichten einfließen.

So oder so: Das Oberthema bleibt bei Bayer stets dasselbe – es geht um das Suchen, Finden,  Verlieren und Wiederfinden der Liebe. Um Dreiecksgeschichten, um „Einsam, Zweisam, Dreisam“, so der Titel eines Bayer-Frühwerks. Bo, Giovanni und Laura aus „Das Herz ist eine miese Gegend“, das sind irgendwie auch Peter, Paul und Anne aus „Seltene Affären“. Nur der Rock ’n’ Roll wird weniger, könnte man meinen. Aber da blitzt ja immer noch diese kleine metallene E-Gitarre am Revers von Thommie Bayers Sakko.

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