Der analytische Allrounder

Dirk Weiler schlüpft in „Don Camillo und Peppone“ auf der Treppe in die Rolle des Jesus – und ist dabei viel mehr als nur die Stimme aus dem Off.

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  • Dirk Weiler als Jesus in „Don Camillo und Peppone“. Bis Dienstag, 22. August, steht die Komödie noch viermal auf dem Spielplan. 1/3
    Dirk Weiler als Jesus in „Don Camillo und Peppone“. Bis Dienstag, 22. August, steht die Komödie noch viermal auf dem Spielplan. Foto: 
  • Dirk Weiler. 2/3
    Dirk Weiler. Foto: 
  • Auch als sympathischer Otto in Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ im Haller Theaterzelt hat Dirk Weiler beeindruckt. 
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    Auch als sympathischer Otto in Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ im Haller Theaterzelt hat Dirk Weiler beeindruckt. Foto: 
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Eineinhalb Stunden dauert die Verwandlung: Dann ist aus dem Schauspieler Dirk Weiler Jesus geworden. „Ich bin der Erste in der Maske und der Letzte, der wieder rauskommt“, erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. Zum Heiland wird man eben nicht im Hand-
umdrehen. „Das muss man schon mal sagen: Was Kostüm und Maske und die ganze Technik hier leisten, ist schon großartig“, schwärmt Weiler – und es klingt nicht nach Schmeichelei.

Klar, Maske und Kostüm helfen dabei, in die Rolle zu schlüpfen, aber die Figur muss da längst erarbeitet und durchdrungen sein. Und wie ist Dirk Weiler überhaupt zur Jesus-Rolle gekommen? Intendant und Regisseur Christian Doll hat in Bad Gandersheim schon mehrfach mit dem gebürtigen Saarländer zusammengearbeitet und ihm den Part angetragen. Anfangs habe er gestutzt, weil er automatisch an die eingespielte Jesus-Stimme in den Filmen dachte. „Ich bin nicht die Stimme aus dem Off, und ich hänge nicht die ganze Zeit am Kreuz“, erzählt er lachend von seinen Bedingungen für Hall. Und klar: Die jahrelange Zusammenarbeit mit Doll habe ihn schon vermuten lassen, dass mehr dahinter steckt.

Die Kunst des Weglassens

Aber wie spielt man nun Jesus? Es sei auch ein Spiel mit den Jesus-Vorstellungen in den Köpfen der Menschen, lässt Weiler durchblicken. Freilich habe er Bücher gewälzt, sich auch schon früher mit Religion, Glaube und Spiritualität befasst, jetzt viele Filme angesehen, „und mir auch wieder die Bibel geschnappt“. Und in der Fülle der Beobachtungen und Entdeckungen kristallisiere sich die wichtige Frage heraus: Was spiele ich nicht? „Weniger ist oft mehr.“

So ist aus Weilers Jesus nun ein mit heiterer Selbstironie und feinem Humor gesegneter Heiland geworden, der die Wogen des temperamentvollen Streits zwischen Don Camillo und Peppone wunderbar subtil zu glätten weiß. Der ein „Bin gleich wieder da“-Schild ans Kreuz hängt, um wohldosiert ins Geschehen einzugreifen und per Handauflegen ganz nebenbei eine kleine Heilung vollzieht.

Mit der anfangs in Hall als „doch ziemlich stufig“ empfundenen Treppe hat sich Dirk Weiler gut angefreundet. Der vielseitige Bühnenkünstler hat allerhand Erfahrung mit unterschiedlichen Bühnen. In der Theaterwelt ist er weit herumgekommen. Sein Berufswunsch stand schon früh fest: „Als Kind sagte ich: Wenn ich mal groß bin, werde ich Schauspieler – aber nur in den alten Filmen. Die alten Schwarz-Weiß-Streifen hatten mich fasziniert“, erzählt er.

Nach seiner Ausbildung an der Folkwang-Hochschule in Essen – „damals war die Musical-
Ausbildung noch neu“ –, und einem Tanz-Aufbaustudium hat Dirk Weiler von 1998 an in New York Gesang studiert. Das Lernen und Erfahrung-Sammeln ging weiter. Aus dem ursprünglich geplanten Jahresaufenthalt sind zehn Jahre im Big Apple geworden. „Irgendwie wollte ich alles machen und vertiefen.“

Prägende Zeit in New York

Seine Mentoren und Lehrer dort haben ihn geprägt. Er lernte viel auch über die kulturellen Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Schauspieltraditionen. Anschaulich und spannend erzählt Weiler beispielsweise von der Entwicklung des „Method Actings“, das in Deutschland aber zuweilen auch als allzu exzessives Eintauchen in eine Figur belächelt werde. Dabei gehe es vielmehr um ein komplexes Zusammenwirken von Emotion, Text und dem Gegenüber. Das Group Theatre, Konstantin Stanislawski, Anton Tschechow, Lee Strasberg, Stella Adler, Sanford Meisner, das Actors Studio – locker gehen Dirk Weiler die Worte und Namen über die Lippen. „Ach, jetzt schweife ich wieder ab“, meint er entschuldigend. Doch das Aufspüren von Zusammenhängen, das lustvolle Forschen und Sich-Fragen, wo eine Sache hinführt, scheint ihn auch anzutreiben. „Ich hab da sicher etwas Analytisches“, räumt er ein. Denn: Dirk Weiler geht es ums Theater in all seinen Facetten.

Überhaupt: In New York sei ihm aufgefallen, dass man sich dort um die Unterscheidung der Genres kaum Gedanken macht. Egal, ob Musical, Theater, Operette oder Tanz – „dort heißt es: Mach’ einfach“. In Deutschland sei das Schubladendenken doch noch ausgeprägter – „aber das bricht auch auf, es wird lockerer und durchlässiger“. Der Allrounder Dirk Weiler ist selbst ein gutes Beispiel dafür: Nach seinen Schauspiel-Rollen hier in Hall steht er in den nächsten Monaten in der Operette „Frau Luna“ in Dortmund auf der Bühne. Ein Kinderstück sei in Planung und noch ein paar andere Projekte – „die sind aber noch nicht spruchreif“, bleibt Weiler diskret.

Bei den Freilichtspielen in Hall hat er sich jedenfalls sehr wohlgefühlt. Nur noch viermal wird er auf der Großen Treppe als Jesus dem Dorfpfarrer Don Camillo ins Gewissen reden. Wehmut? „Da bin ich sehr unsentimental.“ Wichtiger sei der Moment – „und ich bin gespannt auf alles, was kommt“.

Dirk Weiler stammt aus Neunkirchen im Saarland, ist mit drei Brüdern aufgewachsen und wusste schon als Kind, dass er Schauspieler werden wollte. Sein Alter? „Das verrate ich nicht“, winkt er lächelnd, aber bestimmt ab. Erste Bühnenerfahrungen sammelte er am Staatstheater Saarbrücken. Nach Abitur und Zivildienst kamen das Musical-Studium und ein Aufbaustudium Tanz an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Mit seinen ersten Engagements arbeitete er vor allem im Ruhrgebiet. 1998 verlegte er seine künstlerische Arbeit vor allem nach New York, wo er an der Manhatten School of Music Gesang studierte. Es folgten weitere Studien an verschiedenen Hochschulen sowie Auftritte auf verschiedenen Bühnen. Zu seinen Rollen gehörten unter anderem Macheath in Brechts „Dreigroschenoper“ oder der Papageno in Mozarts „Zauberflöte“. Dirk Weiler trat in den USA, in Europa und in Australien auf, ging 2008 für ein Jahr nach London und kehrte 2009 nach Deutschland zurück, wo er unter anderem in Bad Gandersheim im „Weißen Rössl“ die Rolle des Dr. Siedler übernahm.
Seither ist Dirk Weiler in Essen daheim, aber natürlich auch ständig unterwegs – in Gelsenkirchen, Bonn oder Oberhausen. Nebenbei ist er auch Stepptanz-Lehrer, Regisseur, Choreograf und Lehrer für Liedinterpretation. Erholung? Findet er beim Sport und in Natur.

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