Dem Tod entronnen

Albrecht Fischer war im Widerstand gegen Hitler aktiv, wurde verhaftet - und überlebte die Rache der NS-Justiz. Nach der Entlassung in die Freiheit schlug er sich vor 70 Jahren zu seiner Familie nach Ottendorf durch.

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Baurat Albrecht Fischer im Jahr 1946: Damals war er Aufsichtsrat bei Bosch, bis 1948 Vorsitzender des Gremiums.  Foto: 

Als "Staatsfeind" und "Volksverräter" stand Albrecht Fischer nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat des Grafen Claus Schenk von Stauffenberg auf Adolf Hitler vor dem berüchtigten Volksgerichtshof. Zwar wurde er überraschend freigesprochen, danach aber im Konzentrationslager Sachsenhausen eingesperrt. Anfang April 1945 erhielt er unverhofft seine Entlassungspapiere - und machte sich umgehend auf den Weg nach Ottendorf am Kocher.

Als zweitältester Sohn der Eheleute Karl August und Luise Fischer am 27. März 1877 in Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte Albrecht Fischer Chemie und war ab 1900 Baurat beim Landesgewerbeaufsichtsamt. 1919 gab er die Beamtenstelle auf, wurde Geschäftsführer beim Verband Württembergischer Metallindustrieller und bei der Vereinigung Württembergischer Arbeitgeberverbände. Als Liberaler und Verfechter der Demokratie trat er der Deutschen Volkspartei (DVP) bei.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und der Gleichschaltung von Verbänden fand er bei der Robert Bosch GmbH als Berater und Leiter eines Büros für wirtschaftliche Fragen eine neue Aufgabe. Fischer arbeitete eng mit Firmengründer Robert Bosch, dessen Privatsekretär Willy Schloßstein und dem geschäftsführenden Direktor Hans Walz zusammen, die dem NS-Regime zunehmend kritisch gegenüberstanden.

Der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler, ab 1937 ebenfalls Berater Robert Boschs, weihte Fischer in die Pläne für einen Staatsstreich gegen das Nazi-Regime ein und gewann ihn dafür, sich als ziviler Beauftragter für den "Wehrkreis V Württemberg" zur Verfügung zu stellen. Fischer organisierte in dieser Zeit auch Hilfen des Unternehmens für Juden und andere Verfolgte. Zudem fungierte er als Mittelsmann, als es darum ging, jüdischen Organisationen Geld zukommen zu lassen.

Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Albrecht Fischer noch in der folgenden Nacht verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis in der Stuttgarter Archivstraße gebracht. Am 18. August erfolgte die Verlegung ins Gefängnis Berlin-Moabit, von wo er täglich ins Reichssicherheitshauptamt zur Vernehmung gebracht wurde. Zeitweise war Fischer auch in der Strafanstalt Tegel und im Gefängnis an der Lehrter Straße inhaftiert.

Gleich nach der Festnahme begannen Fischers Kollegen in der Firma sich für seine Freilassung zu einzusetzen. Bereits im Juli 1944 sprach Hans Walz mit dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Gottlob Berger, einem Vertrauten Heinrich Himmlers. Berger, der "allmächtige Gottlob" genannt, einst in Gerstetten beheimatet, war mit dem von der Ulmer Alb stammenden Robert Bosch weitläufig verwandt.

Walz, Schloßstein, und Fischer waren zunächst Fördermitglieder der SS - ein Umstand, der sich als Türöffner erweisen sollte. Im Oktober 1944 unterrichtete Berger Direktor Hans Walz darüber, dass Fischer mit einem Todesurteil zu rechnen habe, er aber trotzdem den Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, wissen lasse, dass Fischer bei der SS "gut angeschrieben" sei.

Der Verlauf der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof lässt vermuten, dass sich die Äußerungen Bergers günstig auswirkten: Fischer wurde als einer der wenigen wegen Hochverrats Angeklagten am 12. Januar 1945 freigesprochen. Der Freispruch bedeutete jedoch nicht die Freiheit. Die Gestapo hielt Fischer weiter im Gefängnis Lehrter Straße fest, dann im KZ Sachsenhausen, wo er mit der Häftlings-Nummer 134 568 registriert wurde. Gottlob Berger setzte bei der SS die Entlassung Fischers durch. Am 3. April 1945 holten zwei SS-Soldaten Albrecht Fischer ab und brachten ihn ins SS-Hauptquartier nach Berlin, wo ihn SS-General Gottlob Berger mit den Worten begrüßt haben soll: "So, Baurat, da bist du ja. Ihr Schwaben habt eben immer besondere Dickköpfe, und dann macht ihr hin und wieder eine Dummheit (. . .) Wenn dich der alte Bosch nicht so geschätzt hätte, so hätte ich auch nichts für dich tun können!"

Ausgestattet mit Papieren Bergers, trat Fischer per Eisenbahn und Anhalter seine Reise nach Ottendorf an.

Warum aber Ottendorf? Als während des Zweiten Weltkriegs die Luftangriffe auf größere Städte zunahmen, wurden immer mehr Familien aufs Land in Sicherheit gebracht. Oder sie fanden bei Verwandten und Bekannten eine Unterkunft.

So kam am 11. August 1943 die einzige Tochter der Familie Fischer, Inge Hundt, mit ihren Kindern Peter und Dorothea und dem 23-jährigen Dienstmädchen Else Koch nach Ottendorf in das neu erbaute Haus der Familie Friedrich Nübel. Rosa Nübel war vor ihrer Heirat mit Landwirt Friedrich Nübel im Jahr 1938 einige Jahre Dienstmädchen im Hause Fischer gewesen. Albrecht Fischers aus dem Elsass stammende Ehefrau Elisabeth fand ab 7. August 1944 ebenfalls Unterschlupf in diesem Haus, in dem Albrecht Fischer am 8. April 1945 seine Familie wiederfand.

Beim Bürgermeisteramt Ottendorf wurden sämtliche Zu- und Wegzüge peinlich genau festgehalten. Nur einen Namen findet man nicht: Albrecht Fischer. Da er befürchtet hatte, abermals von der Gestapo abgeholt zu werden, blieb er bis Kriegsende untergetaucht. Ab 18. Juni 1945 waren die Fischers wieder zurück in ihrem Haus Hauptmannsreute 131 in Stuttgart und auch dort gemeldet.

Von Juni bis September 1945 war Albrecht Fischer als Landesdirektor für Arbeit und Sozialversicherung eingesetzt. Im September 1945 wurde er als Mitglied des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH berufen und hatte während der Kriegsgefangenschaft von Direktor Hans Walz bis 1948 auch den Vorsitz des Aufsichtsrates inne, dem er noch bis 1959 angehörte. Von 1950 bis 1957 war er außerdem Mitglied des so genannten Testamentsvollstreckerkollegiums Robert Bosch.

Zu seinem 75. Geburtstag am 27. März 1952 wurde Albrecht Fischer mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Fischer starb am 19. Januar 1965 in Stuttgart.

". . . und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen"

Nach seiner Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen im April 1945 und einer viertägigen Reise voller Abenteuer stand Albrecht Fischer endlich auf dem Bahnhof in Stuttgart und erkundigte sich nach den Zügen in Richtung Gaildorf und Hall:

"Man sagte mir, dass abends um 9 Uhr ein Zug abgehe, aber nur bis Murrhardt. Ich entschloss mich, ihn zu nehmen und in Murrhardt zu sehen, wie ich weiterkomme. Zuerst machte ich den Versuch, über den Bahntelegraph in Murrhardt einen Wagen zu bestellen, das wurde aber abgelehnt.

So setzte ich mich in den schon bereitstehenden Zug und aß von den Vorräten (Hartwurst und Brot), die ich von Berlin mitgebracht hatte. Der Zug kam etwa um Mitternacht in Murrhardt an. Am Bahnhof stellte ich fest, dass ein Warteraum hoch mit Strohschütten belegt war, dass man also notfalls dort schlafen konnte. Zunächst stellte ich mich mit anderen Wartenden an der Murr-Brücke auf, um vorüber kommende Fahrzeuge anzuhalten. Es kamen auch zahlreiche Wehrmachtsfahrzeuge, aber alle mit Order Gschwend-Gmünd. Endlich kam ein Lastwagen mit Ziel Gaildorf, der ein halbes Dutzend Leute und auch mich mitnahm.

Der Fahrer - ein norddeutscher Soldat - hatte keine Ahnung vom Weg, und wir im Wagen konnten wegen der Plane, die sich über uns wölbte, nicht sehen, wohin er fuhr. Als Gaildorf ewig nicht kam, veranlassten wir ihn zum Halten und stellten fest, dass der Fahrer fehlgefahren war; er hatte sich den vor ihm fahrenden Wagen angeschlossen, und wir standen deshalb kurz vor Gschwend.

Man setzte nun einen Ortskundigen neben den Fahrer, und so kamen wir wieder vom Berg herunter und etwa um 3 Uhr morgens nach Gaildorf. Dort blieb der Wagen stehen, und wir sollten nun warten, ob am Morgen sich eine Gelegenheit zum Weiterkommen bieten würde.

Ein junger Mann und ich entschlossen uns, jetzt einfach zu Fuß weiter zu pilgern. Wir setzten uns in Marsch und waren etwa einen Kilometer heraus, als hinter uns ein Lastwagen auftauchte, den wir zum Halten veranlassten. Er wollte nach Ottendorf und ließ uns aufsteigen, so kamen wir rasch weiter.

Als er durch Ottendorf durchfuhr, ließ ich ihn halten und stieg ab. Er hatte Befehl, den Wagen in der Ortsmitte abzustellen. Ich dirigierte ihn noch dorthin (Platz vor der Kirche) und dann auf das Siedlungshäuschen zu, in das meine Familie verlagert war. Dort klopfte ich morgens um 4 Uhr an die Haustüre, und wir feierten im Morgengrauen das Wiedersehen meiner Rückkehr aus der Unterwelt."

So endet der ausführliche Bericht Albrecht Fischers "Erlebnisse vom 20. Juli 1944 bis 8. April 1945" über seine Inhaftierung im KZ Sachsenhausen und seine Entlassung.

SWP

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