Defensives Fahren ist ratsam

Gestiegener Leichtsinn  oder das Nichtbeherrschen von PS-starken Zweirädern: Ursachen für Motorradunfälle sind vielfältig. Experten raten zu mehr Vorsicht und dem Einhalten von Regeln.

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Nach einem Unfall auf der Straße zwischen Bibersfeld und Wielandsweiler liegt ein Motorrad im Gras. In diesem Jahr starben bereits fünf Motorradfahrer im Landkreis.  Foto: 

Die Motorradsaison hat in diesem Jahr im Landkreis Schwäbisch Hall nicht gut begonnen. Schon Anfang März hatte es drei tote Biker zu beklagen gegeben. Mittlerweile ist diese Zahl auf fünf angewachsen, nachdem am 6. Juni ein Motorradfahrer auf der Haller Westumgehung ums Leben gekommen ist. Für alle, die sich eingehender und professionell mit dem Thema Motorrad und Motorradfahren beschäftigen, wirft die traurige Serie Fragen auf, auf die es keine Antworten zu geben scheint. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hat es im Landkreis keinen einzigen toten Biker gegeben.

Szene gräbt sich ihr Grab

Ein Erklärungsansatz könnte die immer stärkere Motorisierung im Zweiradsektor sein. Heutzutage würde es Motorräder geben, die von ihrer technischen Ausstattung her „jenseits von Gut und Böse“ seien, meint so Eberhard Hermann, Geschäftsführer des Schwäbisch Haller Motorradmagazins „Wheelies“ und Veranstalter der gleichnamigen Messe in der Arena Hohenlohe. „Da gräbt sich die Szene selbst ihr Grab“, meint der passionierte Motorradfahrer. Mittlerweile gebe es Maschinen mit über 200 PS, 130 Pferdestärken würden nach seiner Meinung aber völlig reichen. Er schätzt, dass 80 Prozent der Fahrer, die auf hochgezüchtete Boliden setzten, diese nicht beherrschen könnten. „Wheelies steht nicht für diese PS-Sache“, stellt er fest. Die Motorradpresse insgesamt müsse „auf die Bremse treten“ bei dem Thema. Die starken Maschinen seien technische Herausforderungen, die man nicht verharmlosen sollte. Dieses „Aufrüsten“ müsse ein Ende haben, sagt er auch an die Adresse der Motorradhersteller.

Seit 30 Jahren ist Hermann auf motorisierten Zweirädern unterwegs, im Jahr kommt er auf rund 40.000 gefahrene Kilometer. „Einen Unfall hatte ich noch nie“, so Hermann. Das Motorradfahren sei „unheimlich schön“, aber eben auch sehr gefährlich. Am besten fahre man, wenn man „mehr auf defensiv“ mache. „Zwischen Spaß und brutalen Folgen ist ein riesiger Unterschied“, mahnt Hermann. Mehr und radikalere Kontrollen durch die Polizei könnten helfen, aber „die können ja auch nicht überall sein“. Biker, die unbedingt rasen müssten, sollten doch auf die Rennstrecke gehen: „Da werden sie schnell merken, dass sie lange nicht so gut sind, wie sie denken.“ Hermann ärgert vor allem, dass Raser oder leichtsinnige Biker Vorurteile bestätigen würden: „Dabei fahren sicherlich 90 Prozent der Motorradfahrer ganz normal.“ Unter Bikern werde regelmäßig der Kopf über die geschüttelt, die sich nicht an Regeln halten können.

Kaum zu beherrschen

„Motorradfahrer dürfen nicht nur an sich denken. Defensives Fahren ist angesagt“, sagt auch Bernhard Kohn, Pressesprecher des für den Landkreis Schwäbisch Hall zuständigen Polizeipräsidiums Aalen. Ob die Serie von toten Motorradfahrern im Landkreis Hall mit einem gestiegenen Leichtsinn bei den Bikern zu tun habe, könne man nicht sagen. „Das messen wir nicht“, so Kohn. Die Übermotorisierung moderner Motorräder könne aber durchaus ursächlich sein. Die Beschleunigung und die hohen Endgeschwindigkeiten könne doch kaum einer wirklich beherrschen.

„2017 ist bislang ein schlimmes Jahr für die Motorradfahrer“, meint der Polizeisprecher. „Wir schauen nicht nur nach den Toten, sondern auch nach den Verletzten.“ Auch bei letzteren sei eine Steigerung zu verzeichnen. Die Betrachtung der polizeilichen Unfallstatistik zeige, dass es kaum leichte Unfälle gibt, wenn Motorräder beteiligt sind. Von einem zehnfach höheren Risiko, sich schwer zu verletzten oder zu sterben, spricht der Beamte: „Hat der Motorradfahrer einen Unfall, erwischt es ihn richtig.“

Kontrollen ausweiten

Um der Lage Herr zu werden, wolle die Polizei die Kontrollen von Motorradfahrern ausweiten. „Wir wollen in den Köpfen der Biker präsent sein“, sagt Kohn. Hierbei gehe es auch um Geschwindigkeit. Denn beim  Auto sei sie eine von vielen Unfallursachen, beim Motorrad jedoch die Hauptursache.

Ob neue gesetzliche Regelungen helfen können, bezweifelt Kohn: „Druck kann helfen, aber man kann es auch übertreiben.“ In Deutschland gebe es schon einen „stark reglementierten Straßenverkehr“. An diese Regeln müsse man sich nur halten. Damit spricht Kohn auch Autofahrer an, die ihrerseits auch auf die Biker achten müssten. „Wir wollen den Motorradfahrer ja nicht verteufeln. Aber es bleibt dabei: Motorradfahren ist schweinegefährlich“, unterstreicht Kohn und wirft noch einen Blick in die Statistik: Insgesamt 4847 Verkehrsunfälle habe es im vergangenen Jahr im Landkreis Hall gegeben. Davon 99 unter Beteiligung von Motorradfahrern. Das sei auf den ersten Blick erst einmal nicht so viel, aber bei immerhin 85 sei es zu Verletzungen gekommen – 39 davon waren schwer. „Solche Fakten müssen sich auch Motorradfahrer immer wieder vor Augen führen“, sagt Kohn abschließend. „Jeder Tote im Verkehr ist einer zu viel.“

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