Das leise Murmeln der Dinge

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Der Ausflug beginnt hinter dem Atelier. Die Tür öffnet sich zu einem Treppenhaus, dahinter erstreckt sich ein Flur mit kariösem Bretterboden, zur Seite fliehen Zimmerruinen voller Schutt, Malereien und rätselhafter Symbole. Kabel hängen an den Wänden, Tapetenreste. Jeong-Eun Lee sieht Schönheit und Geschichten.

Das Treppenhaus führt zu einer Etage mit noch mehr leeren Räumen und hinauf unters Dach, wo's finster ist. Lee geht einen Gang entlang, nimmt noch ein paar Stufen und steht vor einer Tür, einer "Geheimtür", die in die "Stadtmalerwohnung" führt. Eine andere Treppe führt zu den Räumen der ehemaligen Ateliergemeinschaft im Alten Schloss, wieder hinunter zum Atelier und zum anderen Treppenhaus. Das alles ist labyrinthisch, unlogisch und sehr schön.

Einen Schlossgeist soll's auch geben, hat Jeong-Eun Lee gehört. Sie weiß aber nicht, ob er wach ist, ob sie ihn geweckt hat oder ob er überhaupt geweckt werden sollte. Die Tür zum Atelier jedenfalls verriegelt sie lieber, wenn sie mal wieder einen Ausflug ins Gemäuer unternommen hat. Ein bisschen unheimlich sei es nämlich schon, sagt sie.

Malerei und Zeichnung, Fotografie, Video, auch Objektkunst sind die Techniken, mit denen Lee arbeitet. Dabei ist sie eine ausgewiesene Romantikerin. Nicht im Sinne einer schwärmerisch-schwelgenden Romantik, sondern im Sinne einer Romantik, die danach trachtet, das Wesen der Dinge zu erkennen. Dass sie nun für ein Jahr in einem Schloss wohnen und arbeiten darf, empfindet sie als großes Glück.

Romantisch ist es auch. In der Epoche der Romantik stehe die Darstellung von Burgruinen sinnbildlich für das Vergängliche. Zugegeben: Das Alte Schloss in Gaildorf ist keine Ruine im Wortsinn. Es wäre aber auf dem Weg zu diesem Zustand, wenn man nicht kontinuierlich restaurieren, sanieren, investieren würde. Die Vergänglichkeit atmet aus allen Räumen und Fluren.

Also sieht Jeong-Eun Lee eine Aufgabe, gestellt vom Geist im Gemäuer: vergangenes Leben aufspüren, Alltagsreste entdecken, die von längst vergessenen Menschen hinterlassen wurden, sich Geschichte aneignen. Daraus, schreibt sie in einer Konzeptionsskizze, gelte es eine Arbeit zu entwickeln, die über das rein Dokumentarische hinausweist - "es muss sich dann herausstellen, welche Botschaft diese Dinge transportieren, ich muss versuchen, das leise Murmeln der Dinge zu etwas Vernehmbarem zu verstärken".

Jeong-Eun Lee - der Name wird Dschong Un Lie ausgesprochen - wurde 1969 in Südkorea geboren. Sie studierte Kunst in Seoul, kam dann nach Deutschland. Viele junge koreanische Künstler ziehe es nach Europa, berichtet sie. Sie habe erfahren wollen, wie und was dort gelehrt wird. Die Grundlagen und mehr brachte sie mit: Künstlerische Techniken waren wesentliche Inhalte des Studiums, selbst den Leim für die Leinwände lernte sie herzustellen. "Das ist gut", sagt Lee, "dann kann man's nämlich."

Ihre erste Station war Hannover. Sie kam an, schrieb sich ein und reiste wieder ab - es galt, einen Kontinent zu entdecken, zu zeichnen, zu fotografieren, Menschen kennenzulernen. "Ich habe eine völlig neue Welt vorgefunden", sagt Lee, die seit 2004 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Und: "Was man in der Schule oder in der Hochschule lernt, reicht nicht. Man lernt durch Anschauung, durch Kontakt, durch Kommunikation." In Hannover studierte sie übergangsweise für vier Jahre und ging dann nach Hamburg zu dem Beuys-Schüler Klaus Böhmler.

Die Kunst ist ihr Zentrum, gelebt hat sie während des Studiums von Jobs. Jeong-Eun Lee arbeitete in Küchen, in der Altenpflege, in einer Großdruckerei. Acht Jahre lang hat Jeong-Eun Lee bei Klaus Böhmler studiert. Sie ließ sich die Zeit, die sie benötigte, um sich zu entwickeln, und sie nimmt sich diese Zeit immer noch. Ihre Kunst resultiert aus ihrer Wahrnehmung, sie ist nicht Abbild, sondern Echo. Das Kunstwerk steht am Ende jenes Prozesses, der die eigentliche Kunst ausmacht. Es ist ein fortlaufender Prozess, ein Lebenskunstwerk, das endlos wächst und bei ihr bleiben soll. Sie verkauft ihre Arbeiten nicht gerne.

Teile davon waren unter dem Titel "Expedition in den Alltag" in Hamburg zu sehen: 60 Zentimeter lange Kiefernstäbe, die zu Flächen gefügt und mit Acryl bemalt werden. Die verschleiert wirkenden Bilder zeigen Landschaften und Städte, die Jeong-Eun Lee bereist hat. Auf unbemalte Flächen werden Videos projiziert, die sie aus fahrenden Zügen aufgenommen hat, und von Landkarten und Stadtplänen, auf denen Finger herumdeuten. Im "Off" hört man die Menschen erzählen, was sie dort erlebt haben beziehungsweise was sie erinnern.

Erinnerung ist ein weiterer zentraler Begriff in Jeong-Eun Lees Kunstverständnis. Die Wahrnehmung wird durch Erinnerung mehrdimensional, ergänzt durch Informationen, Assoziationen, Geschichten, durch die verstreichende Zeit. Jetzt geht sie durch Gaildorf, durch die Landschaften des Limpurger Landes, durchs Alte Schloss und sammelt. Jeong-Eun Lee zeichnet, schreibt, fotografiert, filmt, und daheim im Atelier erinert sie sich und lauscht. "Wahrscheinlich werde ich viel malen", sagt sie.

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