Das Leben der ersten Haller

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Scherben von steinzeitlichen Aufbewahrungsgefäßen sind im Hällisch-Fränkischen Museum zu sehen. Die Funde aus Hessental füllen eine Vitrine. Foto: Tobias Würth  Foto: 

Vor rund 5000 Jahren hatten die Jäger- und Sammler der Steinzeit es satt, durch Wälder zu zigeunern. Sie ließen sich nieder, bauten Häuser, züchteten Tiere und pflanzten Einkorn, Erbsen und Linsen an.

Dieser bedeutende Schritt in der Menschheit soll auch am Rand der Kreuzäckersiedlung nachweisbar sein. Der erste Schwäbisch Haller ließ sich auf dem Höhenzug nieder. Da sind sich Archäologen seit fast 100 Jahren sicher. „Es waren Häuser in Holzständerbauweise. Die Wände wurden mit Lehm ausgefacht“, erläutert der Archäologe Jan König, der in der Kreuzäckersiedlung die Sondierung leitete, die kürzlich beendet wurde.

Da der Lehm vom Boden um das Gebäude genommen wurde entstand drumherum ein Graben. Dort finden sich oft Reste der Schwarzerde, die einst auf den Kreuzäckern für fruchtbare Böden sorgte. Und es finden sich in der Regel Reste der Zivilisation wie Knochen, Scherben und andere Gegenstände. Die lassen wiederum Rückschlüsse auf die Lebensweise, Ernährung und Handelsbeziehungen zu.

Derzeit verfassen Wissenschaftler des Landesdenkmalamts einen Bericht über die Spurensuche. Für die geplanten Baugebiete Sonnenrain und Wolfsbühl wurde drei Wochen lang mit einem Bagger gebuddelt. Dr. Martin Thoma vom Landesdenkmalamt empfiehlt weitere Ausgrabungen. Ob es dazu kommt, oder andere Wege eingeschlagen werden, ist noch absolut offen. Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim weist in einem Pressegespräch schon mal darauf hin, dass eine Grabung vielleicht von den Stuttgarter Archäologen befürwortet, am Ende aber von der Stadt Hall bezahlt werden müsse. Die Methode, das Land hält Dinge für nötig, die Kommunen müssen sie aber bezahlen, prangert er auch an anderen Stellen an. Wie die Entscheidung auch ausfällt: Die Funde füllen schon jetzt eine Vitrine im Hällisch-Fränkischen Museum.

Der Fund dieser Artefakte geht aufs Jahr 1931 zurück. Eine helle Verfärbung zeichnete sich damals im Herbst im Ackerboden ab. 1932 kamen neolithische Scherben beim Ausheben von Pflanzengruben zu Tage. Neo heißt dabei „neu“ und „lithikum“ Steinzeit. Der Beweis war erbracht: Die Verfärbungen im Boden zeugen von einer Siedlung. Die Scherben lassen sie der Jungsteinzeit zuordnen. Das steht in einem Aufsatz von Susanne Friederich im Buch aus dem Jahr 2011: „Bad Friedrichshall-Kochendorf und Heilbronn-Neckargartach. Studie zum mittelneolithischen Siedlungswesen im Mittleren Neckarland.“ Sie fasst darin die bisherigen Erkenntnisse zusammen: „In den großen Befunden erkannte man Wohnstätten.“

1966 sollten Teile des Wolfsbühls bebaut werden – also der östliche Teil der Kreuzäckersiedlung am Gmelinweg. Die Steinzeit weckte das Interesse einiger Haller. Am Gymnasium bei St. Michael gründete sich „anlässlich der Bebauung der geschichtsträchtigen Flur“, eine prähistorische Arbeitsgemeinschaft.

„Studienrat H. Huber“ dokumentierte alle im Bereich der Kanalgräben freigelegten und abgeschnittenen Gruben. Diese lassen auf Holzhäuser schließen, die auf Fundament-Stützen standen, die in den Boden gerammt waren. So wurden im Haller Wolfsbühl Scherben mit Mustern gefunden, die aus dem Gebiet stammen, das heute Bayern heißt.

Bei den nächsten Grabungen Ende der 1960er-Jahre wurde klar: „Die in den dreißiger Jahren gewonnenen Erkenntnisse der enormen Ausdehnung der Siedlung auch hangabwärts ließen sich bestätigen. Bei einem tiefer im Tal gelegenen, 1977 erstellten Neubau sammelte Huber weitere mittelneolithische Scherben. Eine Grabung fand dort nicht statt.“

Dokumentiert wurden 21 altneolithische und 8 mittelneolithsche Gebäude, die bis zu 35 Meter lang und eine maximale Breite von 7,7 Meter aufweisen. Die Funde regten die Phantasie an. Im Haller Tagblatt wurde eine Skizze zur Rekonstruktion der Gebäude gezeigt und über eine Nachbildung eines Hauses nachgedacht.

Eines der mittelneolithischen Gebäude aus Hall werde mehrfach in der Fachliteratur zitiert. „Eine sorgfältige Analyse der Gesamtsituation im Wolfsbühl blieb aber aus“, schreibt Friederich. Es habe lediglich „Notgrabungen“ gegeben. Doch selbst die brachten für Archäologen Interessantes ans Licht. 39 Grabungsstellen führten neolithische Keramik. Das Material gehöre den Zeitabschnitten „Großgartach“, „Planig-Friedberg“ und „Rössen“ an. Die Scherben bestünden auch aus „Importmaterial“ aus dem stichbandkeramischen Kreis. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass diese besondere Verzierung auch vor Ort nachgebildet wurde. Sind die ersten Haller nach Bayern gefahren, um dort shoppen zu gehen? Waren es Raubkopierer, die danach die Kunstwerke abgekupfert und in ihren Tonöfen im Wolfsbühl brannten? Der Aufsatzes über Hall endet zumindest so:  „Südostbayerische Verzierungsmanier auf einem heimischen Gefäß könnte entweder Freude, Fremdes nachzuahmen, widerspiegeln, oder lässt ahnen, dass über rein wirtschaftliche Verbindungen hinaus enge Kontakte geknüpft waren – beispielsweise aus Einheirat aus dem Bayerischen ins Hohenlohische.“

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