Das Kalb lebt und bleibt am Leben

Biobauer Georg Grau fängt sein ausgebüxtes Tier im Solpark ein, das vor zwei Wochen dem Schlachter entkam. Es weidet nun auf seinem Hof und dient als Mutterkuh.

|

Dem Tod entronnen, zwei Wochen Urlaub und jetzt darf es weiterleben. Besser hätte es für das Kalb nicht laufen können“, fasst Patrick Köhler die Ereignisse zusammen. Er hat gestern mitgeholfen, das Tier mit der Ohrmarke DE0893404294 einzufangen. „Das war echt nicht leicht.“ Drei Männer scheuchten das 250 Kilogramm schwere Kalb in den Vieh­anhänger.

Wie kam es dazu? Das Bio-Rind entwischt am 29. Juni auf dem Hof des Schlachthauses in der Raiffeisenstraße. Hobby-Bauer Georg Grau aus Kaisersbach wendet sich an die Zeitung: Er will das Tier finden. Veganerin  Margit Meiser-Lill bietet ihm 900 Euro. So viel ist das Fleisch wert. Die Bedingung: Das Tier soll am Leben bleiben. Doch dazu muss es erst einmal auftauchen. Mehrmals wird es gesichtet, doch nie gefasst. Erst der Zeitungsartikel führt dazu, dass ein Angestellter das Tier, das im Dickicht an der Eugen-Bolz-Straße auftaucht, mit der Geschichte des entlaufenen Kalbs in Verbindung bringt.

Gesprächsthema Nummer eins

Auf dem Gelände von „E3 – Energie Effizienz Experten“, einem Würth-Tochterunternehmen, taucht es auf. Bei den rund 25 Mitarbeitern der Firma ist das ausgebüxte Kalb am Freitagvormittag das Gesprächsthema. „Es hat sich wohl schon lange auf der Freifläche aufgehalten“, berichtet Marketing-Chef Köhler. Die Firma logiert im großen grünen Hanger im Solpark. Keinem sei bewusst gewesen, dass hinter dem Anlieferungsbereich eine riesige umzäunte Fläche mit Buschwerk Schutz bietet. Das Tor stand offen. Das Rind fand den Weg aufs Gelände, aber nicht mehr heraus.

Wer sich durchs Dickicht kämpft, kann das Kuh-Paradies dort erahnen. Dort lässt es sich leben. Besser als ein Kilometer weiter im Schlachthof.

„Es ist vermutlich gleich nach der Flucht vom Schlachthof um 8.30 Uhr durch das Tor des Firmengeländes marschiert“, vermutet Bauer Georg Grau zwei Wochen später. „Ich fuhr noch am Donnerstagabend hin und schaute mit dem Wachdienst und der Polizei nach dem Kalb und konnten es mit der Taschenlampe ausfindig machen.“ Am Freitagmorgen brachte er seinen Viehanhänger mit. Patrick Köhler zeigt auf seinem Handy einen Film von der Aktion. Das Kalb rennt ums Gebäude und dem Bauern davon. „Wir haben dann zwei Gitterboxen als Sperren an die Seiten des Anhängers gestellt.“ Mensch gegen Tier. Szenen wie bei der Stierhatz in Pamplona? Am Ende geht alles aber unblutig aus.

„Ich brachte es wieder in den Spatzenhof, wo es sogleich von den anderen Tieren begrüßt und aufgenommen wurde“, berichtet Landwirt Grau. „Ich habe mich nun entschlossen, das Kalb zu behalten und zur Nachzucht zu verwenden. Ende gut – alles gut!“

Auch Veganerin Margit Meiser-Lill ist froh. Sie wollte dem Bauern das Tier abkaufen, damit es nicht stirbt. Das Kalb hätte von Spendengeldern auf einem Kuh-Hof gelebt.

Mutter stirbt

Margit Meiser-Lill aus Hall schreibt: „Das Kleine ist wieder bei seiner Mama und Herr Grau lässt es leben. Ich habe ihm eine Patenschaft angeboten, aber das hat er abgelehnt.“ Die engagierte Tierschützerin berichtet:. „Er sagte mir, dass er keine Landwirtschaft im herkömmlichen Sinne betreibt und auch nicht davon lebt. Ich hatte das Gefühl, dass ihm das Kleine durch die Geschichte ans Herz gewachsen ist und er erzählte mir auch begeistert, dass es gerade auf der Weide herumrennen würde. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich ihm vertrauen kann.“

Jetzt erhält das Tier noch einen Namen. Welchen, das weiß Bauer Georg Grau nicht. „Da werde ich jetzt meine Kinder fragen.“

Die Geschichte erhält allerdings noch eine dramatische Wende. In der Zwischenzeit ist die Mama von Kalb DE0893404294 gestorben. Sie litt unter Krebs im Augenbereich und wurde 14 Jahre alt. Nun muss die Tochter die Rolle der Kuh übernehmen, darf in den nächsten Jahren Kinder gebären, die sie mit der eigenen Milch säugt.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Von Sägespänen, Schaukeln und einer Sturmwarnung

Die Jakobimarkt-Schausteller auf den Kocherwiesen sind neuerdings technisch miteinander verbunden. Auf dem Haalplatz wird noch mündlich informiert. weiter lesen