Tattoo-Messe: Das große Stechen

Künstler aus aller Welt präsentieren ihr Können bei der zweiten Tattoo-Messe in der Arena Hohenlohe bei Ilshofen. Der neue Veranstalter weitet das Rahmenprogramm aus.

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Sascha Andel bekommt ein Tattoo mit seinem Kindheitshelden Son Goku von Alin Parnesco (Mitte) auf den Hintern tätowiert. Janis Böhm,  Besitzer des Gaildorfer Tattoo-Studios, schaut ihm über die Schulter.  Foto: 

Sogar Kaiserin Sissi hatte eines – ihre Hoheit ließ sich einen Anker in den Nacken stechen. Im 19. Jahrhundert waren Tattoos noch der Oberschicht vorbehalten. Dass sie längst zum Massenphänomen geworden sind, wird am Wochenende in Ilshofen deutlich.

„Es kommen alle möglichen Besucher – Großeltern, Jugendliche, Männer genauso wie Frauen“, bestätigt Veranstalter Marco Dörr und deutet auf die Eingangstür der Arena Hohenlohe. Um den rund 3000 Besuchern am Samstag und Sonntag etwas bieten zu können, hat der Schwabbacher 120 nationale und internationale Tätowierer eingeladen. Gaildorf, Crailsheim und Hall sind genauso vertreten wie Italien, Kanada und Ungarn.

Diesmal mehr geboten

„Es sind Top-Studios aller Stilrichtungen“, erläutert der 27-Jährige. Damit wolle er sich von der ersten Tattoo-Messe im Dezember abgrenzen. Der damalige Veranstalter habe wenig Aussteller und kaum Rahmenprogramm bieten können, so Dörr – jetzt sei die Werbetrommel umso mehr gerührt worden, damit die Besucher wiederkommen.

Es scheint zu funktionieren: Am Samstagnachmittag schlendern hunderte Messe-Gäste an den Tischen der Studios vorbei, lassen sich beraten oder von den ausgelegten Fotos inspirieren. Hier und da wird ein nackter Oberkörper oder eine Wade bearbeitet.

Beim Stand der Berlinerin Ines Kühn sitzt Thomas Frank. Immer und immer wieder fahren die 17 kleinen Nadeln in den Arm des Jagstzellers – Pausen gibt es nur, wenn die Hautkünstlerin kritisch ihre Arbeit betrachtet. Ein knorriger Baum soll in rund drei Stunden den Trizeps des 19-Jährigen zieren. „Meine Mutter war nicht gerade begeistert“, sagt Frank verschmitzt grinsend. Aber er fühle sich wohl beim Gedanken an das lebenslange Kunstwerk. Der Baum erinnere ihn daran, auch in schweren Zeiten standhaft zu bleiben.

„Hier sind die Leute aber ziemlich konservativ“, kritisiert eine andere Studioinhaberin das Ilshofener Publikum. „Die meisten möchten nur Mainstream-Tattoos.“ Tatsächlich beäugt manch’ ein Besucher Kira Windecks cartoonartige Zeichnungen mit einem Kopfschütteln.

Staunende Blicke gibt es hingegen im Studio von Denis Blume. Er und seine beiden Mitarbeiter haben sich auf realistische Schwarz-Weiß-Portraits spezialisiert. „Der Renner sind Frauengesichter und Tiere“, erklärt der 28-Jährige. Dabei dient ein Foto als Vorlage. Die Konturen werden zuerst mit Wasser gestochen – dabei entstehen sogenannte „Blutlinien“, die dem Tätowierer beim Schattieren helfen.

Messe mit  richtiger Größe

„Mich fasziniert es, die Vorstellungen der Kunden auf die Haut zu bringen. Manchmal stecken wirklich besondere Geschichten dahinter“, erzählt Blume. Wie viele er heute schon gestochen hat? „Unsere Tattoos sind eher groß und detailreich – normalerweise machen wir nicht mehr als eines pro Tag.“

Ganz anders sieht es bei den Ungarn Veronika Magyar und Gabor Lippai aus: Über zehn Tattoos haben sie am Samstag auf Mann und Frau gebracht. „Die Messe ist super“, lobt Lippai, „nicht zu klein und nicht zu groß. Beim nächsten Mal sind wir hoffentlich wieder hier.“ Das persönliche Ambiente wird in Ilshofen durch Piercing- und szenentypische Klamottenaussteller unterstützt. Dazu gibt es verschiedene kulinarische Angebote und Bühnenauftritte von Poledance bis zu Showbarkeepern. Highlight ist die Preisverleihung am Samstagabend: Miss Tattoo Deutschland kürt die besten der frisch gestochenen Körperkunstwerke.

Das richtige Motiv zu finden, ist schwer. Eine persönliche Bedeutung bleibt bestehen, auch wenn das Werk selbst langweilig geworden ist.

Der Preis hängt stark mit Größe und Detailreichtum des Motivs zusammen. Bei zu günstigen Angeboten sollten Interessierte vorsichtig sein - oft wird dann an Qualität gespart. „Nicht einmal ein Punkt darf weniger als 60 Euro kosten“, sagt Denis Blume. Soviel zahle ein Studio etwa für die hygienischen und technischen Vorbereitungen.

Die Entfernung ist schmerzhafter und teurer als das Stechen.

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