Holocaust: Ein Akkordeon rettet ihr Leben

Esther Bejarano ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Am Samstag kommt sie mit Rappern in den Haller Club Alpha.

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Esther Bejarano wird im Dezember 93 Jahre alt – aber für den Kampf gegen Rechtsextremismus geht sie noch heute als Rapperin auf die Bühne.  Foto: 

Esther Bejarano hat die Hölle von Birkenau überlebt – und die Liebe zum Leben und zur Musik nicht verloren. In Hall steht sie mit den Rappern der Band „Microphone Mafia“ auf der Bühne des Clubs Alpha – und singt gegen rechtsextreme Gewalt und gegen das Vergessen der NS-Zeit an. Im Frühjahr 2016 gab sie schon einmal ein solches Konzert in der Region und sprach vorher mit dem Hohenloher Tagblatt. Wir haben das Interview mit ein paar Fragen zur aktuellen Entwicklung ergänzt.

Mit fast 93 Jahren stehen Sie auf der Bühne, halten Vorträge in Schulklassen und werden nicht müde, die Erinnerung an das furchtbarste Kapitel der deutschen Geschichte wachzuhalten. Was gibt Ihnen die Kraft dazu?

Esther Bejarano: Die Kraft bekomme ich von den Menschen, die mir zuhören. Das gibt mir immer wieder Auftrieb.

Sie wurden im April 1943 im Alter von 18 Jahren aus einem Arbeitslager in Fürstenwalde in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Wussten Sie, was dort geschah?

Wir hatten keine Ahnung, was uns dort erwartet. Uns war bekannt, dass es Auschwitz gibt und dass es ein ganz schlimmes Konzentrationslager ist. Aber wir wussten nicht, dass Auschwitz ein Vernichtungslager ist. Wir wussten auch nicht, dass wir nach Auschwitz kommen. Man hat uns nur gesagt, dass wir in ein anderes Arbeitslager transportiert werden.

Dem Schlager „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ verdanken Sie Ihr Leben. Wie kam es dazu?

Ich musste in den ersten Wochen in Auschwitz schwere Steine schleppen. Mir war klar, dass ich das nicht lange machen kann. Meine Kräfte schwanden Tag um Tag. Dann kam eines Tages Sofia Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin und ebenfalls eine Gefangene. Sie hatte von der SS den Befehl bekommen, Frauen zu suchen, die ein Instrument spielen können, um mit ihnen ein Orchester zusammenzustellen. Das war mein Glück: Ich meldete mich und sagte ihr, dass ich Klavier spielen kann. Ein Klavier gab es aber nicht und sie sagte, dass sie nur eine Akkordeonspielerin gebrauchen könne. Ich hatte aber noch nie auf einem Akkordeon gespielt und dachte mir, dass ich alles versuchen muss, um aus diesem Arbeitskommando herauszukommen. Also sagte ich, dass ich auch das Akkordeon beherrsche. Als Prüfung sollte ich den damals sehr bekannten Schlager „Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami“ spielen. Ich bat darum, kurz in einer Ecke üben zu können. Mit den rechten Tasten hatte ich keine Probleme, weil ich ja Klavier spielen konnte. Nur mit den Akkorden auf der linken Seite hatte ich Probleme – und es grenzt an ein Wunder, dass ich mich damit zurechtfand. Sofia Tschaikowska hat letztlich mein Spiel akzeptiert. Aber ich bin überzeugt davon, dass sie wusste, dass ich noch nie in meinem Leben ein Akkordeon in den Händen gehalten hatte. Wahrscheinlich hat Sofia Tschaikowska bemerkt, dass ich musikalisch bin und dass sie mich deshalb gut in dem Orchester gebrauchen konnte.

Wurden die Mädchen und Frauen des Orchesters, die zusammen in einem Block des Frauenlagers in Birkenau lebten, anders behandelt als die übrigen Häftlinge?

Nein – wir mussten Appell stehen wie alle anderen und bekamen das gleiche schlechte Essen. Der einzige Unterschied war, dass wir keine schweren Arbeiten mehr machen mussten. Das war meine Rettung.

Welche Stücke musste das Orchester bei welchen Anlässen spielen?

Wir haben gespielt, wenn jeden Morgen die Arbeitskommandos das Lager verließen und wenn die Gefangenen abends zurückkehrten. Wir spielten hauptsächlich Marschmusik. Die SS wollte, dass sich die Gefangenen im Gleichschritt bewegen und so auch leichter zu zählen waren. Das Orchester musste auch antreten, wenn neue Transporte in das Lager kamen. Für uns war das furchtbar, denn wir wussten, dass diese Menschen für die Gaskammer bestimmt waren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Hinter uns stand die SS mit ihren Gewehren und man hätte uns erschossen, wenn wir uns geweigert hätten. Es war entsetzlich: Die Menschen haben die Musik gehört und winkten. Sie dachten wahrscheinlich: Wo man musiziert, da kann es nicht so schlimm sein. Das war die perfide Taktik der SS.

Haben Sie in Ihrem Leben eine Antwort auf die Frage gefunden, was ganz „normale“ Männer zu Massenmördern im staatlichen Auftrag gemacht hat?

Darauf habe ich keine Antwort. Die einzige Erklärung könnte sein, dass die NS-Propaganda gegen die Juden und die Re-
gime-Gegner ihre tödliche Wirkung zeigte. Aber bis heute kann ich es nicht begreifen, wie man Menschen dazu bringen kann, Millionen von anderen Menschen umzubringen.

Wer musiziert, legt seine ganze Seele in die Musik. In Birkenau mussten Sie vor der SS und ihren Opfern spielen – was hat Sie davor bewahrt, an diesem wahnwitzigen Widerspruch zu zerbrechen?

Ich habe mir immer wieder gesagt: Du musst das überleben und du lässt dich von diesen schrecklichen Nazis nicht kaputtmachen. Es gab sehr viele Mädchen und Frauen im Orchester, die diese Qual nicht ausgehalten haben und sich in dem mit Starkstrom geladenen Stacheldraht das Leben genommen haben.

Wo war Gott in Auschwitz?

Nirgendwo – er war nicht da. Ich kann nach Birkenau nicht mehr an Gott glauben.

Im September 1945 wanderten Sie nach Palästina aus. Warum haben Sie 1960 mit Ihrem Mann und Ihren Kindern Israel wieder verlassen?

Zum einen habe ich das Klima in Israel überhaupt nicht vertragen, ich war immer krank und alle Ärzte haben mir gesagt, ich müsse wieder in ein europäisches Klima. Zum anderen musste mein Mann in Israel in den Krieg ziehen, aber er wollte nie wieder bei einem Krieg mitmachen. Hätte er den Kriegsdienst verweigert, wäre er ins Gefängnis gekommen. Zudem waren mein Mann und ich mit der Politik in Israel nicht einverstanden: Wir konnten es nicht fassen, wie die Palästinenser diskriminiert wurden.

Mit welchen Gefühlen kehrten Sie in das Land der Täter zurück?

Das war sehr schwer für mich. Ich habe mich bei Menschen in meinem Alter, denen ich auf der Straße begegnet bin, oft gefragt, was sie während des Krieges gemacht haben. Vielleicht waren sie die Mörder meiner Eltern.

Sie haben über viele Jahre hinweg selbst in Ihrer Familie nicht über die Hölle in Birkenau gesprochen – woran lag das und was änderte Ihre Zurückhaltung?

Es hat sehr lange gedauert, bis ich überhaupt etwas erzählen konnte. Ganz bewusst sind wir auch nach Hamburg gezogen – ich wollte nicht in einer Stadt wohnen, wo ich schon mit meinen Eltern und meinen Geschwistern gelebt hatte. In Hamburg hatte ich eine Boutique, und eines Tages stand fast vor meiner Tür ein Infostand der NPD – mit denselben ausländerfeindlichen und antisemitischen Slogans wie damals. Das war grauenvoll für mich. Als junge Leute gegen diesen Auftritt der NPD demonstrierten, haben sich Polizisten vor diese Nazis gestellt und sind mit Knüppeln auf diese Demonstranten los. Ich hab’ dann einen Polizisten am Revers gepackt und ihn gefragt, wen er hier eigentlich schützt. Der Polizist sagte mir, dass ich in meinen Laden zurückgehen soll, sonst bekäme ich noch einen Herzinfarkt. Das hat mich noch mehr geärgert. Einer von den Nazis hat sich dann eingemischt und zu dem Polizisten gesagt, dass ich verhaftet werden müsste. Denn alle, die in Auschwitz gewesen waren, seien Verbrecher. Da hat es mir gereicht: Gleich am nächsten Tag wurde ich Mitglied bei der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.

Wie reagieren Schüler heutzutage darauf, wenn Sie von Ihren Erlebnissen in Birkenau berichten?

Die jungen Leute reagieren besser als noch vor 20 Jahren, sie stellen viele Fragen. Es ist eine Freude, das zu sehen.

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen SS-Männer aus Auschwitz vor Gericht, allesamt kleine Rädchen in der Mordmaschinerie des Lagers. Kommen diese Prozesse nicht viel zu spät?

Natürlich kommen diese Prozesse viel zu spät. Aber sie müssen geführt werden.

Was halten Sie von der europäischen Flüchtlingspolitik?

Ich verstehe diese Politik überhaupt nicht. Meine Schwester Ruth ist mit ihrem Mann vor den Nazis aus Holland in die Schweiz geflüchtet. Von dort wurden sie zurückgeschickt und von deutschen Grenzern erschossen. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man Menschen aufnehmen muss, die in ihrer Heimat bedroht werden.

Info Esther Bejarano singt am Samstag, 7. Oktober, ab 20 Uhr im Club Alpha (Spitalmühlenstraße) gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und den Mitgliedern der Kölner Hip-Hop-Combo Microphone Mafia Raps und jüdische Lieder.

Das Interview führte Harald Zigan, Redakteur beim Hohenloher Tagblatt, im März 2016.

Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter eines Oberkantors der jüdischen Gemeinde geboren. Ihre Eltern wurden im November 1941 nach Litauen deportiert und dort ermordet – was Esther Bejarano erst am Kriegsende erfuhr. Im April 1943 kam sie von einem Arbeitslager bei Fürstenwalde in das KZ Auschwitz-Birkenau, wo sie für das auf Befehl der SS gebildete Mädchenorchester des Lagers ausgewählt wurde. Im November 1943 wurde sie in das KZ Ravensbrück überstellt. Am Kriegsende 1945 gelang ihr die Flucht bei einem Todesmarsch. haz

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