Brexit hautnah: Matthias Wieland, Student aus Mainhardt, forscht zur Zeit in England

Freitag, 24. Juni: Am Vortag votierten die Briten für den Brexit, den Austritt aus der EU. Ein gebürtiger Mainhardter erlebt die Stimmung aus nächster Nähe.

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An diesem Morgen kann niemand so richtig arbeiten. Die Institutsangestellten stehen in Gruppen auf den Gängen oder in den Büros des Materialzentrums der Universität Leicester und diskutieren das Ergebnis des Vortags. Es ist Freitag, der 24. Juni 2016. Am Vortag stimmten die Einwohner des Vereinigten Königreichs über den Verbleib ihres Staates in der Europäischen Union ab. Da die Wahllokale erst um 22 Uhr Ortszeit schlossen, wurden die Wahlergebnisse erst im Laufe der Nacht bis in den frühen Morgen bekannt gegeben. Die Mitarbeiter der Universität waren, vor allem nach Bekanntgabe des Ergebnisses des ersten ausgezählten Wahlkreises Gibraltar um kurz nach halb zwölf, mit der Gewissheit und dem Optimismus eingeschlafen, dass Großbritannien Teil der EU bleiben würde.

Daher gab es für alle ein böses Erwachen, als am Freitagmorgen bekannt wurde, dass rund 52 Prozent der Wähler für den Austritt gestimmt hatten. Viele machen sich ernsthafte Sorgen um ihre Jobs, da die meisten Zuschüsse für Projekte an der Universität durch Programme der Europäischen Union mitfinanziert werden. „Der Brexit ist irre, die Universitäten bekommen jedes Jahr Millionen von der EU“, sagt Professor Andy Abbott.

Das Ergebnis des Referendums geht den Menschen spürbar nahe: „Ich habe mich schon lange nicht mehr so niedergeschlagen gefühlt“, erzählt Robert Harris, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts. Da der Großteil der Institutsmitarbeiter nicht aus Großbritannien, sondern aus der ganzen Welt und zu einem großen Teil auch aus dem Nahen Osten kommt, werden die fremdenfeindlichen Motive der Brexit-Befürworter mit Sorge gesehen, viele befürchten Übergriffe.

Die Stadt Leicester mit ihren 330.000 Einwohnern nimmt in der Migrationsfrage eine besondere Rolle ein. Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Textil- und Bekleidungsunternehmen in Leicester angesiedelt waren, wanderten nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele Menschen aus den ehemaligen britischen Kolonien Indien und Pakistan ein. Die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer ist aus dem Leben in Leicester nicht mehr wegzudenken: Die Menschen studieren an den beiden Universitäten, sind Mitglieder in Sportvereinen und arbeiten in den örtlichen Behörden. Beim Schlendern durch die Innenstadt fällt das Multikulti positiv auf, jedoch gehören auch vollverschleierte Frauen zum Stadtbild. Es wird vermutet, dass Leicester als erste britische Großstadt eine nicht-weiße Bevölkerungsmehrheit hat.

"Die EU reguliert alles", meint ein Frisör in der City

Jedoch sind nicht nur migrationskritische Stimmungen für den Austritt aus der Europäischen Union verantwortlich, so die öffentliche Meinung. „Die EU reguliert alles“, meint ein Frisör in der Innenstadt Leicesters. Viele Institutsmitarbeiter befürchteten im Vorfeld der Abstimmung, dass die ältere Bevölkerung gegen die EU votieren würde, da sich in den Köpfen immer noch die Vorstellung des großen, stolzen Empires halte. In den Tagen vor der Abstimmung ist auch zu hören, dass niemand wüsste, was bei einem Votum für den Austritt aus der EU geschehen würde. Manche hatten sich zwar Gedanken gemacht, fühlten sich jedoch nicht in der Lage, über die Frage des EU-Verbleibs entscheiden zu können und gaben ihre Stimme daher nicht ab. Die Unsicherheit, wie es nun wohl weitergeht, ist am 24. Juni stark zu spüren.

Auch die weitere Teilnahme von Großbritannien am Erasmus-Programm ist nicht gesichert. Gegründet 1987, hat es Auslandsaufenthalte von Millionen Studenten innerhalb der Europäischen Union ermöglicht. Auch mein Aufenthalt in England wäre ohne das Erasmus-Programm nicht möglich gewesen, das die Studiengebühren im Zielland übernimmt. Vielen Briten ist auch klar, dass Großbritannien auf ausländische Wissenschaftler angewiesen ist: „Wir schätzen den Einsatz und die Mitarbeit aller Studenten und Angestellten der Universität aus der EU sehr hoch“, schreibt der Vize-Kanzler der Universität Leicester, Professor Paul Boyle. Trotzdem scheint nun der britische Staat gerade internationalen Studenten und Akademikern das Leben schwer machen zu wollen.

Alle internationalen Promotionsstudenten (in der dreijährigen Promotion nach dem Masterstudium wird der Doktor-Titel erworben) sind auf Stipendien angewiesen, mit denen sie die fünfstelligen Studiengebühren pro Jahr bezahlen können. Auch für das Bachelor- und Masterstudium werden in England Studiengebühren von meistens 9000 Pfund erhoben, wobei internationale Studenten höhere Gebühren zahlen müssen. Trotz der höheren Studiengebühren sind, zumindest an der Universität in Leicester, subventioniertes Mensaessen oder günstige Studentenwohnheime nicht vorhanden. Da die meisten Stipendien der internationalen Studenten in Dollar ausgezahlt werden, sehen diese im Brexit auch etwas Gutes: Weil der Wechselkurs zwischen Pfund und Dollar gesunken ist, wird für sie das Leben in England günstiger.

Trotz der hohen Studiengebühren kommen viele Studenten und Akademiker nach England. Das Englischniveau, das man in Deutschland aus der Schule mitnimmt, reicht nach einer kurzen Eingewöhnungsphase aus, um sich gut zurechtzufinden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es leichter ist, mit anderen internationalen Studenten Englisch zu reden, da dieses im Gegensatz zum britischen oder noch viel eher dem schottischen Englisch akzentfrei ist. Das Entscheidende an einem Auslandsaufenthalt ist das Kennenlernen von Menschen aus aller Welt, die die Offenheit gegenüber Neuem verbindet. Ob Großbritannien nach dem EU-Referendum das Zielland für so viele Menschen aus aller Welt bleibt, fragen sich an diesem 24. Juni nicht nur die Institutsmitarbeiter des Materialzentrums.
 

Der Autor

Matthias Wieland , Jahrgang 1991, ist in Mainhardt aufgewachsen und hat 2011 am Evangelischen Schulzentrum Michelbach Abitur gemacht. Seit 2011 studiert er an der Universität Stuttgart Chemie, seit 2014 ist er im Masterstudiengang. Seit April und noch bis Ende Juli nimmt er an einem Forschungsprojekt an der Universität in Leicester teil. Die Stadt hat rund 330.000 Einwohner und liegt zwei Autostunden nördlich von London in den East Midlands. In dem Projekt geht es um die Entwicklung eines Verfahrens, bei dem Kosten, Umweltgifte und Abwässer bei der Gewinnung von Edelmetallen aus Erzen reduziert werden können. Matthias Wieland war als Schüler Mitglied der Jugendredaktion. 

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