Boom bringt neue Herausforderungen

Dem Handwerk geht es gut – das machte die Vollversammlung der Handwerkskammer deutlich. Vom Fachkräftemangel bis zur Sorge um die Meisterpflicht gibt es aber auch Herausforderungen.

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Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit oder Ausbildung ist eine große Aufgabe, die im Handwerk mit der Zeit immer besser gelingt.   Foto: 

Es boomt im Handwerk nach wie vor“, sagte Ina von Cube, Ministerialrätin im Landeswirtschaftsministerium, diese Woche vor der Vollversammlung der Handwerkskammer Heilbronn-Franken. Die Beschäftigung sei deutschlandweit auf Rekordniveau, und zum vierten Mal hintereinander habe es landesweit einen Zuwachs bei der Zahl der neuen Ausbildungsverträge gegeben. Nur eine Schattenseite habe der Boom: „Der Fachkräftemangel verschärft sich immer weiter.“

Kammerpräsident Ulrich Bopp bestätigte die Einschätzung für die Region: „Die Stimmung im Handwerk in der Region Heilbronn-Franken war auch im dritten Quartal blendend.“ Drei von vier Handwerkern hätten bei der jüngsten Konjunkturumfrage ihre aktuelle Geschäftslage positiv bewertet, 77 Prozent erwarteten gute Geschäfte in den nächsten Monaten. Besonders erfreulich: „Knapp 16 Prozent der Betriebe konnten trotz Fachkräftemangel neue Mitarbeiter einstellen.“

Mehr neue Azubis

Der Bedarf an neuen Mitarbeitern wird voraussichtlich weiter ansteigen, doch interessieren sich auch immer mehr junge Menschen für das Handwerk: Auch in der Region steigen die Ausbildungszahlen an. So wurden in diesem Jahr bis einschließlich Oktober schon 2,9 Prozent mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als im gesamten letzten Jahr, berichtete die Abteilungsleiterin Berufsbildung, Kerstin Lüchtenborg. Bis Jahresende würden es voraussichtlich sogar drei Prozent mehr sein.

Neue Fachkräfte finden die Betriebe längst auch unter den Flüchtlingen. Eine Schlüsselrolle bei ihrer Vermittlung ins Handwerk spielt Figen Sülün: Seit Anfang 2016 hat die „Kümmererin“ 213 Flüchtlinge beraten, von denen sie 105 weitervermitteln konnte – in Förderprogramme, an die Berufsfachschule oder in Praktika, für 29 fand sie direkt einen Ausbildungsplatz. „Die Betreuungsquote von 1:20 hat Frau Sülün damit mehr als übererfüllt“, berichtete Ulrich Bopp. Dabei sei die „Kümmererin“ allerdings an ihre Grenzen gekommen, sodass der Vorstand im Oktober entschieden habe, beim Land eine weitere Stelle für das Projekt „Integration durch Ausbildung – Perspektive für Flüchtlinge“ zu beantragen.

Fortgesetzt wird ab April 2018 auch das Projekt „Pro Beruf“, an dem 80 Flüchtlinge teilnehmen können  – doppelt so viele als bei  der ersten Auflage. „Pro Beruf“ bietet Berufsorienterung für „Vorbereitung in Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse“ (VABO)-Klassen sowie VKL-Klassen an allgemeinbildenden Schulen, die das Ziel haben, junge Menschen mit möglichst passgenauen Angeboten schnell in eine Regelklasse zu integrieren. Zudem ist seit Jahresanfang Andreas Spielmann als Willkommenslotse tätig: Er unterstützt die Handwerksbetriebe bei der Suche nach geeigneten Flüchtlingen und setzt  sich für deren Integration ein.

Für den Erhalt des Meisterbriefs als Zulassungsvoraussetzung für viele Handwerksberufe setzt sich unterdessen Kammerpräsident Bopp ein: Bei mehreren Delegationsreisen  zur EU sei es den Vertretern des deutschen Handwerks gelungen, „dass die bewährten Strukturen in Deutschland nicht infrage gestellt werden“. Initiativen, welche die Meisterqualifikation wieder stärken sollen, unterstütze das deutsche Handwerk – etwa die Forderung, „die Meisterpflicht wieder auf weitere Berufe auszuweiten, die 2004 mit der Reform der Handwerksordnung dereguliert worden sind“.  Dabei müssten aber die bewährten Strukturen erhalten bleiben. Auch müsse die Lösung am Ende „verfassungskonform und mit der EU fest sein“. Zu diesem Zweck wurde im Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) eine Planungsgruppe eingerichtet.

Ein weiteres Thema, das den Handwerkern unter den Nägeln brennt, ist die Digitalisierung. In aktuellen Debatten stünden oft nur die Interessen von Großindustrie und Handel im Fokus, beklagte Kammer-Vizepräsident Markus May:  „Die kleinen und mittelständischen Unternehmen – die KMU – und besonders das Handwerk werden dabei kaum bis gar nicht berücksichtigt.“

Viele ungeklärte Fragen

Von der Qualifizierung an- und ungelernter Arbeitskräfte aus der Industrie, die durch die Digitalisierung ihren Job verlieren könnten, über Datenschutz und zunehmende Bürokratie bis  hin zur Verfügbarkeit einer schnellen Internetverbindung stünde das Handwerk vor vielen ungeklärten Fragen. Nicht alle könne jedes Unternehmen für sich selbst lösen, oft sei eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit KMU aus anderen europäischen Staaten notwendig.

Neue Chancen biete die „Wirtschaft 4.0“ in der Aus- und Weiterbildung – etwa durch den Einsatz von Lehrvideos. Doch könne sich eine zu weitreichende Digitalisierung auch kontraproduktiv auswirken: „Kritisch hinterfragen sollten wir abschließend aber auch, wie viel Digitalisierung braucht das einzelne Unternehmen wirklich? Welchen Nutzen hat das Unternehmen, wenn sich die hergestellte Wurst oder das Brot mit dem Internet verbinden kann?“

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