Mann fällt acht Meter tief: Geldbuße für Mitarbeiter

Ein 17-Jähriger stürzt aus einem Fenster des Haller Sonnenhofs. Die Mutter erhebt schwere Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein.

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Ich war fix und fertig. Ich habe gefragt, ob mein Sohn noch lebt“, berichtet die Mutter eines verunglückten Jungen in einem Beitrag des Onlineportals RTL-Next. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Leitung des Schwäbisch Haller Sonnenhofs. „Es hätte nicht passieren dürfen“, schluchzt die Frau unter Tränen in die Kamera des Senders.

„Uns hat dieser Medienbericht überrascht“, sagt Pfarrer Michael Werner, Vorstand der sozialen Einrichtung. „Der Beitrag ist überzogen und in Teilen nicht korrekt.“ Allerdings handele es sich um ein laufendes Verfahren. Die Sonnenhofleitung dürfe daher keine Details nennen. Werner: „Wir sind froh, dass es dem Jungen wieder gut geht und er weiterhin bei uns in der Einrichtung lebt. Darin zeigt sich, dass die Eltern weiterhin Vertrauen in den Sonnenhof haben.“

Mehr zu erfahren ist bei Polizei und Staatsanwaltschaft in Hall. „Wir wurden am 15. August um 5.06 Uhr über einen Fenstersturz informiert. Eine Streife traf um 5.15 Uhr am Sonnenhof ein. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits ein Notarztwagen und ein Rettungswagen vor Ort und der Patient war bereits ärztlich versorgt.“ Anders als bei RTL dargestellt, war es also nicht die Polizei, die den Jungen fand. Er lag möglicherweise aber tatsächlich zuvor eine längere Zeit am Boden.

Details kennt Staatsanwalt Peter Bracharz: „Das Fenster im Zimmer war geschlossen, aber wohl nicht richtig verriegelt.“ Der Raum wurde mit einer Decke verdunkelt. Die wurde ins Fenster geklemmt. Möglicherweise, aber das sei nicht sicher, wurde so der Schließmechanismus außer Kraft gesetzt. Dieses System verhindere ansonsten, dass der behinderte Bewohner das Fenster selbstständig öffnen kann. Die Tür war verriegelt. Bracharz: „Der Bewohner hat in dieser Nacht etwas gemacht, was er sonst nicht macht.“ Warum er zum Fenster ging und drei Stockwerke tief fiel? Das kann Bracharz nicht beantworten. Der autistische Jugendliche  ist so schwer behindert, dass man mit ihm nicht darüber sprechen kann.

Fahrlässige Handlung

„Der Blick auf die Hebelstellung des Fensters kann unterschiedlich gewertet werden“, gibt Bracharz zu bedenken. Möglicherweise sah es so aus, als ob der Verschluss verriegelt wäre, obwohl dies in der Realität nicht zutraf.

Es sei eine fahrlässige Handlung, wie man sie häufig aus dem Straßenverkehr kennt, vergleicht es Bracharz. „Die Folgen können aber gravierend sein.“ Der Junge hätte sterben können. Daher hat die Staatsanwaltschaft einem Mitarbeiter, der in der Nacht einen Kontrollgang machte, eine Geldbuße auferlegt.

Ein Mitarbeiter, der unter das Jugendstrafrecht fällt und ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, hat den Bewohner zu Bett gebracht. Er erhält eine „Weisung“ als Verwarnung. Bracharz: „Beide Verfahren wurden gegen diese Auflagen eingestellt.“ Mit hineingespielt habe die Tatsache, dass es seit Jahren keine Vorkommnisse gab, und dass man den Mitarbeitern „nicht widerlegen könne, dass sie ihre Aufgaben gemacht haben“.

Per „Zuschauerpost“ hat sich die Mutter des Jungen an RTL-Next gewandt. Zu sehen ist in dem Film-Beitrag vom 30. November auf einem Foto der Sohn, unverpixelt und entstellt durch einen Kieferbruch nach dem Sturz. Zudem soll er mehrere Brüche der Halswirbelsäule, einen Schlüsselbeinbruch, eine Herzprellung und zerstörte Rippen davongetragen haben. Die Eltern fordern Schadensersatz. Wollen sie mit dem RTL-Beitrag ihre Position bei den Verhandlungen stärken?

Der Beitrag wird in Online-Netzwerken geteilt, taucht auch in einer Schwäbisch Haller Facebook-Gruppe auf. Einige Gruppenteilnehmer wundern sich darüber, dass die Mutter ihren Sohn mit Namen und Foto bloßstellt. Andere verweisen darauf, dass auch in anderen Einrichtungen und Krankenhäusern, Fenster offen stehen. Kinder seien besonders gefährdet.

Im Sonnenhof nimmt man den Fall ernst. Die Leitung sei mit den Eltern des Jungen in Kontakt. „Wir wollen das mit der Familie gut zu Ende bringen“, sagt Vorstand Thomas Edelbluth. Anders als im  RTL-Beitrag vermittelt, analysiere der Sonnenhof das Unfallrisiko für seine Bewohner sorgfältig.

Sowohl intern in der Einrichtung als auch extern mit der Polizei werde der Fall aufgearbeitet. Sonnenhof-Pressesprecher Traugott Hascher: „Sobald das Verfahren abgeschlossen ist, werden wir ausführlich darüber berichten. Wir sind froh, dass es dem Jungen wieder gut geht. Ich habe ihn kürzlich beim Essen getroffen.“

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